Werk ohne Autor, Kunst ohne Mensch
13.08.2026
12 min Lesezeit
Kann KI jetzt auch Kunst? Philosophin Eugenia Stamboliev seziert unterschiedliche Narrative rund um Kunst und generative KI. Es geht um nicht weniger als um die Schöpfung – um den Mythos des Autorengenies und die Destabilisierung patriarchaler Machtsysteme.
„Aber eine Unterscheidung zwischen künstlich und künstlerisch war historisch nie so eindeutig, wie es scheint. Kreativität wurde immer auch technisch vermittelt, sei es durch neue Materialien, Werkzeuge oder Medien. KI verschärft diese Spannung lediglich.“
„Wenn wir Kunsterzeugnisse als ein Zusammenspiel aus menschlicher Arbeit, technologischen Infrastrukturen und institutionellen Bedingungen begreifen, könnten wir mehr sehen. Beides, Kunst und KI, sind komplexe Netzwerke aus „entangled authorships“ und ein Ineinandergreifen von Menschen, Maschinen und Ressourcen, was komplex ist, aber nicht neu.“
Don’t Do it Yourself: Was und wie viele sind Autor*in?
KI stellt vieles in der Gesellschaft in Frage, unter anderem das Künstler*innengenie. Dieser Angriff auf das Genietum muss nicht unbedingt nur als Verlust verstanden werden. Er könnte eine Umdeutung und Erweiterung bedeuten, damit wir uns von männlich geprägten Vorstellungen der Autorenschaft lösen und vielfältigere Formen kreativer Praxis sichtbar machen. Denn Kunst ist und war nie wirklich isoliert von ihren Kontexten oder Bedingungen, entgegen allen Künstler*innenmythen. Wenn wir Kunsterzeugnisse als ein Zusammenspiel aus menschlicher Arbeit, technologischen Infrastrukturen und institutionellen Bedingungen begreifen, könnten wir mehr sehen. Beides, Kunst und KI, sind komplexe Netzwerke aus „entangled authorships“ und ein Ineinandergreifen von Menschen, Maschinen und Ressourcen, was komplex ist, aber nicht neu. Der Soziologe Bruno Latour beschrieb mit der Akteur*in-Netzwerk-Theorie schon ähnliche Geflechte aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen, die relational zueinanderstehen, aber nicht hierarchisch. Diese Perspektive ist wissenschaftlich und künstlerisch spannend, aber greift dort zu kurz, wo wir die Hierarchien verstehen wollen.
Denn KI ist nie ein neutrales Netzwerk oder Werkzeug gewesen. Heute ist sie nicht mehr nur ein neues Ausdrucksmittel, sondern eine Machtstruktur. In der Ausstellung „The World Through AI“ werden diese komplexen Zusammenhänge besonders im Werk „Anatomy of an A.I. System“ von Kate Crawford und Vladan Joler sichtbar, das die globalen und materiellen Voraussetzungen von KI visualisiert.
Von der Freiheit, Künstler*in zu sein
Kunst als frei zu verstehen kann heißen, traditionelle Hierarchien infrage zu stellen, aber auch, Ausdrucksformen neu zu überdenken. Der Computerwissenschaftler und Mathematiker Joseph Weizenbaum formulierte bereits vor mehr als fünfzig Jahren zur Anwendung früher KI-Systeme in der Kunst: „Der Künstler möchte etwas sagen, was in der üblichen Sprache unsagbar ist. Und um herauszubekommen, was ihn so drängt, versucht er die Grenzen der üblichen Sprache zu überwinden mittels seiner Werkzeuge; also, die Grenzen zu sprengen.“
Künstler*innen haben die Freiheit, bewusst etwas hervorzuheben und zu experimentieren. Aber künstlerische Freiheit kann nie auf vollständiger Kontrolle über die Technologie beruhen, sondern nur auf der Fähigkeit, Strukturen zu verstehen, zu unterbrechen oder umzudeuten. Dabei verstehen sich viele als Kollaborateur*innen mit der Technologie. Diese Grenze zwischen Werkzeug, Kollaboration und eigenständigem System ist immer dynamisch, offen und sagt nichts über den Einfluss aus, sondern über die Selbstzuschreibung in diesem Prozess.
