Personal Jesus. Thomas Bayrle und die (Alten) Meister
07.05.2026
19 min Lesezeit
Thomas Bayrle übte während seiner über 30-jährigen Lehre an der Städelschule nicht nur selbst Einfluss auf nachfolgende Künstler*innen aus, auch seine Kunst ist stark von Meisterwerken der Kunstgeschichte geprägt. Hier sind 10 Werke von Thomas Bayrle und ihre kunstgeschichtlichen Referenzen.
1
Thomas Bayrle
„iPhone Pietà“ (2017)
Inspiration für seine „iPhone Pietà“ (2017) fand Thomas Bayrle – wie sich unschwer erkennen lässt – in Michelangelos „Madonna della Pietà“ (1498/99). Ganz ähnlich wie ihr Schöpfer, der unter seinem Vornamen in aller Welt bekannt ist, wird auch diese ikonische Skulptur der italienischen Hochrenaissance meist nur als „die Pietà“ bezeichnet. Sie zeigt Maria, hier in ungewöhnlich jungem Alter dargestellt, wie sie den vom Kreuz genommenen Leichnam ihres Sohnes Jesu in den Armen hält. Der damals knapp 25-jährige Michelangelo schuf die Skulptur für den Petersdom im Vatikan zu Rom. Es handelt sich um das einzige von ihm jemals signierte Kunstwerk. So ist auf Marias Schärpe der Schriftzug zu lesen: „MICHÆLANGELVS BONAROTVS FLORENTINVS FACIEBAT“, was übersetzt bedeutet: „Michelangelo Buonarroti aus Florenz hat dies angefertigt.“
Doch handelt es sich nicht um ein Versehen des Bildhauers. Dieser stattete die Figur bewusst mit dem sogenannten „Zahn der Sünde“ aus – in der christlichen Ikonografie ein Sinnbild dafür, dass Jesus mit seinem Tod die Sünden der Menschheit auf sich genommen hat. Bayrles „iPhone-Pietà“ wirft ihrerseits zahlreiche Fragen auf: so etwa nach unserer Technologiegläubigkeit, die an die Stelle religiöser Glaubenssysteme tritt, und nach den Schattenseiten des digitalen Zeitalters in unserer Welt heute.
Reise-Tipp: Eine dauerhaft installierte Version der „iPhone-Pietà“ gibt es nicht weit von Frankfurt entfernt zu sehen – als Glasfenster im Kloster Eberbach.
2
Thomas Bayrle
„Canon Meets Sharaku“ (1989)
Während der ersten Jahrzehnte seiner Karriere nutzte Thomas Bayrle noch ausschließlich analoge Mittel der Bildbearbeitung. Als aber sein Schüler Stefan Mück Ende der 1980er-Jahre ein Programm für den Atari Mega ST 4 schrieb – damals einer der ersten handelsüblichen PCs mit fortschrittlichen Verfahren der grafischen Datenverarbeitung – da ermöglichte dies Bayrle einen Wechsel hin zu digitalen Arbeitsmethoden und somit zur Erschaffung von Werken wie „Canon Meets Sharaku“ (1989).
Tōshūsai Sharaku gehört zu den bedeutendsten Künstlern des ukiyo-e. Sharaku war eine geheimnisumwitterte Persönlichkeit und ein nicht minder produktiver Künstler, der im Laufe von gerade einmal zehn Monaten insgesamt 144 druckgrafische Arbeiten schuf. Dies bedeutet: Er hat im Schnitt etwa alle zwei Tage einen neuen Holzschnitt zum Druck gebracht – und damit ein fast schon als übermenschlich zu bezeichnendes Arbeitstempo vorgelegt. Doch wurde seine wahre Identität nie geklärt. So kursieren etwa Vermutungen, wonach sich hinter dem Namen der Schauspieler Saitō Jūrōbei oder ein Künstlerkollektiv verborgen haben könnte – oder aber es handelte sich vielleicht auch um ein Pseudonym von Katsushika Hokusai, dem Schöpfer der „Großen Welle vor Kanagawa“ (1831). Wer auch immer hinter dem Namen Sharaku gesteckt hat, war Spezialist für yakusha-e, Drucke mit Darstellungen von Kabuki-Schauspielern.
