3 Fragen an Hito Steyerl
19.06.2026
6 min Lesezeit
Die Künstlerin Hito Steyerl ist mit ihrem Werk nicht nur in der Ausstellung The World through AI präsent, sie sprach auch beim Symposium AI Politics: Slop and Slopaganda. Im Interview mit Kurator Antonio Somaini redet sie über KI als „Oberfläche“, Mikroarbeit und die Möglichkeit, den Energieverbrauch von KI merklich herunterzuschrauben.
Du arbeitest nun ja seit fast zehn Jahren zu verschiedenen Aspekten der KI und nutzt dabei unterschiedliche KI-Modelle: zunächst für die Arbeit „The City of Broken Windows“ (2018) und in der Folge für „Power Plants“ (2018), „This Is the Future“ (2019), „SocialSim“ (2020), „Dancing Mania“ (2020), „Animal Spirits“ (2022), „Contemporary Cave Art“ (2022), „Mechanical Kurds“ (2025) und „The Island“ (2025).
In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Gebiet der KI-Entwicklung von Grund auf verändert und zahlreiche ökologische, erkenntnistheoretische, ethische und politische Fragen aufgeworfen, die du im Rahmen von Essays erörtert hast: In dem Sammelband Medium Hot: Bilder in Zeiten der Hitze (2025) liegen sie gebündelt vor. Kannst du uns sagen, welche Gesichtspunkte der KI du gerade im Blick hast – in deinen künstlerischen Arbeiten, aber auch in deinen kritischen Schriften?
HITO STEYERL
Aktuell befasse ich mich mit der Vorstellung, dass die KI als Infrastruktur und System konsistent das hervorbringt, was Roberto Trillo Alonso und Marek Poliks als „Oberfläche“ bezeichnen: eine durchlässige Schnittstelle, an der das Kapital seinen Hebel ansetzen kann. Dahinter steht der Gedanke, dass sich das Kapital in der Differenz zwischen Input- und Outputpreis ansiedelt; und das wiederum bedeutet, es muss diesen Gap schaffen – oder auch irgendeine Art von Gap –, um operieren zu können. Die Differenz ist in diesem Fall die Lücke, die sich auftut zwischen der Volatilität für die Menschen einerseits und der Entstehung hochabstrakter Finanzinstrumente andererseits. Je volatiler, prekärer und instabiler die Lebenssituation der Menschen, desto mehr Möglichkeiten bestehen für das Kapital, in diese Lücke vorzustoßen und seine Hebelkraft über KI-Ökonomien, KI-Ausbeutung oder Formen der Aneignung verschiedenster Art zu entfalten.
Im Moment beschäftige ich mich mit dem Gebiet von Topusko in Kroatien, dem anvisierten Projektstandort für ein KI-Rechenzentrum im Wert von 50 Milliarden US-Dollar. Der Ort hat im letzten Jahrhundert zwei ethnische Säuberungen durch verschiedene Arten von Faschist*innen erlebt, er liegt an der Balkan-Flüchtlingsroute und gehört damit zu den Schwerpunktgebieten für Pushbacks, zudem ist er wirtschaftlich benachteiligt durch Entvölkerung und die Nachwirkungen des Krieges der 1990er-Jahre. Andererseits blieb hier eine zweite Natur sich selbst überlassen und ist gewachsen, bildet inzwischen eine wunderbare Wildnis voller Tiere, mit sauberem Wasser, ausgedehnten Wäldern und viel Leben. Nun aber soll hier ein riesiges Ufo, das Pantheon AI Data Center, vorangetrieben von einem Konglomerat aus US-Investor*innen und lokalen Immobiliengesellschaften, als eines der größten Rechenzentren Europas entstehen – außer das Ganze stellt sich als eine „Pump-and-Dump“-Betrugsmasche heraus, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt.
