Katzen in der Kunst
06.08.2026
7 min Lesezeit
Verehrt, verteufelt, beobachtet und bewundert: Kaum ein Tier hat Künstler*innen über Jahrtausende hinweg so beschäftigt wie die Katze. Zum International Cat Day folgen wir ihrer Spur durch 15 Werke aus über 3.000 Jahren Kunstgeschichte – von ägyptischen Grabmalereien über Leonor Fini bis hin zu Vladimir Dunjic.
1
Katze aus dem Grab des Nebamun, Altes Ägypten, ca. 1350 v. Chr.
Alles beginnt mit einer Katze im Schilf. Sie schleicht durch das Papyrusdickicht, den Blick fest auf ihre Beute gerichtet. Was aussieht wie eine Jagdszene, erzählt von weit mehr als der Natur: Im Alten Ägypten wurden Katzen verehrt und mit Bastet, der Göttin für Schutz, Fruchtbarkeit und Freude, verbunden. Die Katze erscheint hier nicht als Haustier, sondern als Wesen mit eigener Macht – nah am Menschen und doch ganz unabhängig.
2
Englisches Bestiarium, um 1250
Aus einer Göttin wird ein Rätsel. Im europäischen Mittelalter kippt das Bild der Katze: Aus dem verehrten Tier wird ein Wesen, das gleichermaßen fasziniert und verunsichert. In Bestiarien erscheint sie als geschickte Jägerin, zugleich aber auch als Sinnbild für List und Täuschung. Später wird sie mit Hexerei und dämonischen Kräften in Verbindung gebracht. Die Katze wird zur Projektionsfläche – und bleibt es bis heute.
3
Leonardo Da Vinci, Studie für ein Kind mit Katze, 1478-1481
Wer schon einmal versucht hat, eine Katze festzuhalten, kennt diese Szene. Das Kind umklammert das Tier, doch die Katze windet sich aus seinem Griff. Da Vinci zeichnet nicht nur eine Bewegung, sondern einen Charakter. Das Tier bleibt eigensinnig, unabhängig und ganz bei sich.
4
4. Francisco de Goya, Manuel Osorio Manrique de Zuniga, 1790
Manchmal lauert das Entscheidende im Hintergrund. Der Junge hält eine Elster an einer Schnur, während hinter ihm drei Katzen regungslos auf ihre Chance warten. Sie beobachten, lauern, warten. Plötzlich kippt die Stimmung des Bildes. Die Katze wird zur Erinnerung daran, dass unter jeder noch so friedlichen Oberfläche etwas Unberechenbares schlummern kann.
5
Édouard Manet, Rendezvous der Katzen, 1868
Die Nacht gehört der Katze. Hoch über den Straßen begegnen sich zwei Tiere auf einem Dach. Ob sie einander umwerben, belauern oder einfach denselben Weg kreuzen, bleibt offen. Genau diese Uneindeutigkeit macht Manets Radierung so lebendig. Die Katze wird im 19. Jahrhundert zum Sinnbild einer Freiheit, die sich weder einfangen noch erklären lässt.
6
Pierre-Auguste Renoir, Julie Manet mit Katze, 1887
Die Katze ist angekommen. Nicht mehr im Tempel, nicht mehr im Bestiarium, sondern ruhig liegend im Arm eines Kindes. Renoir zeigt Julie Manet mit ihrer Katze in einem Moment stiller Vertrautheit. Das Tier muss nichts symbolisieren, seine bloße Anwesenheit erzählt von Nähe, Geborgenheit und einem Alltag, in dem die Katze längst ihren festen Platz gefunden hat.
7
Xu Gu, Katze und Schmetterlinge, Ende 19. Jahrhundert
Nicht jede Katze erzählt dieselbe Geschichte. Während sie in Europa oft zwischen Verführung und Gefahr oszilliert, begegnet die Katze uns in der chinesischen Malerei mit einer anderen Symbolik. Sie richtet ihren Blick auf einen Schmetterling. In der chinesischen Malerei ist das mehr als eine flüchtige Begegnung: Beide Motive stehen für Glück, Harmonie und ein langes Leben.
