29. Dezember 2019

Unser fantastisches Ausstellungsprogramm im Überblick – damit kann das neue Jahrzehnt kommen.

Von Schirn Magazin

RICHARD JACKSON

Unexpected Unexplained Unaccepted

Wie kein anderer Künstler seiner Zeit hat sich Richard Jackson (*1939) der radikalen Erweiterung der Malerei verschrieben. Der US-amerikanische Künstler sprengt die formalen Grenzen des Malerischen und schafft Situationen, in denen er den Farbauftrag durch den Einsatz von Maschinen mit dem Prozesshaften verbindet. Die Schirn versammelt erstmals in einer Ausstellung fünf seiner insgesamt zwölf existierenden, charakteristischen Rooms – Rauminstallationen, die auf dem Prinzip der automatisierten Malerei basieren. Diese sind zum Teil begehbar, zum Teil nur durch Fenster oder Gucklöcher einsehbar.

Jackson kombiniert hier kritische Kommentare zur Malerei mit sozialen Kontexten, paart sie mit provokativem Witz und Doppeldeutigkeiten sowie Referenzen auf ikonische Werke von Künstlern wie Marcel Duchamp, Robert Rauschenberg oder Jasper Johns. In den Räumen werden comicartige Figuren, Tiere oder Gegenstände zu Akteuren eines einmaligen Prozesses, bei dem Luftkompressoren und Pumpen satte Farbe durch Schläuche und Trichter, durch Ohren, Münder und Körperöffnungen fließen lassen, um sie jeweils auf Boden, Wänden, Einrichtung und den Protagonisten selbst zu verteilen. Die thematischen Zimmer dokumentieren eine vom Künstler losgelöste Malerei, die ins Räumliche expandiert. Wenn das Publikum die Fläche betritt, ist schon alles vorüber. Es wird zum Ermittler des vorausgegangenen spektakulären Malakts und zum Voyeur skurriler Szenarien. 

Richard Jackson, The War Room, 2006-2007, Courtesy the artist and Hauser & Wirth, Installation view, Foto: Joshua White
Richard Jackson, The Dining Room (Detail), 2006-2007, Courtesy the artist, Galerie Georges-Philippe & Nathalie Vallois, and Hauser & Wirth, Foto: Guillaume Grasset

FANTASTISCHE FRAUEN

SURREALE WELTEN VON MERET OPPENHEIM BIS FRIDA KAHLO

Göttin, Teufelin, Puppe, Fetisch, Kindfrau oder Traumwesen – die Frau war das zentrale Thema surrealistischer Männerfantasien. Künstlerinnen gelangten zunächst oft als Partnerin oder Modell in den Kreis rund um den Gründer der Gruppe der Surrealisten André Breton. Allerdings zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass die Beteiligung von Künstlerinnen an der Bewegung wesentlich größer war als allgemein bekannt und dargestellt. Die Schirn präsentiert erstmals in einer großen Themenausstellung den weiblichen Beitrag zum Surrealismus. Was die Künstlerinnen des Surrealismus von ihren männlichen Kollegen vor allem unterscheidet, ist die Umkehr der Perspektive: Oft durch Befragung des eigenen Spiegelbilds oder das Einnehmen unterschiedlicher Rollen sind sie auf der Suche nach einem (neuen) weiblichen Identitätsmodell.

Auch das politische Zeitgeschehen, die Literatur sowie außereuropäische Mythen und Religionen sind Themen, mit denen sich die Surrealistinnen in ihren Werken auseinandersetzen. Die Ausstellung fokussiert auf Künstlerinnen, die direkt mit der surrealistischen Bewegung verbunden waren, wenngleich oft nur für kurze Zeit: sie waren mit André Breton persönlich bekannt, stellten mit der Gruppe aus oder setzten sich mit den surrealistischen Ideen theoretisch auseinander. Mit rund 260 beeindruckenden Gemälden, Papierarbeiten, Skulpturen, Fotografien und Filmen von 34 internationalen Künstlerinnen aus 11 Ländern bildet die Schau ein vielfältiges stilistisches und inhaltliches Spektrum ab. Die Ausstellung spiegelt zudem Netzwerke und Freundschaften zwischen den Künstlerinnen in Europa wie auch in den USA und Mexiko.

