21. Juni 2013

Die Schriftstellerin Saskia Hennig von Lange lebt und arbeitet in FFM. Ihr Debüt, die Novelle „Alles, was draußen ist“, ist vor einigen Wochen erschienen – und sorgt nicht nur in den Feuilletons für Begeisterungsstürme.

Von Alexander Jürgs

Meine erste Frage an Saskia Hennig von Lange: „Wo gibt es diese wunderschönen Tassen?" Die Schriftstellerin hat Milchkaffee zubereitet und in dünnwandige, hellgraue Tassen aus Ton gefüllt, die nun vor uns auf dem Küchentisch stehen. „Ikea, 29 Cent das Stück", antwortet Hennig von Lange. „Das war ein Angebot, wir haben gleich einen großen Vorrat angeschafft." Mit ihrem Mann und zwei Kindern -- der Sohn ist sechs, die Tochter zwei Jahre alt -- wohnt sie in einer Altbauwohnung in Bockenheim. Viel Platz ist nicht, in ein paar Wochen wird die Familie umziehen. Die Suche nach einer neuen, bezahlbaren Wohnung hat sich lange hingezogen. „Denn wir wollten auf keinem Fall in ein anderes Viertel ziehen", sagt Hennig von Lange. „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, nicht in Bockenheim zu leben." Sie liebt das Café Crumble („mein zweites Wohnzimmer"), und dass es hier „so grün und trotzdem urban ist". Eine ihrer ersten Lesungen fand in der Karl Marx Buchhandlung in der Jordanstraße statt, wo sie Stammkundin ist. „Da war ich wirklich aufgeregt."

Saskia Hennig von Langes Arbeitsplatz, das ist ein kleiner Schreibtisch, der sich hinter einer Ausziehcoach versteckt. Auf dem Tisch stapeln sich Bücher, Notizen, Ausdrucke, Programmhefte. An der Wand darüber: Postkarten, Zeichnungen, auf einem gerahmten Gedicht thronen eine kleine Ziegenfigur und ein Holzgesicht. Auch der Laptop der Autorin ist kleiner als üblich, ein schwarzer Kasten mit dem Schriftzug „Terra" darauf. Hier hat Saskia Hennig von Lange ihr literarisches Debüt, die Novelle „Alles, was draußen ist", verfasst. Das Buch ist zwischen den zwei Schwangerschaften entstanden -- und verschwand nach seinem Entstehen erst einmal für zwei Jahre in der Schublade. Bis dann alles ganz schnell ging. Über einen Kontakt ihres Mannes (der im Frankfurter Literaturhaus arbeitet) ging das Manuskript an den Salzburger Verlag Jung und Jung. Schon nach eineinhalb Wochen kam von dort eine Antwort: Ja, wir wollen das Buch machen. Und zwar gleich für das kommende Frühjahrsprogramm.

"Schriftsteller zu sein, das ist gar nicht so romantisch"

„Alles, was draußen ist" erzählt von einem Mann, der erfahren hat, das er schon bald sterben wird. Schon seit einigen Jahren lebt dieser Namenlose in einem Anatomiemuseum, das er gekauft hat. Hennig von Lange beschreibt diesen Todgeweihten, der durch die Räume geht, seine Exponate, darunter eine Kopie von Robespierres Totenmaske und Abgüsse weiblicher Geschlechtsorgane, betrachtet oder einige Präparate von Innenohren anfertigt. Das Buch ist eigenwillig, in der Sprache sehr konzentriert, sehr besonders, sehr verschroben. Die Kritik hat „Alles, was draußen ist" einhellig gelobt, in München wurde Hennig von Lange mit dem vom Radiosender „Bayern 2" gestifteten „Wortspiele-Preis" ausgezeichnet.

„Schriftsteller zu sein, das ist gar nicht so romantisch, wie man sich das als Vierzehnjährige ausmalt", sagt sie. Das Bild von dem Genie, das mit einer Zigarette im Mundwinkel in die Tastatur hämmert und in einer einsamen Kammer an seinem Werk arbeitet, hat mit ihrer Lebensrealität wenig gemein. „Ich schreibe zwischen Wäsche aufhängen und Frühstückstisch abräumen." Daneben ist sie Wissenschaftlerin. Hennig von Lange unterrichtet am Kunstgeschichtlichen Institut der Justus-Liebig-Universität in Gießen, schreibt seit etwa sechs Jahren an ihrer Dissertation über das Verhältnis von Bild, Rahmen und Körper in der mittelalterlichen Kunst. Zwischen literarischem und akademischem Schreiben zu wechseln, falle ihr nicht schwer, sagt Hennig von Lange. Und: „In meiner Dissertation geht es um Reliquien, Körper, Bild und Text -- das ist gar nicht so weit weg vom Thema meines Buchs. Die Felder Wissenschaft und Literatur befruchten sich bei mir zum Glück gegenseitig."

Während sie mit ihrem Lektor Paul Jandl an der Druckfassung des Buches gearbeitet hat, war Saskia Hennig von Lange häufig im Senckenberg-Museum, „um am Atmosphärischen zu arbeiten". Sie hat sich die Vitrinen angeschaut, hat versucht, das „Prinzip Ausstellungsverfahren" zu erforschen. Von ihrer Wohnung bis in das Museum sind es nur ein paar Schritte. Wir laufen durch die Gänge, betrachten Vögel mit sonderbarem Haarschmuck, ausgestopfte Raubtiere, Zebras, Panther, Affen. „Wie der Mensch diese Tiere hier ausstellt, wie er diese Tiere gestaltet, das ist schon zum Erschauern", sagt Hennig von Lange. Und sie verrät, dass auch das Anatomiemuseum, das sie in ihrer Novelle beschreibt, tatsächlich existiert. Sie hat es einmal mit einem Kunstgeschichte-Seminar besucht. „Ich habe Angst, dass die Betreiber mich anrufen und fragen, ob ich dort einmal lesen würde", sagt sie.

Mit dem Nachfolger zu „Alles, was draußen ist" hat Saskia Hennig von Lange gerade begonnen. Protagonist der neuen Geschichte ist wieder ein Mann -- „einer der weggeht, weil er in seiner Beziehung nicht glücklich ist. Weil er eine Freundin hat, die will und will und will." Kurzentschlossen heuert er als Lastwagenfahrer an, fährt mit einer kompletter Wohnung im Frachtraum einmal quer durch Europa, an die Atlantikküste. „Mein Plan ist: Jeden Tag eine Seite schreiben, dann bin ich im Sommer fertig", sagt Saskia Hennig von Lange.