„Wir wollen die Realität aufs Korn nehmen und schräg auf die Zustände gucken“

28.05.2026

6 min Lesezeit

Autor*in:
Markus Wölfelschneider

Andpartnersincrime machen Theater an der Schnittstelle zu Aktivismus und Kunst. Für seine Arbeiten sucht sich das dreiköpfige Kernteam immer wieder neue Verbündete. Das neueste Projekt gibt Care-Arbeit eine Bühne: Eine Kantine im Mousonturm.

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Kein Proberaum, sondern eher ein Büro. „Hier treffen wir uns, um gemeinsam zu denken und Konzepte zu entwickeln, die dann anderswo weitergesponnen werden“, erzählt Nepomuck Bendukat. „Es ist so etwas wie unser Situation Room“, ergänzt Eleonora Herder. „Unsere Basis“, sagt Benjamin Bay – und alle drei lachen, weil man es nun wirklich nicht treffender ausdrücken kann. Wir befinden uns nämlich tatsächlich unter dem Dach der Ateliergemeinschaft Basis im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Hinter der Tür steht ein Sofa. An den Wänden hängt ein Whiteboard zwischen Theaterplakaten. Im Regal reihen sich Aktenordner aneinander. „80 Prozent unserer Arbeit besteht aus Verwaltung. Leider. Und die erledigen wir vor allem hier“, sagt Herder. Der kleine Raum wirkt dank seines Fensters zum Hinterhof zwar etwas dunkel, macht aber trotzdem einen sehr gemütlichen Eindruck. Vielleicht auch wegen des Kaffees und der Kekse auf dem Tisch.

Drei modisch gekleidete Personen lächeln in einer Küche vor einem Fenster.
Foto: Neven Allgeier
Plakat für "FÜR DIE, DIE NICHT DAZUGEHÖREN" von NAXOS, mit Terminen und Infos zu einem Audiowalk.
Foto: Neven Allgeier
Bücherregal mit diversen Büchern, Ordnern, Deko-Elementen und einem eingerahmten Bild.
Foto: Neven Allgeier

„Es geht darum, feste Zuschreibungen in Frage zu stellen“

Nepomuck Bendukat

Theater ohne feste Bühne

Auf Bühnen im eigentlichen Sinne stehen andpartnersincrime eher selten. Die Gruppe versteht Theater als soziale Praxis, die nicht an einen festen Ort gebunden ist. Vergangenes Jahr haben sie eine Kaffeefahrt mit dem Titel „Rechts von uns das Land“ auf die Beine gestellt. Der Bus machte im Rhein-Main-Gebiet an Hot-Spots einer rechtskonservativen bis rechtsradikalen Szene Station. Die Reiseleitung übernahm die Performerin Anna Stiede, die dafür in die Rolle einer Tradwife schlüpfte – die trendige Version einer klassischen Hausfrau mit Hang zu antifeministischen Ideologien. Das Team war im Stil des höfischen Adels herausgeputzt.

„Wir wollen die Realität aufs Korn nehmen und schräg auf die Zustände gucken. Nicht moralisierend und anklagend, sondern mit Witz und Poesie“, sagt Bendukat. Andpartnersincrime machen Theater an der Schnittstelle zu Aktivismus und Kunst. Die Stücke sind nie rein fiktional, sondern beschäftigen sich oft mit ganz realen gesellschaftlichen Zuständen. Dokumentarisches Theater lautet das Stichwort.

Ein beschriftetes Whiteboard mit Notizen, Plänen und einer rosa Karte.
Foto: Neven Allgeier

Kochen als Kulturpraxis

Ihr nächstes Projekt ist eine Stadtteilküche. Zusammen mit anderen Initiativen machen sich andpartnersincrime dafür stark, dass Ernährung Teil der kommunalen Infrastruktur werden soll. „Es gibt Bibliotheken und Schwimmbäder – warum eigentlich keine öffentlichen Kantinen?“, fragt Herder. „Wir wollen nun nach dem Prinzip der ‚Fiktionalen Produktion‘ in einem Pilotprojekt einfach mal ausprobieren, wie so etwas aussehen könnte.“

An gleich zwei Frankfurter Orten wollen andpartnersincrime ab August oder September Kantinen betreiben. Einmal in der leerstehenden Kantine der Wohnungsbaugesellschaft ABG im Stadtteil Riederwald. Außerdem im Mousonturm – einem Theater also. „Wenn wir ein Theater zur Kantine und eine Kantine zum Theaterprojekt erklären, geht es auch darum, feste Zuschreibungen in Frage zu stellen“, sagt Bendukat. Die Aktion ist inspiriert von Strömungen wie Institutional Critique und Maintenance Art, die den Kulturbetrieb kritisch hinterfragen. Herder, Bendukat und Bey sind Fans der Künstlerin Mierle Laderman Ukeles, die in den Siebzigerjahren Museumstreppen putzte und diese Aktion dann zur Kunst erklärte. Ziel war es – oft als Frauensache abgestempelte – Care-Arbeit sichtbar zu machen und in den Mittelpunkt des Kulturbetriebs zu stellen.