Dorothea Tanning, Spannung, 1942 © The Estate of Dorothea Tanning/VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Jochen Littkemann, Berlin
Leonora Carrington, Selbstbildnis in der Auberge du Cheval d'Aube, 1937/38 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Leonor Fini, Erdgottheit, die den Schlaf eines Jünglings bewacht, 1946 © Weinstein Gallery, San Francisco and Francis Naumann Gallery, New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Kay Sage, Zum vereinbarten Zeitpunkt, 1942 © Estate of Kay Sage/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

RAMIN HAERIZADEH, ROKNI HAERIZADEH UND HESAM RAHMANIAN

Die raumgreifenden Installationen von Ramin Haerizadeh (*1975), Rokni Haerizadeh (*1978) und Hesam Rahmanian (*1980) entführen in eine ganz eigene Welt. Sie sind überbordend, beinahe barock und dabei humorvoll, exzentrisch und voller Anspielungen. Basis und Zentrum der künstlerischen Arbeit des Trios ist ihr Haus in Dubai. Hier entstehen im Prozess des gemeinsamen Lebens und Arbeitens Filme, Installationen, Kunstwerke und Ausstellungen – häufig im Austausch mit Freundinnen und Freunden oder anderen Künstlerinnen und Künstlern.

Gemäß ihrer Definition des Kollektivs arbeiten die iranischen Künstler in ihrem jeweils eigenen Stil sowohl zusammen wie auch unabhängig voneinander. Sie erschaffen überraschende Begegnungen, die die Aufmerksamkeit auf dringliche politische und soziale Themen der Gegenwart richten und Machtmechanismen genauso hinterfragen wie normative Geschlechterrollen oder die Kunstwelt. Die Schirn präsentiert die erste Einzelausstellung der Künstler in Deutschland, in der sie ihrer Strategie der Vereinigung verschiedener künstlerischer Realitäten folgend neue und bestehende Werke zu einer sinnlichen Erfahrung verbinden werden.

Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh, Hesam Rahmanian, The Maids, 2012, Courtesy the artists, photo: Maaziar Sadr

WE NEVER SLEEP

Die Schirn widmet der Faszinationskraft der Spionage eine große Ausstellung und beleuchtet sie als aktuelle Quelle künstlerischer Inspiration. Beim Spionieren geht es um die unberechtigte Beschaffung geheimen Wissens oder vertraulicher Angaben. Wurden in der Vergangenheit Einzelpersonen oder Staaten durch nationale Regierungen ausgespäht, machen in Zeiten der digitalen Kommunikation Bürger Staatsgeheimnisse öffentlich oder Whistleblower prangern die Ausspionierung der Bevölkerung durch die eigene Regierung an.

Vor diesem Hintergrund erwacht ein neues Interesse an den Mechanismen der Geheimhaltung. Internationale Künstlerinnen und Künstler wie Simon Denny, Rodney Graham, Gabriel Lester, Metahaven, Trevor Paglen, Noam Toran, Suzanne Treister and Nomeda & Gediminas Urbonas nehmen eine zeitgenössische Perspektive ein und behandeln in ihren Werken Aspekte der Spionage wie Überwachung, Paranoia, Bedrohung und Tarnung, Kryptographie, Manipulation, Kaltblütigkeit und Verrat. Mit einer Vielzahl künstlerischer Strategien sowie erstaunlichen Objekten wird in der Ausstellung die „goldene Zeit“ der Spionage während des Kalten Krieges genauso sichtbar wie die aktuelle Verhandlung der medialen Durchleuchtung.

Noam Toram, Still from If We Never Meet Again, 2010, Courtesy the artist, Foto: Per Tingleff
Noam Toram, Polygraph, from the project Après-coup, 2011, photo: Raphaelle Muëller

MAGNETIC NORTH

MYTHOS KANADA IN DER MALEREI 1910–1940

Uralte Wälder in entlegenen Regionen, majestätische Ansichten der Arktis, die Magie der Nordlichter: Die Malerei der kanadischen Moderne entwirft ein mythisches Kanada. Voller bildnerischer Experimentierfreude reisten Anfang des 20. Jahrhunderts Künstlerinnen und Künstler aus den Städten tief hinein in die Natur, auf der Suche nach einem neuen malerischen Vokabular für die kulturelle Identität der jungen Nation. In einer verführerischen visuellen Sprache verkörpern diese Gemälde und Skizzen den Traum einer „neuen“ Welt und zeichnen ein Idyll der überwältigenden Landschaft jenseits der Realität der indigenen Bevölkerung und des modernen Stadtlebens sowie der expandierenden industriellen Nutzung der Natur.

