„Ich möchte bunt, verrückt und ohne Grenzen sein“

27.07.2026

7 min Lesezeit

Autor*in:
Markus Wölfelschneider
Samuel Gärtner
Junger Mann im schwarzen Hoodie und Cap, lässig an einem Geländer stehend, mit Natur im Hintergrund.

Samuel Gärtner kleidet Künstler*innen für die Konzertbühne oder den roten Teppich ein. Mit seinem Mix aus Couture und Streetstyle hat er es bis nach L.A. geschafft. Wir treffen ihn abseits der großen Städte in der ländlichen Idylle.

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Raus ins Grüne. Samuel Gärtners Atelier befindet sich in dem kleinen Dörfchen Neuberg, ein paar Kilometer von Hanau entfernt, auf dem Reiterhof seiner Eltern. Durch die innenliegenden Fenster unter dem Dach kann man in die Pferdehalle hineinschauen. Eine Französische Bulldogge namens Chewbacca, die bei unserem Besuch ein „I love New York“-Halsband trägt, springt um uns herum. Provinz und große, weite Welt. Für Samuel Gärtner ist das kein Widerspruch. Er wird inzwischen von einer Agentur in Los Angeles vertreten und hat dort einen Showroom. Doch seine Basis ist noch immer hier, im Main-Kinzig-Kreis.

Auf einem Tisch liegen Ausgaben von Vogue und Cosmopolitan, auf einem anderen reihen sich Sammelfiguren der TV-Serie „Friends“ aneinander. Am Fenster steht eine Nähmaschine. Die zweite Nähmaschine ist noch nicht wieder von ihrem letzten Einsatz zurück: Vergangene Nacht hat Gärtner die DJ Chany Dakota für ihren Auftritt beim Musikfestival Word-Club-Dome im Frankfurter Waldstadion eingekleidet – und noch vor Ort letzte Hand angelegt. Die neonfarbenen Outfits – darunter eine Warnweste und ein Tüllrock – hängen inzwischen wieder drapiert auf Schneiderpuppen im Atelier.

Ein schlafender Hund ruht auf einem Hundebett, neben einem bunten, kuscheligen Spielzeug.
Foto: Neven Allgeier
Stativ mit Kamera, ein gerahmtes Porträt und diverse Figuren liegen auf einem Tisch.
Foto: Neven Allgeier
Reithalle mit Sandboden, großen Fenstern und einer Wandzeichnung eines Pferdes.
Foto: Neven Allgeier

Mode für den großen Auftritt

Bei den Klamotten an den Kleiderstangen ringsherum handelt es sich um Einzelstücke. Mit Ready-to-Wear-Fashion hat Gärtner nicht viel am Hut, doch Ausnahmen bestätigen die Regel: 2024 entwarf er in Zusammenarbeit mit dem Team von Frankfurt Galaxy eine Bucket-Hat-Kollektion aus recycelten Footballtrikots. Anfang 2026 brachte er in Kooperation mit dem Land Hessen eine Kollektion heraus, auf der das von der Agentur Ogilvy neu entworfene Hessen-Logo prangt. „Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt aber nicht auf Mode, die für den Verkauf gedacht ist“, sagt Gärtner. „Mein Thema ist Ausstattung. Ich mache Mode für die Konzertbühne oder den roten Teppich.“

Für die eine Hälfte des indisch-amerikanischen Pop-Duos Kiran + Nivi nähte Gärtner ein altes Sakko zu einem langen Mantel um. Kiran trug das Outfit, als sie bei den diesjährigen Grammys zu Gast war. Viel berichtet wurde in den Medien über das extravagante Nadelstreifenkleid, das Gärtner vergangenes Jahr für die Deutschlandtour der Sängerin Nelly Furtado entworfen hat. Bei allen drei Terminen war Gärtner hinter den Kulissen dabei. „Ich habe mich als Teil ihrer Tour-Familie gefühlt. Das war eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens.“

Gärtner ist es wichtig, mit seiner Marke international wahrgenommen zu werden. Das hat zwei Gründe: „Zum einen ist Deutschland kein Modeland. Mode wird hier oft nicht als Ausdruck der Persönlichkeit begriffen. Man trägt sie eher wie eine Uniform, um sich darin zu verstecken. Im Süden von Europa, aber auch in Asien oder den USA ist man viel experimentierfreudiger. Das passt zu mir. Ich möchte bunt, verrückt und ohne Grenzen sein.“ Zum anderen weiß Gärtner genau, wie wichtig Marketing ist. Wer in den USA präsent ist, gewinnt auch hierzulande an Strahlkraft.

