Bonds – die Graduiertenausstellung der Städelschule 2026
17.07.2026
8 min Lesezeit
Seit ein paar Monaten steht das Trianon-Hochhaus, unweit der Deutschen Bank, aufgrund eines Insolvenzverfahrens leer. Nun zeigen 33 Absolvent*innen der Städelschule noch bis zum 25. Juli 2026 dort ihre Abschlussarbeiten – zwischen Macht, Kontrolle und Kapital.
Alexander Beglarishvili
Rosa, rote, blaue, gestreifte, gelbe, karierte und weiße Hemden liegen ordentlich gefaltet in zwei parallel zueinander stehenden Regalen. Es scheint, als könnte jeden Moment ein*e Banker*in in den mit Teppichboden ausstaffierten Raum des Trianons hineinlaufen und sich für einen Arbeitstag zwischen Excel-Listen und PowerPoint-Präsentation herrichten. Der Künstler Alexander Beglarishvili reagiert mit seiner Arbeit „Shelving Units” unmittelbar auf den Ausstellungsraum. Gegenüber der Installation hängen fünf Fotos. Die Beine des Künstlers auf der Beinpresse spiegeln sich in der Glasscheibe des Fitnessstudios. Im Gebäude gegenüber sieht man einen Banker – mal wie er vertieft auf den Monitor vor sich schaut, ein anderes Mal wie er sich mit einem Kollegen amüsiert. Die Fotoserie „Untitled (everyone knows)” verweist somit nicht nur auf den/die Banker*in als vermeintlich potentes Mitglied unserer marktwirtschaftlichen Gesellschaft, sondern platziert auch den Körper des Künstlers in eben jenem Spannungsfeld von Potenz und Erotik. Ein Spiel voyeuristischen Blicke entsteht – auf sich selbst, und auf andere.
Tornike Gognadze
Der Künstler Tornike Gognadze arbeitete bereits während seines Studiums im Spannungsfeld von Stage und Backstage. In seiner Installation „140 Arbeitstage“ inszeniert er seinen Arbeitsvertrag mit dem Restaurant Emma Metzler auf einer angedeuteten Bühne, gerahmt von einem weinroten Samtvorhang. In dem „Nachtrag zum Arbeitsvertrag“ wird festgehalten, dass sich der Arbeitstitel nach Abschluss seines Studiums von „Werksstudent als Barkeeper“ in „Künstlerische Performance mit Tätigkeit als Barkeeper“ ändert. Gognadze reagiert damit einerseits auf die Anforderungen der Ausländerbehörde, nach Beendigung des Studiums einen Job zu finden, der dem Abschluss entspricht. Andererseits macht er auf das Spannungsfeld von Künstler*in-Sein und Geldverdienen aufmerksam, das oft von „Money Jobs“ gekennzeichnet ist. Dabei greift Gognadze erneut auf die Dualität von Sicht- und Unsichtbarkeit zurück und stellt die Frage: Welche Rollen spielen Künstler*innen in unserer kapitalistischen Welt? Auf kluge Weise verbindet er somit zwei Welten, die oft voneinander getrennt sind. Die zweite Arbeit: ein Gemälde, auf dem ein gedeckter Tisch mit einem Brief der Stadt Frankfurt abgebildet ist. Durch schwarze Schattierungen schimmert subtil der Schriftzug „Hannah Montana“ – ein ironischer Hinweis auf das Doppelleben als Künstler*in.
Neal Hoey
Auf dem grauen Fliesenboden liegt eine Zeitung vom 10. Juli 2026 mit dem Titel „A walk in the park”. Darin sind Fotos von Frankfurter Kunstwerken im öffentlichen Raum der Wallanlage abgebildet, etwa der Frankfurter Schacht von Cyprien Gaillard oder das Rinz-Denkmal von Heinrich Petry. Unter den Bildern befinden sich Auszüge aus Interviews, die der Künstler mit queeren Personen aus Frankfurt geführt hat, die sich an ihre liebsten Clubs, Bars und Orte in Frankfurt zurückerinnern. So kreisen die Gespräche um Orte wie das Loft House, Blue Angel oder Construction 5. Doch passen die Fotos und Interview-Ausschnitte nicht zusammen. Hoey schreibt ein alternatives Archiv der Stadtgeschichte. Seine Arbeit ist eine Ode daran, dass Archive selbst immer konstruiert sind und niemals die Wirklichkeit spiegeln. So erzählt ein anonymer Protagonist mit dem Kürzel „A” dass das „Lucky‘s Manhattan” der erste Ort gewesen sei, in dem er nach seinem Coming Out war. Über dem Text sieht man anstelle besagter Bar jedoch die Skulptur „Tänzer (Aufforderung)” von Doris Schmauder.
Benedikt Ackermann
Auf dem dunkelgrauen Teppichboden liegt ein Bund Hobbs’scher Haken. Die einzelnen Werkzeuge sind fächerförmig ausgebreitet und vor den heute ungenutzten Schließfächern des Gebäudes drapiert. Mit diesem Spezialwerkzeug werden bis heute vor allem Tresore geöffnet. Für die Schließfächer jedoch sind die Haken des Künstlers Benedikt Ackermann nutzlos. Bankenschließfächer gehörten lange selbstverständlich zur Infrastruktur einer Bank. Heute verschwinden sie zunehmend, da viele Institute ihre Anlagen zurückbauen – nicht zuletzt aufgrund des gestiegenen Risikos organisierter Einbrüche und Sprengungen, wie etwa der spektakuläre Überfall auf eine Sparkasse in Gelsenkirchen im Jahr 2025 deutlich machte.
Doch was ist es überhaupt wert, verschlossen zu werden? Wer entscheidet darüber, was geschützt wird, und wer besitzt die Macht, Schlösser zu sichern oder zu öffnen? Diesen Fragen geht Ackermann in seinen Arbeiten nach. Ausgangspunkt ist die Figur des amerikanischen Schlossöffners Alfred Charles Hobbs, der als Erster ein Bramah-Schloss knackte und unter anderem das sogenannte Hobbs’sche Öffnungsverfahren entwickelte.
Vor den inzwischen funktionslos gewordenen Schließfächern werden die Hobbs’schen Haken so zu einem vieldeutigen Symbol – sie verweisen auf die Grenzen technischer Kontrolle ebenso wie auf Fragen von Sicherheit, Vertrauen und dem Wert dessen, was wir schützen wollen.