Hier zu sehen ist der Schauspieler Otani Oniji III. in der Rolle des „Dieners Edobei“. Die schielenden Augen und gespreizten Hände verweisen auf eine traditionelle japanische Pose für den Ausdruck starker Gefühlserregung. In der von 1601 bis 1868 dauernden Edo-Zeit besaßen yakusha-e eine ähnliche Funktion wie heutige Headshots von Schauspieler*innen. Bayrles Verwendung einer Canon-Kamera erscheint in diesem Kontext nur folgerichtig. Erstrecht, wenn man bedenkt, dass sich das Werk auch als eine Momentaufnahme des gesichtslos gebliebenen Künstlers Sharaku deuten ließe.
3
Thomas Bayrle
„Himmelfahrt [Ascension I]“ (2019)
In jüngster Zeit gilt Thomas Bayrles Interesse besonders der katholischen Marienlehre. Nach der Glaubensvorstellung aller christlicher Konfessionen ist Jesus nach seinem Tod leiblich in den Himmel aufgefahren. Auch seine Mutter Maria fand gemäß katholischem Dogma leibliche Aufnahme in den Himmel. Letzteres ist jedoch nicht in der Bibel selbst bezeugt, sondern fand erstmals Erwähnung in etwa 400 Jahre später entstandenen frühchristlichen Schriften. Neben diesen apokryphen Texten beschäftigten sich auch zahllose Kunstwerke mit dem Thema der Himmelfahrt Mariens. Das genaue Vorbild für Bayrles Werkreihe der „Himmelfahrten“ bleibt ebenso offen wie die Geschlechtsidentität der dargestellten Figur. Doch könnte Guido Renis „Himmelfahrt Mariens“ – in der ständigen Ausstellung des Städels zu sehen – durchaus als Anregung für Bayrle gedient haben. Das auf Kupfer aufgebrachte Gemälde Renis taucht die Figur der Maria mitsamt einer Schar musizierender Engel in prächtigen, schimmernden Lichtschein. Der ihren Fuß stützende Engel und die Putti zu ihrer Seite scheinen sich körperlich größte Mühe zu geben, die Gottesmutter gen Himmel zu heben. Reni war eine der bedeutendsten Vertreter der italienischen Barockmalerei und erst 23 Jahre alt, als er seine „Himmelfahrt Mariens“ schuf.
Die Figur in Bayrles Werk konstituiert sich aus dem Superform-Motiv einer weiblichen und einer männlichen Figur, die nach oben beziehungsweise nach unten weisen: Die Frau, gekleidet in ein blaues Kleid, steht breitbeinig da, sodass sich kompositorisch eine V-Form ergibt, und neben ihr erscheint ein Mann in der der gleichen Haltung, aber auf dem Kopf stehend, mit rotem Hemd und grauer Hose. Eines der in der Bildmitte angeordneten Motive trägt zudem die Aufschrift „Himmel“ und zeigt einen nach oben weisenden Pfeil, der der Frau zugeordnet ist, während neben dem Mann ein nach unten gerichteter Pfeil und das Wort „Hölle“ zu erkennen sind. Darstellungen der Maria zeigen diese fast stets mit einem blauen Mantel bekleidet, der symbolisch für Reinheit und ihre Verehrung als Himmelskönigin steht. Bayrles Interesse an der Maria könnte im Sinne eines feministischen Projektes gelesen werden, das sowohl das Übergehen ihrer Person in der Bibel adressiert wie auch ihre Bedeutung als Mutter Jesu und somit als Urmutter des Christentums.
