3 Fragen an Occitane Lacurie und Barnabé Sauvage
14.07.2026
7 min Lesezeit
Von KI generierte Bilder bleiben selten „nur Bilder“. Antonio Somaini, Co-Kurator der Ausstellung „The World Through AI“, hat für das SCHIRN MAG mit den Künstler*innen und Forscher*innen Occitane Lacurie und Barnabé Sauvage unter anderem darüber gesprochen, wie „AI-Slop“ und „Slopaganda“ die politische Bildsprache, das historische Gedächtnis und die visuelle Kultur selbst neu gestalten.
Für die neueste Version der Ausstellung „The World Through AI“, die aktuell in der SCHIRN zu sehen ist, habe ich mich entschieden, zwei Phänomene herauszugreifen: „AI Slop“ und „Slopaganda“. Beide Phänomene hatten sich während meiner Arbeit an der ersten Präsentation der Ausstellung 2025 im Jeu de Paume in Paris noch nicht in aller Deutlichkeit abgezeichnet. Auf meine Bitte hin, eine neue Arbeit zu schaffen, die diese Aspekte in irgendeiner Weise adressiert, habt ihr beschlossen, euch näher mit dem berüchtigten „Trump Gaza“-Video (auch bekannt als „Gaza-Riviera“) zu beschäftigen. Könnt ihr uns die Gründe für diese Entscheidung erläutern und welche Herangehensweise ihr an das Thema gewählt habt?
Occitane Lacurie und Barnabé Sauvage
In mancherlei Hinsicht erschien uns das „Trump-Gaza“-Video wie eine Eröffnungssalve in eine neue Ära der KI-unterstützten politischen Kommunikation. Tatsächlich fällt das Zeitalter der Slopaganda mit dem Wiederaufleben imperialistischer Aggressionen in Palästina und im Iran zusammen und ist gekennzeichnet durch die massenhafte Verbreitung von Memes, eilig editierten Videos und Deepfakes, die von Fake-Accounts in den sozialen Medien unablässig ge- und repostet werden.
Gleichzeitig ist das Video insofern ungewöhnlich, als es nicht einfach nur Teil des konstanten Rauschens auf diesen Plattformen ist: Ab dem Augenblick, in dem der US-Präsident es im Februar 2025 auf dem von ihm betriebenen Truth Social Network teilte, da bestimmte das Video den Stil der Propaganda, der fortan mit Trump in Verbindung gebracht wurde. Über den Gehalt der eigentlichen Bilder hinaus erlangte es den Status eines Kriegsziels und den eines echten politischen Vorhabens.
Diese imaginierte Projektion in die Zukunft war deshalb von besonderem Interesse für uns, weil sie die lange Geschichte der Beziehungen zwischen dem Westen und dem Nahen Osten fortzuschreiben scheint – von den Kreuzzügen ins Heilige Land über das britische Mandat in Palästina im 20. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart. Wir wollten das Video in den Rahmen einer älteren Geschichte stellen und unternahmen daher eine kulturelle Archäologie von medialen Darstellungen des Gazastreifens. Die US-amerikanische Historikerin Annabel Wharton hat diese in ihrem Buch Selling Jerusalem: Relics, Replicas, Theme Parks (2006) als „Simulationen des Heiligen Landes“ bezeichnet: Sie seien in der Absicht entstanden, „es dem Westen zugänglich zu machen“.
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Die von euch gestaltete Installation umfasst zwei Projektionen auf zwei verschiedenen Leinwänden: Eine von ihnen präsentiert eine komplexe Untersuchung zu den ikonografischen Quellen des „Trump Gaza“-Videos, die andere hingegen macht Entwicklungsverläufe im latenten Raum des Grok-KI-Modells für uns sichtbar. Könnt ihr uns mehr erzählen über den Inhalt der beiden Projektionen und über die Beziehungen, die zwischen ihnen bestehen?
Occitane Lacurie und Barnabé Sauvage
Die archäologische Herangehensweise hat uns dazu veranlasst, einen Vergleich anzustellen zwischen heute produzierte Bildern – etwa dem „Trump Gaza“-Video und unzähligen weiteren Beispielen, die wir auf YouTube, Reddit und Instagram gesammelt haben – und früher entstandenen historischen Materialien: orientalistischen Fotografien, aufgenommen von Mitgliedern des American Colony Photo Department in Jerusalem, Filmmaterial der Lumière-Kameraleute oder Modellen des Tempelbergs, die der Schweizer Architekt Conrad Schick im späten 19. Jahrhundert angefertigt hat, aber auch Werbeplakaten des frühen 20. Jahrhunderts, die den Traum einer „neuen Riviera“ auf die kolonisierten Gebiete projizierten.