8
Franz Marc, Die weiße Katze, 1912
Schlafende Katzen soll man nicht wecken. Franz Marcs weiße Katze schläft. Zusammengerollt, ganz bei sich, unberührt von allem, was außerhalb des Bildes geschieht. Marc wollte Tiere nicht durch die Augen des Menschen sehen, sondern ihre eigene Wirklichkeit sichtbar machen. Seine Katze wird so zum Gegenentwurf einer Welt, die immer lauter wird.
9
Balthus, Ein Portrait seiner Majestät des Königs der Katzen (Le Roi des Chats), 1935
Manche Künstler*innen malen Katzen. Andere wären gern selbst eine. In „Le Roi des Chats“ porträtiert sich Balthus selbst als geheimnisvolle, beinahe mythische Figur – stolz, wachsam und unabhängig wie eine Katze. Das Tier ist hier kein bloßes Motiv, es dient viel mehr als Alter Ego.
10
Andy Warhol, 25 Cats named Sam and One Blue Pussy, 1954
Vor den Suppendosen waren Katzen. Viele davon heißen Sam, keine sieht aus wie die andere. Gemeinsam mit seiner Mutter Julia Warhola kreiert Andy Warhol ein Künstlerbuch voller Humor, Zuneigung und Katzen, die so eigenwillig wirken wie ihre echten Vorbilder.
11
Leonor Fini, Dimanche Après Midi, 1980
Katzen haben das Sagen. Die argentinisch-italienische Künstlerin Leonor Fini, der die SCHIRN ab Herbst eine große Einzelausstellung widmet, lebte zeitweise mit mehr als zwanzig Katzen zusammen. In ihren Bildern sind sie weit mehr als Haustiere: Sie begegnen dem Menschen auf Augenhöhe, beobachten, begleiten und widersetzen sich jeder Vereinnahmung. „Das Tier hilft uns. Es hat Kräfte und Eigenschaften, die wir vergessen haben […]. Es ist ganz natürlich, dass wir eine enorme Sehnsucht [nach Tieren] empfinden, großen Respekt und große Bewunderung“, schrieb Fini. Vielleicht sind ihre Katzen deshalb keine Nebenfiguren, sondern zentrale Hüterinnen ihrer surrealen Welt.
12
David Hockney, Mr. and Mrs. Clarc und Percy, 1970-1971
Manchmal erzählt eine Katze mehr über eine Beziehung als zwei Menschen. Während Ossie Clark und Celia Birtwell auffallend distanziert nebeneinanderstehen, sitzt Kater Percy gelassen im Vordergrund. Er wirkt wie der Ruhepol des Bildes, beinahe als eigentliche Hauptfigur. Hockney macht die Katze zur stillen Vermittlerin – und zeigt, dass Haustiere oft jene Nähe verkörpern, die zwischen Menschen gerade fehlt.
13
Edward Bawden, Emma Nelson by the fire, 1987
Die Katze darf Katze sein. In Edward Bawdens Interieur sitzt sie ganz selbstverständlich am Kamin. Keine Allegorie, kein Omen, keine göttliche Erscheinung. Einfach eine Mitbewohnerin. Nach Jahrhunderten voller Projektionen wird sie zu etwas viel Alltäglicherem. Und vielleicht gerade deshalb zu etwas besonders Vertrautem.
14
Owen Smith, Jilted, o.A.
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15
Vladimir Dunjic, The queen of cats, 2018
Am Ende ist die Katze wieder dort, wo alles begann: im Reich der Mythen. Vladimir Dunjić zeigt sie als majestätische Begleiterin einer weiblichen Figur – irgendwo zwischen Märchen, Traum und Wirklichkeit. Das erinnert an alte Göttinnen und surreale Bildwelten. Mehr als 3.000 Jahre nach der Katze im Grab des Nebamun bleibt eines dabei unverändert: Sie lässt sich nicht zähmen – und ebenso wenig eindeutig deuten. Die Katze bleibt, was sie immer war, ein Rätsel auf vier Pfoten.
