3 Fragen an Nora Al-Badri
22.07.2026
7 min Lesezeit
Zwischen Babylon und Blackbox: Nora Al-Badri nutzt künstliche Intelligenz, um koloniale Machtverhältnisse sichtbar zu machen und kulturelles Erbe neu zu verhandeln. Ein Gespräch mit Co-Kurator Antonio Somaini über Erinnerung, Technologie und die politische Kraft synthetischer Bilder.
Dein Werk „Babylonian Vision“ (2020) war eines der ersten, das sich mit generativer KI aus einer dekolonialen Perspektive auseinandergesetzt hat. Kannst du uns mehr darüber erzählen? Und wie siehst du dieses Werk heute, sechs Jahre später, vor dem Hintergrund einer Landschaft generativer KI, die sich seitdem in vielerlei Hinsicht verändert hat?
Nora Al-Badri
„Babylonian Vision“ verkörpert viele Aspekte, die im Herzen meiner Praxis liegen: es ist eine institutions- oder vielmehr machtkritische Arbeit. Sie ist gleichermaßen antikolonial und versucht vorsichtig, eine emanzipatorische und positive Zukunft zu entwerfen. Außerdem eignet sich die Arbeit KI-Systeme auf subversive Weise an – auch durch eine Form von Hacking.
Das klingt vielleicht etwas abstrakt, aber ich möchte versuchen das kurz zu erklären. Doch zunächst noch ein paar Sätze über meine Motivation zu dieser Arbeit: Das besondere an „Babylonian Vision“ ist für mich der autobiographische Anteil. Ein Teil meiner Familie lebt im Irak, aber ich konnte noch nie dort hin, weil es nicht sicher genug ist. Für mich ist Technologie also auch eine Möglichkeit, mit den (Wissens-)Systemen meiner Familie und Vorfahren in Kontakt zu bleiben und diese zu erleben. Der Irak ist in vielerlei Hinsicht ein reiches Land: reich an Geschichten, Kunst, Wissen und ich war es leid, immer nur die Nachrichten oder Gespräche über Zerstörung *durch den Westen* und die Kriege und Sanktionen zu hören.
Also habe ich mit Hilfe von generativer KI eine Arbeit geschaffen und zunächst mal ein – wie ich es nenne – „Datenset des Südens“ erstellt und mir damit auch die geraubten Artefakte auf einer digitalen Ebene wieder angeeignet. Es waren knapp 10.000 Bilder von mesopotamischen, neo-sumerischen und assyrischen Objekten (allesamt gefangen in den Museen des Globales Nordens) mit denen ich ein Generative Adversarial Network (GAN) trainiert habe um zukünftige, mögliche, neue Objekte entstehen zu lassen. Da die Museen ihre Daten auch nach Anfrage nicht zur Verfügung gestellt haben, habe ich ihre Datenbanken gescraped [Anm. d. Red.: Scrapen ist das automatisierte oder manuelle Auslesen und Extrahieren von Daten aus Webseiten oder Programmen, um diese zu speichern und weiterzuverarbeiten].
Viele KI-Systeme sind bis heute eine Blackbox, d.h. wir können als Nutzer*innen nicht nachvollziehen, welche Daten für das Training genutzt wurden. Das ist hochproblematisch, aber in meiner Arbeit eben auch emanzipatorisch, da die Museen nicht nachweisen können, dass ich wirklich ihre Daten genutzt habe. Es macht mich glücklich, dass ich so viel positive Resonanz zu dieser Arbeit aus dem Irak erhalten habe.
Generative KI ist aus meiner Sicht für die Kunst nur dann interessant, wenn wir es mit einer konzeptionellen Arbeit zu tun haben, die sich auch mit den KI-Systemen selbst beschäftigt. Aber nicht ausschließlich. Diese Systeme werden immer als etwas Futuristisches dargestellt, dabei arbeiten alle Maschinenintelligenzen mit Daten, die der Vergangenheit angehören. Sobald sie eingegeben sind, sind sie vergangen. Ist es dann nicht folgerichtig, archäologische Daten zu nutzen? Zudem gab es 2020 – und so viel hat sich daran bis heute nicht geändert – eigentlich nur eine Sache, die neuronale Netzwerke wirklich gut konnten: Mustererkennung (Pattern recognition). Es war wunderbar für mich zu sehen, wie ich mit GANs ganze Bildwelten einer zeitlichen Ära und Region, nämlich Babylon, zum Leben erwecken und weiter gestalten konnte. Natürlich sind es spekulative und abstrakte Einblicke in die Suche nach Bildsprache, Form und Muster einer Epoche innerhalb eines spezifischen räumlichen Kontexts: dem Babylonischen.