4
Thomas Bayrle
„Layout Philip Johnson“ (1999)
Im Jahr 1999 gestaltete Bayrle anhand von Zeitungsseiten aus verschiedenen Rubriken der New York Times eine Werkserie, bestehend aus zehn Schwarz-Weiß-Postern, und gab ihr den Titel „Layout Philip Johnson“. Philip Johnson gehörte zu den einflussreichsten US-amerikanischen Architekten des 20. Jahrhunderts und gilt als Mitbegründer der postmodernen Baukunst. Dabei wurde er in hohem Maße vom Schaffen des aus Nazi-Deutschland geflüchteten Architekten Ludwig Mies van der Rohe beeinflusst – gemeinsam entwarfen sie auch das ikonische Seagram Building in Midtown Manhattan. Ebenfalls in Midtown Manhattan steht das 1986 fertiggestellte Lipstick Building, einer von Johnsons aufsehenerregendsten Entwürfen. Zuletzt jedoch haben Johnsons gut dokumentierte lobende Äußerungen über Hitler und seine Sympathien für rassistische und antisemitische Ideologien, die er in den 1930er-Jahren während seiner Tätigkeit als Journalist vertrat, eine Diskussion um sein Vermächtnis entfacht. Zwar drückte Johnson 1993 Bedauern über seine früheren Ansichten aus, doch blieb unklar, ob er seine Hassreden bereute oder aber nur ihre Öffentlichmachung. Anlässlich seines Todes 2005 druckte die New York Times einen Nachruf auf ihn ab, in dem Johnsons Beiträge zur Architekturgeschichte gewürdigt und zugleich die problematischen Aspekte seiner Vita beleuchtet wurden. Seitdem fordern Künstler*innen und Institutionen immer wieder die Entfernung seines Namens von Bauwerken und Positionen, die nach ihm benannt sind.
Bayrles Einbeziehung von Seiten der New York Times in seine Arbeit ließe sich als scharfe Kritik an Johnson lesen. Die Zeitung wurde 1896 von Adolph Ochs – Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer – erworben und neu aufgestellt. Seitdem gehört die bis heute von seinen Nachfahren herausgegebene New York Times zu den beliebtesten Zeitungen weltweit und wurde mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Bedenkt man, dass Johnson seine Stimme als Journalist einst zur Verbreitung von Antisemitismus nutzte und im Wesentlichen auf der ästhetischen und beruflichen Erfolgswelle des exilierten van der Rohe mitschwamm, so erscheint es nur angemessen, die Nachricht zu verbreiten, dass seine hässliche Vergangenheit ihn bis heute verfolgt.
5
Thomas Bayrle
„Ballerina“ (1972)
Zarte Stiefmütterchen in Blautönen formieren sich zu Bayrles „Ballerina“. In ihr werden Ballettfans sogleich den „Star“ von Edgar Degas’ Gemälde „L’étoile“ (1876/77) erkennen. Als ein Wegbereiter des Impressionismus ist Degas ist bekannt für seine treffsichere Wiedergabe der glamourösen Höhepunkte, aber auch der dunklen Kehrseiten, die die Welt der darstellenden Künste im Paris des 19. Jahrhunderts auszeichneten.
Die grazil ausgestreckten Arme, das flatternde Band und das angewinkelte Knie legen nahe, dass die Tänzerin kurz nach der Landung einer eindrucksvollen Sprungfigur festgehalten ist. Die rosigen Wangen künden von physischer Anstrengung, doch ihre triumphierende Miene verrät Zufriedenheit mit der eigenen Darbietung. Zwischen der zischenden Gasbeleuchtung zu ihren Füßen und den hell von der Decke herabstrahlenden Kalklampen sieht sie nichts als Licht. Für einen kurzen, glorreichen Moment vergisst sie alles um sich herum. Sie ist der Mittelpunkt ihres Universums. Doch bei einem Star lässt Ärger nicht lange auf sich warten. Ihr Gönner wartet bereits als bedrohliche Präsenz in den Kulissen. Damit verwandelt sich das schwarze Band um ihren Hals in eine Schlinge. Zur damaligen Zeit hatten Mädchen aus armen Verhältnissen, die mit acht Jahren Elevinnen an der Ballettschule der Pariser Oper wurden, die Chance auf einen begrenzten gesellschaftlichen Aufstieg. Im Alter von 14 Jahren konnten sie zu einem Hungerlohn in das Ensemble eintreten. Dort unterstützten vermögende Gönner die von ihnen favorisierten Tänzerinnen, doch mit den finanziellen Zuwendungen verband sich häufig auch sexueller Missbrauch. In Bayrles Wahl von Stiefmütterchen als Superform-Motiv verbirgt sich möglicherweise ein Hinweis auf diese düstere Wirklichkeit. Denn die Floriografie, die Sprache der Blumen, war im westlichen Europa des 19. Jahrhunderts überaus populär. So wurden Stiefmütterchen etwa mit verbotener Liebe assoziiert. Die Ballerina kann sich ihrem Gönner nicht ganz entziehen, doch in Bayrles Welt teilt sie die Bühne mit niemandem.
