14. August 2013

Philipp Mainzer lebt und arbeitet in Frankfurt am Main: Mit seinen Möbelentwürfen begeistert er die Designwelt und hat gerade mit der Firma e15 ein neues Quartier in Frankfurt bezogen.

Von Alexander Jürgs

Die Adresse: Gwinnerstraße. Ein kleines Industriegebiet, zwischen Seckbacher Kleingärten und der viel befahrenen Borsigallee. Die Hallen stehen in Reih und Glied, sind inspiriert von der Backsteinmoderne der 1920er-Jahre, aber um einige Jahre jünger. Der Anlagenbauer Lurgi hatte hier einmal seine Zentrale. Jetzt gibt es Tischler, Messebauer und einen Autohändler. Und Philipp Mainzer, der mit seiner Möbelmarke e15 und seinem Architekturbüro im Frühjahr hier eingezogen ist. In Oberursel, wo e15 über ein Jahrzehnt lang zuhause war, ist der Raum knapp geworden. „Ich hoffe, dass hier ein kreativer Campus entstehen wird“, sagt Mainzer.

Philipp Mainzer sitzt im Besprechungsraum von e15. Hinter ihm hängen unzählige Ausdrucke an der Wand. Möbelentwürfe sieht man dort, die bekannten, schlichten Holztische, die e15 bekannt gemacht haben und heute als Klassiker des Möbeldesigns gelten. Oder die bunten Stühle aus der Serie „This That Other“, entworfen von Stefan Diez, die erst seit einigen Wochen auf dem Markt sind. Aber auch einen alten Kalender, ein Werbegeschenk des Ladens Bergman, den e15 in der Frankfurter Kaiserstraße früher betrieben hat. 1995 hat Philipp Mainzer e15 gemeinsam mit Florian Asche gegründet, in London, im Stadtteil Hackney. Benannt haben sie ihre kleine Firma nach der Postleitzahl des Viertels. Mainzer hat in London auch studiert, zunächst Produktdesign am berühmten Central Saint Martins College of Art and Design, danach Architektur an der Architectural Association.

Wenn man das Design von e15 beschreiben will, dann geht das immer noch am besten mit dem „Backenzahn“. Das ist ein niedriger Hocker, mit vier gleichen Beinen, seine Form erinnert an den namengebenden Zahn. Der „Backenzahn“ war eigentlich ein Abfallprodukt, entstanden aus einem Rest deutscher Eiche, der bei der Produktion eines Tisches übrig geblieben war. Man sitzt unglaublich bequem auf so einem „Backenzahn“. Und er ist langlebig, im Grunde unverwüstlich. Material nicht verschwenden, einen Baum so nutzen, dass nichts überbleibt: Diese Form von Nachhaltigkeit ist für Philipp Mainzer enorm wichtig. Es geht ihm nicht um Styling, nicht um Trends. Mainzers Maximen sind andere. „Nichts dem Zufall überlassen“, sagt er. Und: „Gutes Design sieht man nicht.“

Seit der Gründung von e15 hat sich vieles verändert. e15 hat Karriere gemacht. In kurzer Zeit avancierte die Firma zum Liebling von Designmagazinen und kaufkräftigen Kunden. Dann fingen die ersten Museen an, Entwürfe von e15 zu sammeln. Bald kamen Architekturaufträge dazu. Seit 2004 zum Beispiel ist die Firma zuständig für die Gestaltung aller Filialen der Modemarke Closed. 2006 stieg Florian Asche aus. Er wollte sich wieder mehr auf seine Entwürfe konzentrieren können, wollte wieder weniger mit Geschäftlichem zu tun haben, und gründete mit april allterior eine eigene Marke. Seitdem hält Mainzer die Fäden allein in der Hand.

Philipp Mainzer holt eine Mappe mit Architekturentwürfen seines Büros. Seit 2011 firmiert der Architekturbereich unter eigenem Namen. Sachlich, auf den Punkt: So kann man seine Architektur bezeichnen. Ein bisschen verspielt ist sie trotzdem immer. Für einen taiwanischen Glashersteller hat Mainzer ein Bürogebäude von schlichter, moderner Eleganz entworfen. Der Clou ist die Glasfassade: Kleine Rechtecke, die die Sonne reflektieren, ziehen sich unregelmäßig über eine riesige Glasfläche. Von außen funkelt das Gebäude, von innen kann man trotzdem ungehindert hinaus schauen. Wir blättern weiter durch die Mappe mit den Projekten. Für die Stählemühle, wo der ehemalige Kunstbuchverleger Christoph Keller heute sehr erfolgreich Schnaps destilliert und verkauft, hat Mainzer das Interior Design übernommen. In Taiwan sollen bald Wohnhäuser nach Mainzers Plänen entstehen. Und auch für die Ausstattung des ehemaligen Museumsshops im MMK Zollamt war sein Büro verantwortlich.

Ein weiteres, sehr besonderes Projekt von Philipp Mainzer: Mit e15 hat er eine Kollektion mit Möbeln, die der Frankfurter Architekt Ferdinand Kramer entworfen hat, neu herausgebracht. Kramer, überzeugter Anhänger der Moderne, war während der NS-Zeit in die Vereinigten Staaten emigriert. 1952 kehrte er nach Frankfurt zurück und wurde Baudirektor der Goethe-Universität. Den Bockenheimer Campus prägte Kramer, der 1985 verstarb, mit seinen Entwürfen bis ins Detail. Parallel zu seiner Arbeit als Architekt entstanden aber auch unzählige Möbelentwürfe. Diese Möbelstücke kennt heute kaum jemand mehr – zu Unrecht, wie die Kramer-Kollektion von e15 eindringlich beweist. „Das war ein echter Glücksfall: Kramers Frau Lore hat uns angesprochen, ob wir Interesse hätten, einige seiner Entwürfe neu aufzulegen“, erzählt Philipp Mainzer. Gemeinsam mit ihr hat er die Archive durchforstet, hat sich in Zeichnungen und Prototypen vertieft und schließlich die Auswahl für die Kollektion getroffen. „Das ist das Schönste: Wenn man mit Design eine Geschichte erzählen kann“, sagt Philipp Mainzer.