So habe ich Bekanntmachungsstrategien im Zusammenhang mit Rechenzentren als eine eigene Form von Performancekunst untersucht – und zwar als eine Souveränitäts-Cosplay-Performancekunst, bei der Politiker*innen aus der Region so tun, als hätten sie ein Mitspracherecht bei dem, was das westliche Kapital hier vorhat. Dabei kommen jede Menge Zahlen, Akronyme und einschüchternder „shock and awe“-Jargon ins Spiel, was Investor*innen anlocken soll, flankiert von massivem Staatstheater und scheinheiligen Ritualen, mit denen – in Erwartung von Pseudo-Tech-Geld aus dem Trump-Umfeld – jeder Anspruch auf demokratische Souveränität aufgegeben wird. Tatsächlich könnte man hierin sogar eine Form von konzeptueller Land-Art sehen: Die Bekanntmachungen setzen ein Bündel von Dienstanweisungen in Gang, die – ähnlich wie Sol LeWitts Handlungsanleitungen – an die Stelle des Gegenstands an sich treten: Arbeitsanweisungen, Unterlagen und bürokratische Zeremonien – mehr braucht es nicht für die Ästhetik einer Verwaltung, die in den Dienst der KI gestellt wird.
Könntest du etwas zur Entstehung von „Mechanical Kurds“ (2025) erzählen? Die Installation wird derzeit ja in der SCHIRN präsentiert.
HITO STEYERL
Ich hatte davon erfahren, dass Geflüchtete in Lagern der MENA-Region während der Pandemie für digitale Mikrojobs angeheuert wurden. Damals setzte sich die Weltbank sehr dafür ein, vor allem in Bezug auf Palästina. Und ich wusste, dass es diese Form der Datenarbeit auch in den kurdischen Gebieten im Nordirak gab. Es dauerte allerdings eine Weile, bis unser Producer die Mikroworker*innen vor Ort ausfindig machen konnte, und durch den Krieg wurde der Dreh unterbrochen. Endlich gelang es uns, in die Region zu reisen, um die Erinnerungen der Mikroworker*innen festzuhalten. Doch zu dem Zeitpunkt waren sie bereits wieder entlassen worden, denn inzwischen waren die Maschinen imstande, die Bilder im Autocaption-Verfahren selbst zu verschlagworten. Tatsächlich wurden die von den Mikroworker*innen mitentwickelten Bilderkennungstechnologien unter anderem in Drohnen installiert, und diese schossen im selben Gebiet dann auf Menschen. In meiner Arbeit tritt auch ein Journalist auf, der einen türkischen Drohnenangriff nur knapp überlebt hat.
Vor Kurzem erst hast du ein neues Grundmodell für KI-gestützte Bildgenerierung trainiert: Könnest du das näher ausführen?
HITO STEYERL
Das Modell trägt den Namen „Lossy“, denn die Verlustfunktion ist unser ästhetisches Medium und Knappheit die Grundlage gestalterischer Entscheidungen.
Trainiert wird das Modell ausschließlich mit CC-Material und öffentlich zugänglichen Daten; ein Großteil von ihnen war ursprünglich von unseren Kolleg*innen Mat Dryhurst und Holly Herndon im Rahmen ihres „Spawning“-Projekts gesammelt worden. Wir – also mein Kollege Volker Möllenhoff und ich – haben mehrere Prototypen für einen Pixart-alpha-Diffusionstransformer entwickelt und neue quantenbasierte Preprocessingtechniken erarbeitet, um dem Problem menschlicher Voreingenommenheit bei der Auswahl von Trainingsdaten entgegenzuwirken.
Bei dem Projekt geht es jedoch weniger um das Ergebnis selbst als vielmehr um die Prozesse, die sich hiermit verbinden: So haben wir festgestellt, dass sich der Energieaufwand für das Trainieren der KI um bis zu 75 % und bei der Inferenz um zwei Drittel reduzieren lässt – durch ein paar einfache Entscheidungen zur Datenarchitektur. Außerdem konnten wir zusätzliche Energie einsparen, indem wir proprietäre Elemente und Module, die mit den Daten anderer trainiert worden waren, vielfach ersetzt haben durch sogenannte rein mathematische Prozesse. Das erfolgt in einer Daten-Pipeline und zeigt, dass Skalierbarkeit oft gar nicht benötigt wird und eher auf ökonomische Erpressung zurückzuführen ist als auf technologische Notwendigkeit. Man dreht uns NVIDIA-Grafikprozessoren an, obwohl sie überwiegend gar nicht erforderlich sind, und das verbraucht Energie und weitere Ressourcen. Die endgültige Entscheidung, wie wir das vollständige 1024er-Modell trainieren werden, steht noch aus; ich denke mal, es wird eine sehr abstrakte, sehr seltsame quantenartige Ästhetik, die alles andere ist als fotorealistisch.

