„Wir wollen die Realität aufs Korn nehmen und schräg auf die Zustände gucken“
28.05.2026
6 min Lesezeit
Andpartnersincrime machen Theater an der Schnittstelle zu Aktivismus und Kunst. Für seine Arbeiten sucht sich das dreiköpfige Kernteam immer wieder neue Verbündete. Das neueste Projekt gibt Care-Arbeit eine Bühne: Eine Kantine im Mousonturm.
„Es geht darum, feste Zuschreibungen in Frage zu stellen“
Nepomuck Bendukat
Theater ohne feste Bühne
Auf Bühnen im eigentlichen Sinne stehen andpartnersincrime eher selten. Die Gruppe versteht Theater als soziale Praxis, die nicht an einen festen Ort gebunden ist. Vergangenes Jahr haben sie eine Kaffeefahrt mit dem Titel „Rechts von uns das Land“ auf die Beine gestellt. Der Bus machte im Rhein-Main-Gebiet an Hot-Spots einer rechtskonservativen bis rechtsradikalen Szene Station. Die Reiseleitung übernahm die Performerin Anna Stiede, die dafür in die Rolle einer Tradwife schlüpfte – die trendige Version einer klassischen Hausfrau mit Hang zu antifeministischen Ideologien. Das Team war im Stil des höfischen Adels herausgeputzt.
„Wir wollen die Realität aufs Korn nehmen und schräg auf die Zustände gucken. Nicht moralisierend und anklagend, sondern mit Witz und Poesie“, sagt Bendukat. Andpartnersincrime machen Theater an der Schnittstelle zu Aktivismus und Kunst. Die Stücke sind nie rein fiktional, sondern beschäftigen sich oft mit ganz realen gesellschaftlichen Zuständen. Dokumentarisches Theater lautet das Stichwort.
„Mir ging es darum, Kunst als eine Form von Kompliz*innenschaft mit bestimmten Themen und Communitys zu versehen“
Eleonora Herder
Arbeiten zwischen Cloud und Kulturbetrieb
Herder hat Regie in Barcelona und Theaterwissenschaften in Gießen studiert. Bendukat Dramaturgie in Frankfurt. Bey, der sich im Team vor allem um Produktionsmanagement, Controlling und Vertragswesen kümmert, ist studierter Kunstwissenschaftler. Bendukat wohnt mittlerweile in Berlin und schreibt an einer Doktorarbeit. „Das ist aber kein Problem. Wir arbeiten viel remote, treffen uns regemäßig online und haben eine gemeinsame Cloud.“
Dank einer Mehrjahresförderung vom Kulturamt haben andpartnersincrime ein recht hohes Maß an Planungssicherheit. „Natürlich ist das kein Vergleich mit den Möglichkeiten, die man zum Beispiel an einem Staatstheater hat“, sagt Herder. „Aber für ein Projekt in der freien Szene sind wir ganz gut finanziert“, so Herder weiter. „Das ist alles andere als selbstverständlich.“
Bevor wir uns verabschieden, steigen wir alle zusammen auf den langen Balkon im obersten Stockwerk des Atelierhauses. Von dort hat man einen tollen Blick über die Stadt. Blumentöpfe voller Zigaretten und jede Menge Kronkorken auf der äußeren Fensterbank zeugen von unzähligen Kreativpausen, die hier oben eingelegt wurden. Wir fügen eine – kurze – weitere Auszeit hinzu, dann verschwinden wir im Getümmel des Bahnhofsviertels.
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