Grüner Pullover mit gestickten Linien und schwarzer Cap mit dem Namen "Samuel Gärtner".
Foto: Neven Allgeier

„Aus purer Langeweile habe ich im Lockdown meine Nähmaschine entstaubt und angefangen, eine Kollektion zu entwerfen.“

Samuel Gärtner, Designer

Vom Opernchor zur eigenen Marke

Als Kind sang Gärtner im Chor der Frankfurter Oper – und stand dort als Statist auf der Bühne. „Die schönsten Termine waren die Kostümproben“, erinnert er sich. „Dabei bin ich dem Thema Mode schon ziemlich nahegekommen.“ An der Waldorfschule lernte er Nähen. „Das war meine Schneider-Ausbildung.“ Die Schule brach er nach der zehnten Klasse ab. Anschießend jobbte er im Einzelhandel. Nebenbei brachte er eine eigene Badelatschen-Kollektion auf den Markt, besuchte internationale Fashion Weeks und berichtete auf Instagram darüber. Er war Influencer, bevor er Designer wurde.

2020 ging Gärtner nach New York, um sein Englisch zu verbessern. Dort machte er ein Praktikum bei einer Agentur, die Modelabels in Läden bringt. „Dabei habe ich viel über die Abläufe gelernt, die nötig sind, um eine Brand zu leiten.“ Dann kam Corona. Gärtner flog nach Deutschland zurück. „Aus purer Langeweile habe ich im Lockdown meine Nähmaschine entstaubt und angefangen, eine Kollektion zu entwerfen.“ Als die Messe Frankfurt entschied, eine Fashion Week ins Leben zu rufen, war das – so empfindet Gärtner es heute – wie der Beginn einer Kettenreaktion. Die Dinge kamen in Bewegung.

Vier bunte Nagellackflaschen liegen auf einer Couch, im Vordergrund ist ein Plüschtier zu sehen.
Foto: Neven Allgeier

Couture trifft Streetstyle

In Frankfurt veranstaltete Gärtner Shows im Senckenberg Naturmuseum, im Palmengarten und auf dem Eisernen Steg, der eigens dafür gesperrt wurde. Seine Models trugen mal knallige Outfits, die mit ihren gewagten Schnitten wirkten, als wären sie einem Comicstrip entsprungen. Mal ließ er sie in wilden Blumen- oder Animalprints laufen, die mit Kunstfell oder Federn verziert waren. Ein Mix aus Couture und Streetstyle: So beschreibt der Designer seine Mode. 2023 war er zum ersten Mal auf der Fashion Week in New York vertreten. „Das hat mir viele Türen geöffnet. Auf einmal hat sich das Team von „Germany‘s next Topmodel“ für mich interessiert.“ Für eine Folge der Staffel von 2024 wurde Gärtner Teil der Show und führte vor der Kamera ein Model-Casting durch.

„Ich arbeite von morgens bis abends, aber ich habe keinen festen Rhythmus“, sagt er. Jeder Tag ist anders. Nähen, Models oder Locations buchen und Social-Media-Kanäle bespielen: Gärtner kümmert sich um alles, was bei einem Modelabel so anfällt. Unterstützt wird er dabei von Christian de Brito Marques, seinem Assistenten, der auch bei unserem Treffen anwesend ist. „Wir arbeiten Hand in Hand. Christians Aufgaben sind vielfältig – von Koordination bis Kommunikation. Er klebt auch schon mal kurz vor einer Show Strasssteine auf Stoffe oder beruhigt mich, wenn ich eine Panikattacke bekomme“, sagt Gärtner und lacht.

Eine Woche vor unserem Treffen ist er in Südfrankreich gewesen. „Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, eine Modenschau am Strand von Cannes zu veranstalten“, erzählt Gärtner. Er ist es gewohnt, spontan zu agieren. „Erst vier Wochen vorher habe ich damit begonnen, Locations anzuschreiben. Noch am Tag vor der Show habe ich an einzelnen Teilen genäht.“ Entstanden sind hellrote Kleider aus leichten Stoffen, die sich sanft im Sommerwind wiegen und für Gärtners Verhältnisse eine fast schon klassisch-schlichte Anmutung haben.

Zusammen mit seinem Assistenten, seinen Eltern und dem Hund Chewbacca ist Gärtner oft auf Reisen – dann geht es zum Beispiel nach L.A., wo er gerne durch den Fashion-District läuft und in den vielen Stoffläden stöbert, von denen es dort nur so wimmelt. „Es gibt nichts Inspirierenderes als die Urbanität von Städten“, sagt Gärtner – während wir mitten in der willkommenen, ländlichen Gegenwelt sitzen und draußen die Pferde wiehern.

Ein lila Cap und Ketten hängen an einem rustikalen Rahmen vor einer orangefarbenen Wand.
Foto: Neven Allgeier
Junger Mann in Freizeitkleidung mit Kapuzenpullover und Shorts steht in einem beleuchteten Reitstall.
Foto: Neven Allgeier
Skulptur eines aufrechten Pferdes aus weißem Material, umgeben von einem Blumentopf und einer grünen Basis.
Foto: Neven Allgeier
Mona Lisa in unscharfer Darstellung, umgeben von vielfältigen Farben und Texturen.
Foto: Neven Allgeier
Bunte Kleider und Stoffe hängen an einem Kleiderbügel, darunter glänzende und gemusterte Textilien.
Foto: Neven Allgeier

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