6
Thomas Bayrle
Hl. Matthäus trifft Engel“ (2015)
Formal hat Thomas Bayrle seine Arbeit „Hl. Matthäus trifft Engel“ dem 1602 entstandenen Gemälde „Heiliger Matthäus mit dem Engel“ (San Matteo e l’angelo) von Caravaggio entlehnt. Dieser war ein bedeutender Vertreter der italienischen Barockmalerei und bekannt für den charakteristischen, von ihm gepflegten Stil des Tenebrismus – eine besonders kontrastreiche Form der Helldunkelmalerei, die hell beleuchte Figuren vor den Hintergrund sehr dunkler Räume stellt, was für dramatische Effekte und emotionale Spannung sorgt. Matthäus gilt dem Christentum als Autor des ersten Evangeliums des Neuen Testaments und wird daher als einer von vier Evangelisten verehrt.
Caravaggios Gemälde stellt einen nicht kanonischen Moment der Heilsgeschichte dar – die göttliche Intervention in Gestalt eines Engels, dessen Besuch Matthäus zur Niederschrift des Lebens Jesu und des Zeitgeschehens veranlasst. Offenbar traf hier jedoch die Inspiration den Heiligen so blitzartig, dass er flugs zu seinem Schreibtisch eilte und dabei gegen den Hocker stieß, der nun aus dem Bildraum herauszuragen scheint. So sehen wir es jedenfalls in der Trompe-l’œil–Malerei, die anhand optischer Täuschung eine Dreidimensionalität vorgibt. Nach christlicher Tradition hat Matthäus seine Schrift etwa 60 Jahre nach Jesu Tod verfasst, um die Erinnerungen der letzten noch lebenden Zeitzeug*innen festzuhalten. Für Caravaggio waren die physischen Bibeln selbst politische Objekte. Im 16. und 17. Jahrhundert gingen zahlreiche Neuausgaben der Bibel in Druck und erfuhren allgemeine Verbreitung. Doch kam es in ganz Europa zu Bibelverbrennungen, als Politik und Klerus von ihnen als allzu radikal erachtete Textfassungen zu zensieren versuchten. Ihre Bemühungen waren vergeblich. Mit einer Gesamtzahl von geschätzten sieben Milliarden Exemplaren ist die Bibel heute das meistgedruckte Buch der Welt. Die Superform, die Bayrle für seine Version von Caravaggios Werk findet, besteht aus iphones haltenden Händen. Sämtliche Bildschirme zeigen eine Abbildung des Originalgemäldes, sodass eine Mise en abyme entsteht – ein Bild im Bild. Bayrles Verweis auf die Ursprünge der Heiligen Schrift und auf Zensur verbindet sich mit einem Kommentar zur Allgegenwart von Smartphones und wirft Fragen nach der Bedeutung von Authentizität und Reproduktion auf. Da das Internet ewig ist, wie es heißt, haben Smartphones und soziale Medien heute eine vollständige Durchsetzung von Zensurmaßnahmen praktisch verunmöglicht. Wenngleich ein demokratisierter Zugang zu Informationen an sich positiv ist, stellt sich doch die Frage nach der Korrektheit dieser Informationen. Und: Ist eine digitale Kopie eine wirklichkeitsgetreue Nachbildung und ein adäquater Ersatz für das Original? Was geht verloren? Und was gewinnt man beim Prozess des Reproduzierens von Text und Bildern?
