20. November 2013

Die Theaterregisseurin Johanna Wehner lebt und arbeitet in Frankfurt. Aus über 150 Bewerbern wurde sie für das Projekt „RegieStudio“ ausgewählt. Gemeinsam mit zwei anderen jungen Regisseuren verantwortet sie ein Jahr lang das Programm in der „Box“ des Frankfurter Schauspiels.

Von Alexander Jürgs

Eine Handvoll Europaletten, aufgetürmt zu einem Berg. Ein Vorhang mit buntem Blumenmuster drauf. Ein Holztisch, ein warmgelb leuchtender Lampenschirm. Und vier Schauspieler, die die Geschichte von der Geierwally, „dem schönsten und stärksten Mädchen von Tirol“, erzählen. Dieses Theaterstück, inszeniert von Johanna Wehner, braucht nicht viel, um zu fesseln. Bislang war jede Vorstellung der „Geierwally“ ausverkauft. Gespielt wird es in der Box, der kleinsten Spielstätte des Frankfurter Schauspiels. Gerade einmal 80 Leute passen dort hinein.

Am Tag danach ist die Box einfach bloß ein leerer Raum. Schwarz und schmucklos. Nur acht auf zwölf Meter misst die Theaterkiste in der Mitte des Schauspielfoyers. An die „Geierwally“, diesen besonderen und beindruckenden Theaterabend, erinnert nichts mehr. Johanna Wehner sitzt auf einem der Stühle in der zweiten Reihe, guckt in Richtung Bühne. „Hier habe ich auch immer während den Proben gesessen“, sagt sie. Für ein Jahr lang hat sie – gemeinsam mit zwei anderen jungen Regisseuren – in der Box nun das Sagen. „RegieStudio“ nennt sich das Projekt, das in dieser Spielzeit zum ersten Mal stattfindet. Vier Stiftungen finanzieren es. Den Regisseuren, die alle noch am Anfang ihrer Karriere stehen, soll es die Möglichkeit bieten, mit Kontinuität an ihrem Regiestil zu arbeiten. Jeder wird drei eigene Inszenierungen erarbeiten, außerdem gestalten sie ein gemeinsames Rahmenprogramm. Zum Abschluss des Projekts soll es ein Festival geben, bei dem alle Stücke noch einmal vor Intendanten anderer Häuser und der Presse gezeigt werden.

Dass Johanna Wehner beim „RegieStudio“ gelandet ist, war auch ein bisschen Zufall. Und Glück. Clara Topic-Matutin, die Leiterin des neuen Projekts, hatte in Jena eine Inszenierung von Johanna Wehner gesehen und die Regisseurin daraufhin aufgefordert, sich zu bewerben. „Ich bin unheimlich schlecht in diesen Vermarktungsgeschichten, weil mich der Theaterbetrieb an sich schon total aufsaugt“, erklärt Wehner. „Und außerdem fehlt mir das Talent dazu.“ Aus über 150 Bewerbungen wurde sie am Ende trotzdem ausgewählt. Wehner sieht das Projekt als große Chance – und freut sich, dass sie für ein Jahr lang nicht mehr ganz soviel reisen wird wie bisher. Nach dem Abschluss ihres Regiestudiums an der Bayerischen Theaterakademie „August Everding“ 2010 hat sie schon in Stuttgart, München, Freiburg, Heidelberg, Jena und Aix-en-Provence Stücke inszeniert. Im Kofferpacken ist sie routiniert.

In Frankfurt fühlte Johanna Wehner sich auf Anhieb wohl. „Frankfurt ist mega, ich liebe es hier“, sagt sie enthusiastisch. Vor allem der Main hat es der Rheinländerin (sie ist 1981 in Bonn geboren und dort auch aufgewachsen) angetan. Die Rote Bar hat sie auch gerade für sich entdeckt, aber am allerliebsten ist sie in der Kantine des Schauspiels. „Ich mag die Menschen am Haus. Man sitzt hier auf der Couch und kommt sofort mit jemanden ins Gespräch, das gefällt mir sehr“, erklärt Wehner. Sogar die Wohnungssuche ist ihr schnell geglückt. In Sachsenhausen hat sie ein WG-Zimmer bezogen. Ihr Mitbewohner ist der Schauspieler Lukas Rüppel, der ebenfalls neu in Frankfurt ist. Für die beiden ist es ein Wiedersehen. „Bei meiner ersten Inszenierung am Schauspiel Stuttgart hat Lukas mitgespielt“, erinnert sich Wehner.

Man soll sie stoppen, wenn sie zuviel erzählt, sagt sie. Aber das ist überhaupt nicht nötig, denn wenn Johanna Wehner ihren Werdegang beschreibt oder davon spricht, was sie an der Bühnenarbeit so fasziniert, dann könnte man ihr problemlos stundenlang zuhören. Wehner spricht schnell, gestikuliert mit den Händen, lacht abrupt auf. Den Wunsch, Theaterregisseurin zu werden, hatte sie schon als Schülerin. In der neunten Klasse nahm sie an einem Kindermusicalprojekt teil. Schon damals merkte sie, dass der Außenblick ihr mehr liegt als das Auf-der-Bühne-stehen. In der dreizehnten Klasse übernahm sie bei einem weiteren Musical dann die Regie. „Da habe ich das erste Mal inszeniert, so lächerlich das aus heutiger Sicht auch klingt.“ Und sie wusste: „Das muss es sein.“

Trotzdem entschließt sie sich zunächst einmal für ein klassisches Studium, wählt die Fächer Germanistik und Philosophie. „Das war der Gedanke: Du kannst doch nicht von Kunst leben“, sagt sie. Zwischen zwei Polen würde sie bis heute pendeln: Der „kreativen Kamikaze-Seite“ stehe dabei immer auch die „verunsicherte Seite“ entgegen. Der Wunsch, künstlerisch zu arbeiten, gegen die Angst, davon nicht leben zu können. Während dem Studium engagiert sie sich beim Theater Marabu in Bonn, einem Projekt für Kinder- und Jugendtheater aus der freien Szene. Nach dem Abschluss dann das Regiestudium in München.

„Irgendjemand hat mal gesagt, dass es im Theater letztlich immer um zwei Dinge geht: Liebe und Tod. Da ist viel Wahres dran“, sagt Johanna Wehner. Für ihre Stücke sei sie immer auf der Suche nach einem Happy End, auch bei Kinofilmen sehne sie sich danach. Aber wenn die Inszenierung dann auf die Bühne kommt, dann fehlt dieses glückliche Ende doch regelmäßig. „Trotzdem gibt es in meinem Stücken immer einen Hoffnungsschimmer“, sagt die Regisseurin. Sie denkt kurz nach, und fügt dann hinzu: „Es gibt kein Theater ohne Konflikte. Es gibt aber auch kein Theater ohne Hoffnung.“

Ihr nächstes Stück in Frankfurt soll im April oder Mai Premiere feiern. Noch hat sie nicht entschieden, welchen Stoff sie sich vornehmen will. In der Zwischenzeit wird sie auch noch einmal in Freiburg inszenieren, dort verantwortet sie die Uraufführung von Paul Brodowskys Stück „Intensivtäter“. Und morgen früh fährt sie für einige Tage nach München. Allzu sesshaft will Johanna Wehner dann doch nicht werden.