14. Januar 2014

Daniela Cappelluti lebt und arbeitet in Frankfurt. Ihren sicheren Job in einer Werbeagentur hat sie an den Nagel gehängt, um sich einer Herzensangelegenheit zu widmen: dem „Frankfurter Garten“, einem urbanen Bauernhof in der Öde des Ostends.

Von Alexander Jürgs

Ganz schön kalt, so ein urbaner Garten im Winter. Wir verziehen uns in einen Container, der als Büro fungiert, lassen Daunenjacken, dicke Mäntel und Wollmützen an, wärmen uns an heißen Tassen mit Milchkaffee. Im Ikea-Regal hinter mir stehen Leitz-Ordner und eine Handvoll Bücher: das Standardwerk über „Urban Gardening“ aus dem wunderbaren Orange Press Verlag, ein „Hessische Küche“-Kochbuch, ein schmaler Band, der den Titel „Künstler als Gärtner“ trägt. An der Wand daneben: ein Pin-up-Kalender von Hornbach. Leichtbekleidete Frauen posieren mit Motorsägen und anderen Werkzeugen. Ein feuchter Handwerkertraum. Ist das ironisch gemeint? Sehr wahrscheinlich. Andererseits ist die Baumarktkette ein wichtiger Partner des Projekts „Frankfurter Garten“. Die Arbeit des Gartens unterstützt Hornbach tatkräftig mit Spenden.

Daniela Cappelluti wirft eine Elektroheizung an und beginnt zu erzählen, wie es zu dem Projekt kam. Am Anfang stand die Frankfurter Bewerbung als „Green City“, initiiert hatte den Wettbewerb die Europäische Union. Cappelluti störte an der Bewerbungskampagne, dass die Stadt dabei zwar viel Geld in Hochglanz-Imagefilme investierte, aber keine konkreten, im Stadtraum sichtbaren Projekte ins Leben rief. Zur gleichen Zeit wurde sie zufällig von einer Bekannten angesprochen, ob sie sich nicht vorstellen könne, einen städtischen Bauernhof aufzubauen. So entstand ihr Traum, ihre Idee: einen urbanen Garten schaffen, „über den die Menschen stolpern“. Nicht im Nordend, wo sie lebt und wo Nachhaltigkeit und Öko-Lifestyle sowieso den Alltag der Bewohner bestimmen, sondern an einem der hässlichsten Orte der Stadt: dem Danziger Platz. Ein Un-Ort am Ostbahnhof, von der Stadtplanung jahrzehntelang vergessen.

Cappelluti kündigte kurzentschlossen ihren sicheren Arbeitsplatz in einer Frankfurter Werbeagentur und heuerte erstmal als Praktikantin an: in den Prinzessinnengärten in Berlin-Kreuzberg. Das Projekt kann als Blaupause für den „Frankfurter Garten“ gelten. An einem ungenutzten, vernachlässigten Ort entsteht ein städtischer Naturraum. Und ein Platz, um sich zu treffen, um ins Gespräch zu kommen und gemeinsam darüber nachzudenken, wie man auch in der Großstadt besser im Einklang mit der Natur, eben: nachhaltig, leben kann. „Wie wenig das Thema in unseren Köpfen verwurzelt ist, hat mich immer geschockt“, sagt Cappelluti. Und nennt ein Beispiel: „In der Agentur etwa, in der ich lange gearbeitet habe, da gehen junge, gutverdienende Art-Direktoren und Texter in der Mittagspause in den Edeka, kaufen sich an der Fleischtheke einen halben Hahn für 1,99, eingeschweißt in unendlich viel Plastik. Und das in Zeiten, in denen jedes Unternehmen großspurig Nachhaltigkeit propagiert. Mich hat das richtig angekotzt.“

Wo ist Grün zu finden? Was wissen wir über Pflanzen? Was über Nahrungsspekulation und Wasserknappheit? Solchen Fragen wollen Cappelluti und ihre Mitstreiter mit dem Projekt nachgehen. Seit vergangenem Mai hat der „Frankfurter Garten“ geöffnet, mindestens bis Oktober 2014 dürfen sie den Platz vorm Ostbahnhof nutzen. Im Vordergrund steht die praktische Arbeit. Hochbeete werden gebaut, es wird gepflanzt, gepflegt und geerntet. Für viele aus dem Viertel ist das Projekt zu einem zweiten Zuhause geworden. Regelmäßig treffen sie sich im Gartenclub, überlegen, was zu tun ist, was Neues entstehen kann. „Total schön“ nennt Cappelluti die Zusammenarbeit mit den vielen Ehrenamtlichen aus dem Ostend. Für sie ist das die größte Motivation. Denn der Job als Projektleiterin des „Frankfurter Gartens“ kann manchmal auch ganz schön schlauchen. Ständig kommen Anfragen, ständig ist etwas zu organisieren. „Ich war es immer gewohnt, 100 Prozent zu geben, aber hier sind es mindestens 180 Prozent“, sagt sie. Und: „Das ist schon der krasseste Job, den ich jemals hatte“. Cappelluti ist alleinerziehende Mutter, sie hat einen Sohn. „Der kommt leider oft zu kurz.“ In ein paar Tagen fahren die beiden nun aber für zwei Wochen in den Urlaub. Endlich mal zu zweit.

„Ich würde mir einfach mehr Unterstützung durch die Stadt wünschen“, sagt Cappelluti. Weniger Bürokratie wäre auch hilfreich. Sie erzählt von einem Treffen mit einer Vertreterin einer Stiftung. Beharrlich wollte die Frau wissen, welche Garantien, welche Sicherheiten Cappelluti denn geben könne, dass das Projekt am Laufen gehalten werden kann. „Da konnte ich dann plötzlich nicht mehr“, berichtet sie. „Da habe ich angefangen zu heulen und gesagt: Ach, lassen Sie mich doch einfach in Ruhe.“ Sie mag es nicht, ewig zu planen und abzuwägen. Ein Open-Air-Kino haben sie im „Frankfurter Garten“ im Sommer kurzerhand ins Leben gerufen. In der Adventszeit gab es ein Märchenzelt. „Da wurden Geschichten in den unterschiedlichsten Sprachen erzählt, in Spanisch, Portugiesisch und und und ... Das hat mich sehr gerührt“, sagt Cappelluti. Etwas ausprobieren, auch auf die Gefahr, damit zu scheitern: Das ist ihr Weg. „Wir sind halt anders, schnell, Rock’n’Roll.“

Und deshalb hält Cappelluti, neben der vielen Arbeit für den „Frankfurter Garten“, auch noch ein anderes Projekt am Leben: ihren Newsletter „Danielas Ausgehtipps“. Seit acht Jahren erscheint der Newsletter mit Kulturtips fernab von Mainstream und großen Institutionen. Cappelluti empfiehlt dort nur Veranstaltungen, die sie selbst auch besuchen würde: freie Theaterproduktionen von befreundeten Künstlern, kleine Ausstellungen, Partys in Off-Spaces. Ein zweiter Autor, Rolf Krämer, gibt Kino- und Fernsehtips und schreibt über Sportthemen. „Das Projekt muss authentisch bleiben, das ist das Wichtigste“, sagt Cappelluti. Sorgen muss man sich deshalb eigentlich nicht machen. Wer Daniela Cappelluti einmal kennen gelernt hat, dürfte es bemerkt haben: Sie kann gar nicht anders als authentisch.