07. Mai 2013

In der Serie „Lebt und arbeitet in FFM“ stellen wir Künstler und Kreative aus Frankfurt vor, die uns begeistern – zum Beispiel Jochem Hendricks. Der Konzeptkünstler erschafft höchstens zwei oder drei Werke pro Jahr. Die aber sind garantiert brillant.

Von Alexander Jürgs

Das Atelier von Jochem Hendricks befindet sich in einem Hinterhaus in der Hohenstauffenstraße, auf der Straßenseite mit den geraden Hausnummern. Gegenüber, auf der Seite mit den ungeraden Nummern, hat Hendricks früher einen Laden für Vintage-Möbel betrieben. Und dort ließ er auch einmal 200 Fensterscheiben einwerfen.

Der Vintage-Möbelladen hieß Design FFM. Das Video zu der Aktion mit den 200 Fensterscheiben heißt „Front Windows". Hendricks zeigt es am liebsten auf eine möglichst große Fläche projiziert. Der Ton: laut. „Front Windows" ist eine typische Hendricks-Arbeit: Man kann sich ihr kaum entziehen, man ist von Anfang an gebannt. Und wer sich darauf einlässt, fängt schnell an, die Gedanken schweifen zu lassen: Ist „Front Windows" ein ironischer Kommentar auf die Broken-Windows-Theorie, die in einem einzelnen zerschlagenen Fenster den Auftakt zur Verwahrlosung ganzer Stadtviertel sieht? Geht es um die Faszination von destruktiver Gewalt? Um die morbide Schönheit verlassener Gebäude? Um Klang?

„Wenn Sie Kunst von mir sehen wollen, dann ist dies hier der falsche Ort", sagt Hendricks, als er mich in seinem Atelier begrüßt. Hendricks ist Konzeptkünstler. Seine Werke entstehen erst im Kopf und dann meistens in fremden Werkstätten. Seine Arbeiten befinden sich entweder im Lager -- oder sind auf Reisen. Hendricks ist keiner, der Kunst am Fließband produziert. „Wenn bei mir zwei, drei Sachen pro Jahr herauskommen, dann ist es schon gut gelaufen", sagt er.

Auf dem Betonboden steht ein Wasserkocher, daneben eine Armada an Evian-Flaschen. Hendricks -- weißes Hemd, braune Cordhose, kahl geschorener Kopf -- brüht noch eine Kanne Tee auf. Und erzählt ganz präzise, im Grunde druckreif von seinen Arbeiten. Die brauchen manchmal vor allem viel Zeit

Zum Beispiel „Crime -- Terror -- Riots". Die Arbeit basiert auf verdeckten Foto- und Filmaufnahmen von Demonstrationen, Hausbesetzungen oder Banküberfällen. Entstanden sind die Aufnahmen zwischen 1973 und 1985. Hendricks präsentiert dieses geheime Archiv als Installation aus parallelen Projektionen und edlen Vintage-Abzügen der Fotografien. Die Abzüge stellt Magdalena Kopp her, eine ausgebildete Fotografin -- und eine der Schlüsselfiguren der linksradikalen deutschen Terrorszene. Kopp war Mitglied der Revolutionären Zellen, verbündete sich mit dem Top-Terroristen „Carlos", wurde seine Geliebte und Ehefrau. Sie saß lange im Gefängnis, heute lebt sie wieder in ihrer alten Heimat Neu-Ulm.

„Das Material hatte ich sechs, sieben Jahre bei mir liegen", erzählt Hendricks. Eine rein dokumentarische Arbeit mit diesen brisanten Bildern: Das war ihm immer zu wenig. Über den Filmemacher Nadav Schirmann lernt Hendricks schließlich die Ex-Terroristin kennen. Sie nähern sich aneinander an, beginnen gemeinsam an dem Projekt zu arbeiten. Dass Kopp Einfluss auf das Werk ausübt, sich einmischt in den Entstehungsprozess, das ist ihm wichtig.

„Magdalena ist Akteurin und Material zugleich", sagt Hendricks. Ihre Abzüge, die Ausschnitte, die sie wählt, das hochwertige Material machen aus den Schnappschüssen Kunst. „Schon in den siebziger Jahren galt sie als Herrin der Dunkelkammer", so Hendricks.

Ein anderes Langzeitprojekt von Hendricks ist der „Luxus Avatar", eine lebensgroße Figur des Künstlers mit vergoldetem Kopf, für die am Ende eines jeden Jahres Luxusprodukte gekauft werden sollen, um Steuern zu sparen. Die Idee dabei: Von dem Überschuss, den Hendricks in einem Jahr erwirtschaftet, werden exklusive Gegenstände für den Doppelgänger angeschafft, die dann wieder als Kunstwerke ausgestellt werden. Deshalb lassen sich die Kosten für diese Güter als Arbeitsmaterial von der Steuer absetzen.

„Keiner mag das Finanzamt, deswegen war mein Gedanke: Aus Steuern mache ich Kunst", erklärt Hendricks die Idee. Er hat auch schon einige, nicht weniger subversive Vorläufer für den „Luxus Avatar" geschaffen. Einmal kaufte Hendricks von seinem Überschuss Gold und schuf daraus die Skulptur „Tax". Ein anderes Mal erwarb er einen Sportwagen, „so einen durchschnittlichen Friseurinnensportwagen, einen Mazda", den er zum Kunstwerk deklarierte.

Der Hamburger Kunsthalle wollte Hendricks 2002 als Ersatz für einen gestohlenen Giacometti eine Fake-Skulptur schenken. Für eine andere Arbeit ließ er angeblich 3281579 Sandkörner abzählen und präsentierte sie in einer schlichten Glasschale. Humor spielt in seinem Werk eine große Rolle, für Hendricks ist sie ein Türöffner: „Wenn jemand vor einem Kunstwerk steht und lachen muss, dann hat er etwas verstanden."

Es verwundert, wie vergleichsweise unbekannt Jochem Hendricks in seiner Heimatstadt ist. Im Haus Konstruktiv in Zürich, bei Thomas Rehbein in Köln, in der John Hansard Gallery in Southampton waren seine Arbeiten kürzlich zu sehen -- seine letzte Einzelausstellung in Frankfurt fand vor über zehn Jahren statt. „Je weiter weg ich bin, desto mehr Anerkennung bekomme ich", sagt Hendricks. Trotzdem wollte er nie wegziehen aus Frankfurt. Schon gar nicht nach Berlin. „Frankfurt ist viel moderner, zeitgenössischer, schneller. Mehr am Puls der Zeit. Die Ökonomie spielt hier eine größere Rolle, das interessiert mich in meinen Arbeiten."