04. Dezember 2013

Daniel Woeller lebt und arbeitet in Frankfurt. Bevor er seine Karriere als Modefotograf einschlug, arbeitete er als Architekt und Stylist. Mit seinen Bildern will er Geschichten erzählen.

Von Alexander Jürgs

Erstmal einen Espresso. Vom Büro aus laufen wir zur „Kaffeemacherei" auf der Eckenheimer Landstraße. „Nimm den Zucker mit Zimt für deinen Kaffee, das schmeckt großartig." Der Besuch hier ist ein Ritual. Daniel Woeller und die zwei Grafiker Marc Schütz und Ole Schulte von Schultzschultz, mit denen er sich das Büro teilt und sehr häufig auch zusammenarbeitet, starten regelmäßig so in den Tag

Daniel Woeller, Jahrgang 1966, ist groß, schlank, ganz in Schwarz gekleidet bis auf ein Paar Stiefel in Leopardenfellmuster. Er sagt: „Als ich jung war, hat mich Fotografie überhaupt nicht interessiert". Sein Bruder besaß eine Spiegelreflexkamera, ihn aber ließ das kalt. Der Apparat, der Vorgang des Fotografierens, das war ihm alles viel zu technisch. „Damit wollte ich mich nie beschäftigen. Ich konnte mir zum Beispiel nie merken, was eine Blende ist." Was ihn faszinierte, war die Popkultur: New Wave, Punk, die Neue Deutsche Welle. Und das Kino, das Geschichten erzählen mit Bildern. Heimlich guckte er nachts auf dem Fernseher jeden Film, den er zu sehen bekam. „Ich habe die Filmkultur magisch aufgesaugt. Bis heute bin ich ein wandelndes Lexikon für das Kino der 1960er- bis 1980er-Jahre", sagt Daniel Woeller.

Studiert hat er dann aber Architektur. Das war solide, aber trotzdem kreativ. Und eine gute Schule in den Grundlagen der Gestaltung. Nach dem Studium machte Daniel Woeller sein eigenes Architekturbüro auf, gemeinsam mit Bernhard Franken, der heute als einer der erfolgreichsten und innovativsten Frankfurter Architekten gilt. Doch glücklich wurde Woeller in dem Beruf nicht. „Ich habe schnell gemerkt: Für Architektur bin ich viel zu ungeduldig. Lust und Liebe sind da auf der Strecke geblieben."

Er hört -- erstmal ohne Plan -- auf, als Architekt zu arbeiten. Genau in dem Moment wird seine Frau schwanger. Es kommen Existenzängste. Geld verdienen wird plötzlich wichtig für Daniel Woeller. Freunde geben ihm den Tipp, es als Stylist für Fotoproduktionen zu versuchen. Shootings am Laufen halten, das liegt ihm. „Dass ich deutschlandweit gebucht wurde, ging ruckzuck." Thomas Koch, der damals das „Groove"-Magazin herausgab, spricht ihn an. Koch wünscht sich Modestrecken für sein Magazin, das als Deutschlands Zentralorgan für elektronische Musik gilt. So wird Daniel Woeller der erste Moderedakteur der „Groove". „Am Ende haben wir drei Strecken pro Monat produziert." Er entwickelt die Ideen für die Fotostrecken, sucht die Kleider aus, die Models, die Orte. Und fragt sich bald: Warum fotografierst du eigentlich nicht selbst?

Daniel Woeller begreift schnell, dass die Technik des Fotografierens kein Hexenwerk ist. Er tut sich mit einem Kollegen, Marc Trautmann, zusammen. Sie lassen sich von einem Agenten vertreten, bekommen immer mehr hochbezahlte Aufträge. Sie geraten aber auch in eine Sackgasse: Weil die Shootings, bei denen sie Autos fotografieren, so gut ankommen, werden sie bald nur noch für solche Aufträge gebucht. „Plötzlich steckst du tief in einer Schublade", sagt Daniel Woeller. „Dabei interessieren mich Autos nicht mal besonders." Er trennt sich von seinem Fotografenkollegen. „Ich wollte zurück zu den Menschen, zurück zur Mode", sagt Woeller.

Wir gehen wieder in sein Büro. Ein beinahe lebensgroßes Porträt des Frankfurter DJs Shantel lehnt an der Wand, daneben zwei bunte 60er-Jahre-Sessel und orangefarbene Retrofernseher, die bei einem Fotoshooting übrig geblieben sind. Eine Kleiderstange mit T-Shirts. Und überall Zeitschriften, Modekataloge, Belegexemplare von Daniel Woellers Arbeit. Wir versenken uns in eine gemütliche Ledercouch und blättern durch Stylebooks, die er für die Modemarke Drykorn fotografiert hat. Models posieren auf einem alten, verrosteten Kahn, der im Meer gestrandet ist. „Das Wrack liegt schon seit Ewigkeiten vor Lanzarote. Als Jugendlicher habe ich es beim Familienurlaub zum ersten Mal gesehen", erzählt Woeller.

Eine andere Strecke ist in einer portugiesischen Stierkampfarena entstanden. Models im Sand der Arena, ein alter VW-Käfer in der Rolle des todgeweihten Tieres. Und dazwischen: Bilder des berühmten Toreros Mario Coelho. Eindringlich guckt er in die Kamera, das weiße Haar streng nach hinten gebunden. Er trägt ein edles schwarzes Hemd und einen silbernen Paillettenanzug, die Arme ruhen auf einem Degen. Woeller inszeniert ihn als Legende. „Ich will mit meinen Bildern Geschichten erzählen", sagt er. Und: „Ich gehe überhaupt sehr filmisch an die Produktionen heran, schreibe vorher genau Storyboards". Bei seinen Shootings hat er auch fast immer einen Kameramann dabei. So entstehen Making-Of-Videos der Produktionen. Doch Woeller will weiter gehen. Deswegen versucht er sich nun an kurzen Filmen mit Handlung, die als Nebenprodukt der Fotoproduktionen nicht nur von den Shootings selbst erzählen. „Fashion-Filme sind schwer im Kommen", ist Woeller überzeugt.

Daniel Woeller liebt seinen Beruf, aber einfach ist er nicht. „Der Druck ist enorm", sagt er. Eigentlich könnte er der zufriedenste Mensch der Welt sein: erfolgreich im Job, seit 18 Jahren glücklich verheiratet, drei Kinder. „Aber vor jedem Shooting kommt immer wieder dieses wahnsinnige Lampenfieber. Dann kann ich zwei Nächte nicht schlafen. Alles gerät ins Wanken. Ich wollte, ich könnte das abschalten, aber es geht nicht." Er erzählt von Kollegen, die dem Druck nicht standhalten konnten. Die immer mehr Alkohol und immer mehr Drogen gebraucht haben, um weiter gute Arbeiten abzuliefern. Ein Freund aus Hamburg, „immer auf der Überholspur", hatte vor kurzem einen Schlaganfall. „Jetzt ist er halbseitig gelähmt." Daniel Woeller sagt, dass er unglaublich glücklich darüber ist, „zu den Leuten zu gehören, die wissen, dass Drogen keine Hilfe sind". „Ein Fotograf ist wie ein Clown", sagt er. „Du gehst in die Manege. Du musst die Models motivieren, bist immer lustig, auch wenn es dir selbst nicht gut geht. Das ist deine Verantwortung."