7
Thomas Bayrle
„Madonna Mercedes“ (1989)
Bayrles „Madonna Mercedes“ (1989) entstand nach dem Vorbild der „Gottesmutter von Wladimir“. Diese entspricht der Madonna Eleusa, einem ikonografischen Typus der Mariendarstellung. Die byzantinische Eleusa oder „Mitleidende“ zeigt Maria, wie sie das Christuskind an ihre Wange hebt. Ihr trauriger Gesichtsausdruck verrät die Vorahnung um den Tod des Sohnes. Rückseitig erscheint das Thema der Hetoimasia (griechisch: „Vorbereitung“), die Darstellung eines leeren Thrones, der stellvertretend für die prophezeite Wiederkehr Christi auf Erden steht. „Die Gottesmutter von Wladimir“ ist eine der bedeutendsten Ikonen und ein heiliger Gegenstand der russisch-orthodoxen Kirche. Der Künstler selbst ist namentlich nicht bekannt, doch wurde sie nach der Legende von einem weiteren biblischen Verfasser, dem Evangelisten Lukas, gemalt. Nach ihrer Anfertigung im frühen 12. Jahrhundert in Konstantinopel gelangte die Ikone über Kiew 1155 in die russische Stadt Wladimir. Im 14. Jahrhundert kam sie schließlich nach Moskau, wo sie sich bis heute befindet. Dort soll sie die Stadt bei mehreren Angriffen des 14. und 15. Jahrhunderts beschützt und im Laufe der Zeit noch weitere Wunder gewirkt haben.
Bayrle schuf „Madonna Mercedes“, indem er auf seine so typische Art Gummiverziehungen fotokopierte. Zu diesem Zweck mietete er stundenweise ein Kopiergerät in einem Copyshop der Frankfurter Innenstadt an. Mithilfe von Assistent*innen bespannte er dort die Glasplatte des Kopierers mit Latexfolien, die zuvor mit der Abbildung eines Mercedes-Modells bedruckt worden waren. Die anschließend angefertigten Fotokopien zerschnitt er und collagierte sie zu den Formen der Ikone. Nicht beschnittene Fotokopien aus diesem Prozess zeigen noch die auf der gespannten Latexfolie verbliebenen acht Daumenabdrücke des Künstlers und seiner Assistent*innen. „Die Gottesmutter von Wladimir“ ist eine religiöse Ikone, Carl Benz hingegen eine Ikone des deutschen Erfindergeistes und der Ingenieurwissenschaft, meldete er doch das erste Automobil der Welt zum Patent an. Im Autokult ist der Benz König. Die Kollision zwischen Antike und Religion einerseits, Technologie und Konsumdenken andererseits wirft in Bayrles „Madonna“ Fragen auf – nach der Bedeutung von Glauben und danach, zu wem (oder was) die Menschen beten.
8
Thomas Bayrle
„Roll Over Smartfon I“ (2019)
Neben seinen berühmten Seerosen malte der impressionistische Wegbereiter Claude Monet auch die Werkserie der „Meules à Giverny“ (Getreideschober in Giverny). So entstanden in den Jahren 1890/91 insgesamt 25 Gemälde von einfachen Heuhaufen, die er auf Feldern unweit seines Wohnhauses beobachten konnte. Der Künstler war fasziniert vom Wandel des Lichtes zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten sowie bei wechselnden Witterungsverhältnissen. Dabei ging es ihm nicht um eine realistische Wiedergabe der im Moment eingefrorenen Landschaft als vielmehr darum, seine Erfahrung von Zeit und seine Eindrücke der Veränderung zu vermitteln.