Auf diese Weise wollten wir noch einmal die Notwendigkeit deutlich machen, das generative Bild in einem umfassenderen kulturellen Kontinuum zu betrachten, das über den Rahmen der direkten politischen Kommunikation hinausweist. Das Layout, für das wir uns entschieden haben, weist formale Anklänge an die Tafeln der Mnemosyne auf, einen Bilderatlas, der von dem deutschen Kunsthistoriker Aby Warburg in den 1920er-Jahren erstellt wurde. Und dies wiederum ermöglichte es uns, die ausgewählten Bilder anhand von Werkzeugen der Ikonologie zurückzuentwickeln: Welche Symptome unserer Zeit geben sie damit zu erkennen?
Die auf der zweiten Leinwand projizierten Bilder sind abstrakter, ohne deswegen aber weniger eindrücklich zu sein. Sie unternehmen eine formale Erkundung im latenten Raum des Grok-Modells, die in Zusammenarbeit mit dem Informatiker Paul Kronlund-Drouault erfolgte. Auch wenn die formalen Unterschiede augenfällig sind, beruhen sämtliche Projektionen doch auf derselben topologischen Darstellung des Modells und teilen seine ideologische Kodierung.
In allen vier Abschnitten dieser Projektion dienen „Kraftfelder“ dazu, die Zusammensetzung der Landschaft – bestehend aus „Bergen“, „Tälern“ und „Flüssen“ – anzuzeigen und damit die Bilderzeugung anhand der eingegebenen Parameter zu steuern: Hierbei werden die Veränderungen nachvollzogen, die ein Bild während des Generierungsprozesses durchläuft. Im ersten Abschnitt sieht man beispielsweise ein solches generiertes Bild, das anhand des Prompts entstand, ein auf der Straße spielendes Kind zu zeigen, und kann die Bildvariation beobachten, je nachdem ob der Parameter „Palästinenser*in“ oder aber „neutral“ festgelegt wurde.
Beide Projektionen bieten – ebenso wie der von der französisch-österreichischen Medientheoretikerin Christa Blümlinger gesprochene Begleitkommentar – eine ikonografische, technische und historische Deutung des kulturellen Kontextes, der der sogenannten automatischen Bildgenerierung zugrunde liegt. Am Ende eines jeden Teils unserer Installation lässt die Vielzahl der Anhaltspunkte, die wir zusammengetragen haben, das „Trump Gaza“-Video in einem neuen Licht erscheinen und gibt den Betrachter*innen Werkzeuge für seine politische Interpretation an die Hand.
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Betrachtet man nun die weitere Landschaft der KI-Slopaganda, die von rechtsextremen Parteien und autoritären Regimen in ganz Europa und in der Welt verbreitet wird: Was zeichnet eurer Meinung nach die spezielle Variante aus, die Trump-Administration produziert? Habt ihr festgestellt, dass bestimmte religiöse Themen und Konnotationen für sie spezifisch sind?
Occitane Lacurie und Barnabé Sauvage
Während unserer Arbeit an diesem Werk bemerkten wir ein Wiederaufleben christlicher Bildsymbolik im Mediendiskurs. Dies gilt vor allem für die einflussreiche evangelikale Bewegung, die sich um Präsident Trump geschart hat. Das prägnanteste Beispiel hierfür ist zweifellos ein generiertes Video, das der republikanische Abgeordnete Andy Ogles gepostet hat: Darin wird Pete Hegseth, der Verteidigungsminister (inzwischen umbenannt zum „Kriegsminister“) und Verfasser des Buches American Crusade, als ein Kämpfer der Tempelritter dargestellt.
Dieser zeitliche Zusammenstoß ist jedoch nur scheinbar ein Paradoxon: Wie es auch für die American Colony gilt, passt die Verwendung eines audiovisuellen Mediums, das symbolisch für die technologische Moderne steht (gestern Fotografie oder Film, heute die KI), nahtlos zur Beschwörung einer mythologisierten Vergangenheit und geht Hand in Hand mit einer „biblifizierten“ Darstellung aktueller geopolitischer Themen.
Im Allgemeinen scheint uns, dass eine rechtsradikale Verwendung von KI durch die Logik des Plattformkapitalismus mit seiner Kommodifizierung von Bildern und seinen Empfehlungsalgorithmen profitiert. In rechtsextremem Slop nimmt eine nationalistische Fantasie Gestalt an, die losgelöst vom historischen Kontext existiert – sie flüchtet sich in eine zusammengeschusterte Folklore, die im Dienst von Überlegenheitsvorstellungen und imperialistischen Bestrebungen steht.
Eine ganz ähnliche Logik trat ja bereits in religiösen Themenparks zutage, etwa der „Holy Land Experience“, die bis zu ihrem Abriss 2023 in Orlando in Florida bestand. Und so nutzten wir sie hier sinnbildlich, um das negative Verhältnis zu Geschichte und Geografie aufzudecken, das das moderne faschistische Denken beherrscht. Nach unserem Eindruck ist die heutige KI ein noch expliziter politisch besetztes Projekt, als es die Propaganda der Vergangenheit bereits war.
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