„Drag ist durchaus politisch“
24.07.2024
6 min Lesezeit
Queere Performances treffen auf kulinarische Leckereien: Seit zwei Jahren veranstalten die Macher*innen von „EAT IT“ einen Drag Brunch in der Freitagsküche. Nun wird Jubiläum gefeiert.
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Gestern war in den Räumen der Frankfurter Freitagsküche deutlich mehr Glamour. Heute heißt es: Aufräumen nach der Party. Gläser müssen gespült, der Boden gefegt werden. Die ausgedruckten Menükarten hängen noch an den Wänden und an den Toilettentüren prangen noch die kunstvoll gestalteten Schilder mit dem Hinweis „Gender Neutral“. Auf dem Tresen steht das letzte Stück Red Velvet Cake. Im Laufe unseres Treffens wird es von vielen zurückhaltend-höflichen Händen Bröckchen für Bröckchen langsam abgetragen, ohne dabei jedoch ganz zu verschwinden.
Bla Bla Fck hat sich extra für uns noch einmal in Schale geworfen, im selbstgenähten Kleid und mit Lieblingsperücke. Bla Bla als Drag Queen zu bezeichnen, trifft es nicht wirklich. „Manchmal möchte ich Kurven haben und trage Brüste. Meinen Bart rasiere ich aber fast nie, weil ich nicht zu hundert Prozent als weiblich gelten will.“ In der Coronazeit fing Bla Bla an, mit Make-up zu experimentieren. „Ich habe mich lange als Cis-Mann verstanden und meine weibliche Seite unterdrückt. Heute bin ich irgendwas zwischen genderfluid und non-binär.“ Die Drag Queen und die bürgerliche Person dahinter lassen sich nicht trennen. „Bla Bla ist eine Erweiterung meiner Persönlichkeit.“
Zwischen Drag und Kulinarik
Jeden zweiten Monat findet in den Räumen der Freitagsküche der Drag Brunch „EAT IT“ statt, dazu kommen Abendveranstaltungen in unregelmäßigen Abständen. Tickets kann man über Instagram kaufen, Restkarten – sofern vorhanden – vor Ort. Um den kulinarischen Teil kümmert sich Jennifer Heinz und wird dabei von Lea Gärtner unterstützt. In ihrer Wohnung veranstaltet Heinz regelmäßig den Supper Club Dorsia. Das Kochen hat sie sich selbst beigebracht. Herzhafte und süße Leckereien wie Focaccia, Frittata, Salate und Kuchen kommen beim Brunch auf den Teller. Die Portionen kosten zwischen 3 und sechs Euro. Dazu gibt es Kaffee oder Cocktails.
Jedes Programm besteht aus fünf Performances mit einer Pause dazwischen. Den Auftakt macht immer Bla Bla. Dann folgen die Auftritte der Gast-Acts. „Bei Drag denken die meisten Menschen bloß an Männer in Frauenkleidern, die sich betont sexy geben“, sagt die Veranstalterin Tina Kohlmann. „Das Spektrum an queeren Performances, die wir hier zeigen, ist aber deutlich breiter. Bei uns treten nicht nur Queens, sondern etwa auch Kings, Quings und Aliens auf.“ Die Shows sind ein Mix aus Lip-Sync-Performances, Spoken-Word-Poetry, Burleske und Akrobatik – um nur einige Beispiele für die stilistische Vielfalt zu nennen.
2018 hatte Dionis Kelmendi einen Drag Brunch in New York besucht – und sich gefragt: „Warum gibt es so etwas eigentlich nicht in Frankfurt?“ Mit der Künstlerin Tina Kohlmann, mit der er damals in einer Wohngemeinschaft am Baseler Platz lebte, wollte er das ändern. Vor ziemlich genau zwei Jahren riefen die beiden in den Räumen der Freitagsküche „EAT IT“ ins Leben. Die erste Ausgabe war noch nicht öffentlich, sondern fand im Freundeskreis statt, zu dem viele queere Menschen – darunter auch Drag-Performer*innen – gehörten. „Das war ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt Kohlmann. Der allererste Termin ist ihr noch gut in Erinnerung, weil sie ausgerechnet an diesem Sonntagmorgen an Corona erkrankte. „Ich saß zu Hause im Bett und habe einige der Performances per Facetime sehen dürfen.“
Bla Bla drückt uns einen Geldschein in die Hand, auf dem Bla Bla‘s Konterfei abgebildet ist. Die sogenannten „Bla Bla Euros“ sind als Trinkgelder für die Gast-Acts gedacht. Man kann sie bei den Veranstaltungen am Eingang gegen einen Euro wechseln. Später werden sie in einem Champagnerkühler eigesammelt und verteilt. „Die Leute, die noch nie bei uns waren, erkenne ich meist am Gesichtsausdruck“, sagt Marie Schoppmann. An der Tür empfängt sie die Gäste, macht sie mit Bla Bla bekannt und erklärt, wie alles funktioniert. Zusammen mit dem Fotografen Tobias Still, der ebenfalls zum Team von „EAT IT“ gehört, hat Schoppmann eine Website gebaut, die pünktlich zum Jubiläum fertig sein soll.
„‘EAT IT‘ ist viel mehr als die Personen, die jetzt hier stehen“
Dionis Kelmendi
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