Andpartnersincrime haben Kapazitäten für eine große Produktion pro Jahr. Dazu kommen Wiederaufnahmen älterer Stücke. „Rechts von uns das Land“ soll Anfang 2027 mit neuen Bustouren fortgesetzt werden. Diesen Juni wird im Rahmen des MADE.Festivals „Über das Unbehagen zu wohnen“ in Darmstadt und Offenbach erneut aufgeführt. In dieser Lecture-Performance setzt sich Eleonora Herder mit ihrer deutsch-jüdischen Familiengeschichte auseinander.

Plakat für die "Akademie der radikal sorgenden" am 7.-8.10.22 in Frankfurt, präsentiert von ada_kantine.
Foto: Neven Allgeier
Plakat zur Veranstaltung "Boundaries – Ein Archiv zukünftiger Fundstücke" im Weltkulturen Museum für Performance.
Foto: Neven Allgeier
Ein orangefarbenes Plakat über eine Wohnveranstaltung mit Bildern und Datum, daneben eine Kaffeekanne.
Foto: Neven Allgeier

„Mir ging es darum, Kunst als eine Form von Kompliz*innenschaft mit bestimmten Themen und Communitys zu versehen“

Eleonora Herder

Von Kompliz*innen zum Kernteam

Herder gründete andpartnersincrime 2017. „Mir ging es darum, Kunst als eine Form von Kompliz*innenschaft mit bestimmten Themen und Communitys zu versehen“, erzählt sie. „Wir sind zwar kein Kollektiv in dem Sinne, dass wir alle Entscheidungen basisdemokratisch aushandeln. Aber wir arbeiten sehr kollaborativ. Alle Menschen, die wir mit ins Boot holen, sind dazu eingeladen, inhaltlich mitzudenken.“

Am Anfang war auch noch Tim Schuster mit dabei, der das Offene Haus der Kulturen auf dem ehemaligen Campus in Bockenheim leitet. Bendukat und Bey schlossen sich später an. „Ich kam als Partner in Crime dazu und bin dann einfach geblieben“, sagt Bendukat. „Ich auch“, ergänzt Bey. Die drei bilden inzwischen das Kernteam von andpartnersincrime.

Drei Personen entspannt vor einem Fenster in lässiger, farbenfroher Kleidung in Gelb- und Grüntönen.
Foto: Neven Allgeier

Arbeiten zwischen Cloud und Kulturbetrieb

Herder hat Regie in Barcelona und Theaterwissenschaften in Gießen studiert. Bendukat Dramaturgie in Frankfurt. Bey, der sich im Team vor allem um Produktionsmanagement, Controlling und Vertragswesen kümmert, ist studierter Kunstwissenschaftler. Bendukat wohnt mittlerweile in Berlin und schreibt an einer Doktorarbeit. „Das ist aber kein Problem. Wir arbeiten viel remote, treffen uns regemäßig online und haben eine gemeinsame Cloud.“

Dank einer Mehrjahresförderung vom Kulturamt haben andpartnersincrime ein recht hohes Maß an Planungssicherheit. „Natürlich ist das kein Vergleich mit den Möglichkeiten, die man zum Beispiel an einem Staatstheater hat“, sagt Herder. „Aber für ein Projekt in der freien Szene sind wir ganz gut finanziert“, so Herder weiter. „Das ist alles andere als selbstverständlich.“

Bevor wir uns verabschieden, steigen wir alle zusammen auf den langen Balkon im obersten Stockwerk des Atelierhauses. Von dort hat man einen tollen Blick über die Stadt. Blumentöpfe voller Zigaretten und jede Menge Kronkorken auf der äußeren Fensterbank zeugen von unzähligen Kreativpausen, die hier oben eingelegt wurden. Wir fügen eine – kurze – weitere Auszeit hinzu, dann verschwinden wir im Getümmel des Bahnhofsviertels.

Eine Gruppe von Personen auf einem Balkon mit Pflanzen und Möbeln, umgeben von städtischer Architektur.
Foto: Neven Allgeier

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