Wie kann Kunst gegen den Rechtsruck der KI aufbegehren?
13.08.2026
6 min Lesezeit
Mit dem Aufkommen von KI gehen reaktionäre Geschlechterrollen und rassistische Weltanschauungen scheinbar nahtlos in beruhigende Bilder vom Landleben über, welche die Internet-Ästhetik des sogenannten cottagecore mit politischen Gehalt aufladen. Wie kann Kunst die KI-gestützte Verbreitung rechtsextremer Ideologien aufhalten und kritisch beleuchten?
Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit
Die weltweite Zirkulation von massenhaft produzierten, KI-generierten Inhalten in den sozialen Medien – auch „Slopaganda“ oder „KI-Überflutung“ genannt – wird zunehmend zu einem wichtigen Instrument in den Händen autoritärer Mächte. Ausgehend von dem politischen Konzept der „Gegenöffentlichkeiten“ als alternative Orte zur vorherrschenden und öffentlichen Meinungsbildung untersuchte der Workshop, ob Kunst in einer Medienlandschaft, die durch digitale Plattformen und KI grundlegend verändert wurde, noch immer Räume für kritische Reflexion schaffen kann.
Unter den zahlreichen Beiträgen des Workshops ging eine Podiumsdiskussion mit Anne Simone Kiesel, Katrin Köppert und Antonio Somaini dieser Leitfrage aus unterschiedlichen Perspektiven nach. Somaini, der als Wissenschaftler wie auch als Kurator tätig ist, trat für eine neue Form von Bildkompetenz ein, die uns dazu befähigt, das zu verstehen, was er als „infrastrukturelle Bilder“ bezeichnet: hochmediatisierte Bilder, welche die infrastrukturellen, meist KI-geprägten Komponenten, aus denen sie bestehen, komprimiert offenlegen.
Zudem hielt Köppert einen spannenden Keynote-Vortrag zur Fragmentierung der digitalen Öffentlichkeit und stützte sich dabei auf das radikale Schwarze Denken, das unter anderem von Sylvia Wynter, Zakiyyah Iman Jackson und Rizvana Bradley vertreten wird. In diesem Zusammenhang betonte auch sie die zentrale Rolle der Infrastruktur zu einer Zeit, in der sich Prozesse der Faschisierung mit neoliberalem Individualismus überschneiden. Kunst solle die Bedingungen ihrer Entstehung nicht einfach reproduzieren, so Köppert, sondern im Zuge des Herstellungsprozesses alternative Infrastrukturen schaffen.
Als exemplarisch hierfür führte die Kunsthistorikerin und Kritikerin Anne Simone Kiesel den Film „Ground Truths“ (2025) von Mimi Ọnụọha an. Die 16-minütige Doku-Fiktion begleitet die Künstlerin bei ihren Bemühungen zur Entwicklung eines maschinellen Lernmodells, das in der Lage ist, mögliche Standorte von Massengräbern Schwarzer Menschen im gesamten US-Bundesstaat Texas ausfindig zu machen. Dabei stellte sich – wie Ọnụọha auf ihrer Website schreibt – die weiterführende Frage: „Was passiert, wenn die Werkzeuge, bei denen wir darauf vertrauen, dass sie die Wahrheit ans Licht bringen, auf der Grundlage derselben Systeme entwickelt werden, die doch für Ausradierung sorgen?“ „Ground Truths“ macht somit auf die Spannungen aufmerksam, die sich ergeben, wenn KI zur Generierung alternativer Formen von Wissen herangezogen wird.
„Was passiert, wenn die Werkzeuge, bei denen wir darauf vertrauen, dass sie die Wahrheit ans Licht bringen, auf der Grundlage derselben Systeme entwickelt werden, die doch für Ausradierung sorgen?“
Mimi Ọnụọha
Eine Frage infrastruktureller (Un-)Abhängigkeit
In diesem Sinne bestehen Parallelen zwischen Ọnụọhas Film und der Arbeit „Reinscribing the Dondorf“ (2025), die aktuell in der Ausstellung „The World Through AI“ in der SCHIRN zu sehen ist. Auf die Einladung hin, sich mit der vielschichtigen, politisch umstrittenen Geschichte der Druckerei Dondorf auseinanderzusetzen, schuf die Künstlerin und Wissenschaftlerin Ania Szczepańska einen Film, der über die Möglichkeiten und Grenzen der KI reflektiert, wenn es um die Arbeit mit Archivmaterialien im Sinne einer (Neu-)Schreibung der Zeitgeschichte geht.
Wie Dominik Laute und ich bereits an anderer Stelle ausgeführt haben, verdecken Memes häufig bestimmte Perspektiven oder schreiben andere fort, indem sie diese als allgemeingültig darstellen. Die Zunahme von „Meme-Kriegen“ kommt daher wenig überraschend. Der Titel des Workshops verweist darauf, dass künstlerische Praktiken den hier beschriebenen Dynamiken einer digitalen Faschisierung nicht entgegenwirken können, indem sie sich auf die Oberfläche der Content-Erstellung konzentrieren. Stattdessen müssen sie die Aufmerksamkeit auf die infrastrukturellen Dimensionen richten, die hinter der heutigen KI-gesteuerten Bildproduktion stehen – und die affektiven Reaktionen, die ein solch beunruhigender Blick in die Tiefen der technologischen Abstraktion hervorrufen kann, dementsprechend anpassen.
Übersetzt aus dem Englischen.