Ein Beispiel: Die Künstlerin Nouf Aljowaysir sah am Anfang ihres Arbeitens mit KI diese als Kollaborateurin, holte sich aber im Laufe der Zeit bewusst die Autor*innenschaft zurück. Ihre Entscheidung, KI als Werkzeug zu begreifen, hieß nicht, ihre Komplexität zu reduzieren, sondern war eine bewusste Kontrolle und Reflexion der Nutzung. Das greift Aljowaysir in ihrer Arbeit „Salaf“ auf, womit sie koloniale und imperiale Bildwelten in historischen Online-Archiven aufzeigt, und zwar mithilfe von KI. Ihre Kontextualisierung zwischen Welt und Kunst wird erst durch den bewusst hergestellten und neuen Standpunkt zur Kritik. Diese Form von Freiheit leisten sich Autor*innen und Künstler*innen als denkende und eingebettete Wesen.
Der Medienphilosoph Vilém Flusser beschrieb künstlerische Freiheit gegenüber der Technik als eine Notwendigkeit bereits bei den Anfängen der digitalen Fotografie. Künstlerische Freiheit begann für ihn dort, wo der „Apparatus“ nicht nur bedient wird, sondern gegen seine eigene Logik verwendet werden kann.
Nehmen wir ein historisches Beispiel von Freiheit, das uns erlaubt, den künstlerischen Kontext zu betrachten und nicht nur die oft gestellte Frage: Wer hat das gemalt? Menschgemalte Quadrate allein machen keine Kunst. Andererseits könnte KI endlos viele schwarze Quadrate malen und dennoch nie denen von Kasimir Malewitsch nahekommen. Warum? Weil die Originale mehr Wert sind? Auch. Aber Malewitsch hat mit seiner Interpretation von Gegenstandslosigkeit die Ikonenmalerei und Hängung, bildlich und strukturell, neu definiert und sich dadurch mit der Kirche und der Kunstwelt angelegt. Autor*innenschaft heißt eben auch, bewusste Entscheidungen zu treffen. Vieles, was wir heute Kunst nennen, liegt in der konzeptionellen Umdeutung, nicht im sichtbaren Werk.
Der Wert von KI im künstlerischen Prozess wird oft am Ergebnis diskutiert. Das ist problematisch, denn das assoziiert Kreativität zu stark mit Effizienz oder Output. Aber das wäre ein reduktionistisches Verständnis von Kunst. Denn generative KI könnte sehr wohl schwarze Quadrate malen – möglicherweise mehr, schneller und präziser als Malewitsch. Doch daraus folgt nicht automatisch eine gleichwertige künstlerische Bedeutung derselben.
Autor*innen sind keine ausführenden Produzent*innen von Kunst, sondern Autoritäten über ihre Prozesse, Intentionen und Handlungen. Diese Autorität muss keine Frage von Kontrolle oder perfekter Arbeitsteilung zwischen Menschen und KI sein, sondern eher eine bewusste Gestaltung von Freiheiten und Welten, mit oder ohne KI. Wenn der Künstler Trevor Paglen für die Ausstellung „The World Through AI“ analytische KI nutzt und testet, wie bei „The Treachery of Object Recognition“, dann tut er das, um maschinelles Sehen in den Kontext von menschlicher Wahrnehmung zu stellen und dessen algorithmische Vorurteile hervorzuheben. Ähnlich arbeitet der Künstler Grégory Chatonsky, der in „The Fourth Memory“ aufzeigt, dass die KI eine neue Form von Erinnerungskultur eröffnet, die uns Menschen fremd ist, uns aber beeinflusst. Künstler*innen greifen im besten Fall auf, was das Medium nicht offen zeigen oder hergeben will – sie nutzen ihre Medien nicht nur, sie deuten sie innerhalb des Werkes um.
Weder kann die Handschrift des Menschen noch die Komplexität der KI dabei komplett sichtbar werden. Das muss sie auch nicht. Die künstlerische Auseinandersetzung kann jedoch ermöglichen, Bedingungen mitzugestalten, unter denen Werke entstehen, sowie über technologische und institutionelle Strukturen zu reflektieren – was Künstler*innen in ihrer Autor*innenrolle häufig leisten. Hier kann Kunst durch KI deren eigene Schwachstellen aufzeigen, etwas, das in der alltäglichen Nutzung verborgen bleibt und untergeht zwischen den Interfaces, Daten und algorithmischen Beziehungen.