Diese synthetischen Bilder sind eine Art lebendige Erinnerung und das generierte Bild ist zugleich das Artefakt selbst. Trotz der Digitalität dieser Arbeit ist die Materialität von großer Bedeutung, da es sich bei den Ausgangsbildern um Abbildungen materieller Objekte unserer Vergangenheit handelt. Wenn man MI als eine Technologie betrachtet, die einen Teil unser kollektives Gedächtnis abbildet und verarbeitet, ist es sinnvoll, sie auf unsere kulturelle „Big Data“ der Vergangenheit anzuwenden und neue Bilder als Spuren und zirkulierende Bildwelten zu generieren. Die Input-Bilder dieser Datenbanken tragen selbst Zeit und Erinnerung in sich (Patina, Bruchstücke). In der Folge entstehen neue synthetische Bilder als lebendige Erinnerung. Das generierte Bild ist zugleich das Artefakt selbst.
Sechs Jahre später gibt es ganz andere generative Modelle und Möglichkeiten, aber interessanterweise sind es immer noch die GANs, die den sogenannten latenten Raum ohne „Halluzinationen“ am besten generieren können. Das Schöne ist, dass generative KI zugänglicher geworden ist, aber leider machen sich die wenigsten Nutzer*innen die Arbeit, selbst Modelle zu trainieren, sie zu verstehen und achtsam mit der benötigten Energie und den Ressourcen umzugehen…
Kurz nach „Babylonian Vision“ hast du an einem weiteren Projekt gearbeitet, „The Post-Truth Museum“ (2021–2023), das sich unter anderem ebenfalls mit der „imperialen Plünderung“ befasst, die vielen Kunstsammlungen in westlichen Museen zugrunde liegt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Werken?
Nora Al-Badri
„The Post-Truth Museum“ ist im Grunde eine Weiterführung von „Babylonian Vision“, aber mit etwas anderen KI-basierten Techniken (Deepfake, Natural Language Processing etc.).
Die Arbeit ist ein Versuch, ein gerechtes, antikoloniales und zeitgemäßes Museum zu entwerfen. Dazu habe ich einige meiner Freund*innen und Kollaborateur*innen, die sich alle seit Jahren mit Kritik am Diskurs über Restitution und Reparationen abarbeiten, dazu eingeladen etwas andere Texte zu schreiben. Nämlich ihre Vision für die Museen, die dann von drei Museumsdirektoren performed werden. Also habe ich auch hier durch Technologie versucht, für einen Moment das Machtverhältnis zu verändern oder gar umzukehren. Die Museen (also das Louvre, British Museum und Stiftung Preußischer Kulturbesitz) haben sich die materiellen Objekte ganzer Kulturen angeeignet. Das wird auch als Raub von Identitäten bezeichnet. In dem Deepfake habe ich mir in Bild und Ton die Identitäten der Museen bzw. ihrer Vertreter*innen angeeignet, um eine andere potenzielle Zukunft zu zeigen: eine versöhnliche, heilende und gerechte, in der auch Couscous im Museum gegessen werden kann…
An welchen neuen Projekten im Bereich KI arbeitest du derzeit?
Nora Al-Badri
Während ich in Elternzeit war, begann der Genozid in Gaza. Das war für mich ein Wendepunkt. Eine moralische Krise unserer Zeit. Und ich wusste, meine nächste Arbeit wird sich mit dem „Verbrechen aller Verbrechen“, dem „crime of crimes“ beschäftigen. Für mich als Künstlerin, übrigens auch als Mutter (gerade toben meine Kinder auf mir herum und ich versuche seit fünf Minuten das richtige Wort zu finden) ist das „unausweichlich“. Da wir zurzeit Zeug*innen von mehreren Genoziden bzw. der Vorbereitung von Genoziden sind – man denke nur an Sudan, Kongo, Myanmar, China usw. – ergäbe alles andere momentan keinen Sinn und wäre verantwortungslos. Gaza ist übrigens der erste KI-assistierte Genozid. Mich interessiert daran auch das Thema der Zensur, besonders in Deutschland, denn das betrifft Künstler*innen und Wissenschaftler*innen (Genozid- und Holocaustforscher*innen) gleichermaßen. KI wird beim Thema Genozid natürlich auch heftig zensiert. Man kann das europäische Mistral Modell nach diversen Genoziden befragen und wird eine komplett andere Antwort erhalten, als wenn man das US-amerikanische ChatGPT oder das chinesische Qwen Modell fragt. Spätestens seit Elon Musks Grok im vergangenen Jahr einen Genozid an weißen Menschen in Südafrika „halluziniert“ hat, basierend auf Verschwörungstheorien von Trump, Musk und anderen Faschist*innen, möchte ich diese Systeme zum Thema Genozid herausfordern. Anstelle von GENAI (generative AI) dann „GENocideAI“! More soon.