Anlässlich des Ehrengastauftritts Kanadas auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert die Schirn die Malerei der kanadischen Moderne aus aktueller Perspektive und zeigt erstmals in Deutschland Hauptwerke aus den großen Sammlungen Kanadas. Die umfassende Ausstellung der Schirn beleuchtet mit rund 80 Gemälden und 40 Skizzen sowie Fotografien, Filmen und Dokumentationsmaterial die in Kanada überaus populären Werke der Künstlerinnen und Künstler rund um die Group of Seven. Dabei werden sie einer kritischen Revision unterzogen, indem indigene Perspektiven einbezogen und Fragen der nationalen Identitätsbildung aufgeworfen werden.

Emily Carr, Blunden Harbour, ca. 1930, National Gallery of Canada, Ottawa, Foto: NGC
Lawren S. Harris. Lake and Mountains, 1928 © Family of Lawren S. Harris, Photo Art Gallery of Ontario, 48/8.

DOUBLE FEATURE

Seit acht Jahren ist die Film- und Videokunstreihe Double Feature fester Bestandteil des Programms der Schirn. Einmal im Monat stellen Künstlerinnen und Künstler hier ihre eigene Produktion vor, gefolgt von einem filmischen Werk ihrer Wahl. Im Interview diskutieren die Filmschaffenden ihre Arbeiten sowie aktuelle Tendenzen der Film- und Videokunst. Bereits über 70 Künstlerinnen und Künstler haben bislang ihre Arbeiten im Rahmen dieser Reihe vorgestellt und auch im Jahr 2020 sind wieder herausragende Positionen in die Schirn eingeladen, darunter der aktuelle Prix-de-Rome-Preisträger Rory Pilgrim oder die Direktorin der Birth Rites Collection, Helen Knowles. Ein besonderes Highlight ist eine Mini-Retrospektive des bislang wenig bekannten filmischen Werks von Thomas Bayrle.

Die bisherigen Interviews mit Künstlerinnen und Künstlern wie Monira Al Qadiri, Alexandra Bachzetsis, Gerard Byrne, Pauline Curnier Jardin, Eli Cortiñas, Beatrice Gibson, Andrew Norman Wilson, Damir Očko, Mario Pfeifer, Lili Reynaud-Dewar, Ani Schulze, Timur Si-Qin, Paul Spengemann, Pilvi Takala und Holly Zausner sind unter dem Titel Double Feature Interview über den YouTube-Kanal der Schirn abrufbar. Das Schirn Magazin bietet zudem mit dem redaktionellen Schwerpunkt Video Art regelmäßig diskursive Beiträge, die die Reihe Double Feature begleiten.

Rory Pilgrim, The Undercurrent (video still), multimedia installation, 2019-ongoing. Courtesy: der Künstler und Andriesse Eyck Galerie
Rory Pilgrim, The Undercurrent (video still), multimedia installation, 2019-ongoing. Courtesy: der Künstler und Andriesse Eyck Galerie

AUSBLICK 2021: MARC CHAGALL

Marc Chagall (1887–1985) gilt als Poet unter den Künstlern der Moderne. In einer großen Ausstellung beleuchtet die Schirn eine bislang wenig bekannte Seite seines Schaffens: Chagalls Werke der 1930er- und 1940er-Jahre, in denen sich seine farbenfrohe Palette verdunkelt. Das Werk und Leben des jüdischen Malers wurde maßgeblich durch die Kunstpolitik der Nationalsozialisten und den Holocaust geprägt. Bereits in den frühen 1930er-Jahren thematisierte Chagall in seiner Kunst den immer aggressiver werdenden Antisemitismus und emigrierte 1941 schließlich in die USA.

Sein künstlerisches Schaffen in diesen Jahren berührt zentrale Themen wie Identität, Heimat und Exil. Mit über 100 eindringlichen Gemälden, Papierarbeiten, Fotos und Dokumenten zeichnet die Ausstellung die Suche des Künstlers nach einer Bildsprache im Angesicht von Vertreibung und Verfolgung nach. Sie präsentiert wichtige Werke der 1930er-Jahre, wie „Der Engelssturz“ (1923/1933/1947). Die Schirn ermöglicht damit eine neue und äußerst aktuelle Perspektive auf das Œuvre eines der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Marc Chagall, Der Engelssturz, 1923-33-47, Kunstmuseum Basel, Depositum aus Privatsammlung, VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Martin P. Bühler