Als Hasso Plattner, Tech-Milliardär und Mitbegründer des Softwareunternehmens SAP, 2019 für schwindelerregende 110 747 000 Dollar ein Bild aus der Getreideschober-Serie ersteigerte, wurde dieses zum wertvollsten aller impressionistischen Gemälde. Von Monet ließ sich Thomas Bayrle zu einer Serie digitaler Drucke von Heuhaufen inspirieren. In seiner Arbeit „Roll Over Smartfon I“ (2019) wird das Heu ersetzt durch reihenförmig angeordnete Smartphone-Motive. Der Werktitel ist eine humorvolle Anspielung auf den Chuck-Berry-Song „Roll Over Beethoven“ – ein Appell des „Father of Rock ’n’ Roll“ an Ludwig van Beethoven, sich (in seinem Grab) umzudrehen und Tschaikowski gleich noch wissen zu lassen, dass nun Rock ’n’ Roll angesagt sei. Der Rocksong zählt über 100 Coverversionen, unter anderem von Bands wie den Beatles, Electric Light Orchestra, den Rolling Stones und Iron Maiden, und gehört damit zu den am häufigsten gecoverten. Bayrles Werk balanciert auf dem schmalen Grat zwischen einem pessimistischen Blick auf die Wirklichkeit und einer optimistisch gestimmten Utopie, wobei seine Arbeiten mit Smartphone-Superformen meist zu Ersterem neigen. Rock ’n’ Roll hat die Welt verändert und die Musik in überwiegend positiver Weise demokratisiert. Zuvor existierten Funktionen der Smartphone-Technologie allein im Bereich spekulativer Science-Fiction. Trotz aller schädlichen Einflüsse haben sie doch allgemeinen Zugang zu Informationen, Kunst und globaler Kommunikation eröffnet. Smartphones allein werden kein utopisches Zeitalter einläuten – vielleicht aber kommen wir ihm durch sie ein paar Schritte näher.
9
Thomas Bayrle
„Brancacci Chapel“ (2020)
Im Jahr 2020 kam die Erde einem Stillstand so nahe, wie dies einem Planeten, der mit 1.674,7 km/h um die eigene Achse kreist, überhaupt möglich ist – durch die Pandemie. Sie war das erste Massensterben des 21. Jahrhunderts. War die präpandemische Welt durchaus mit Problemen behaftet, so erscheint sie im Nachhinein doch geradezu als verlorenes Paradies. In Reaktion hierauf wählte Thomas Bayrle für seine „Brancacci Chapel“ (2020) Superformen, die Figuren mit medizinischen Masken darstellen. Die Arbeit selbst beruht auf Masaccios Fresko „Die Vertreibung aus dem Paradies“ (Cacciata dei progenitori dall’Eden) von 1425, das die Brancacci-Kapelle in Florenz schmückt. Masaccio war gerade einmal 26 Jahre alt, als er 1428 starb, und gilt doch einer der maßgeblichen italienischen Maler des Quattrocento.
Das Buch Genesis erzählt die biblische Geschichte von der Vertreibung der ersten Menschen, Adam und Eva, aus dem Paradies, nachdem sie – entgegen dem Verbot Gottes – von den Früchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse gekostet hatten. Adams idealisierten Körper gibt Masaccio mit großer anatomischer Genauigkeit wieder, während Eva mit der rechten Hand ihre Brüste bedeckt und mit der linken ihre Scham – damit nimmt sie die klassische Pose der Venus pudica oder „schamhaften Venus“ ein. Beide Figuren lassen die Orientierung der Renaissance an Skulpturen der griechisch-römischen Antike erkennen, strebte sie doch nach einer Erneuerung der Kunst und – damit verbunden – nach einer Überwindung des Mittelalters, dem ein ästhetischer Niedergang attestiert wurde. Für die damalige Zeit verrät das Fresko zudem eine außergewöhnliche Emotionalität. Von Scham erfasst, verdeckt Adam sein Gesicht mit den Händen. Eva hingegen hat den Kopf als Ausdruck ihrer Pein in den Nacken geworfen, der Mund gleichsam in einem endlosen, stummen Schrei erstarrt.
10
Thomas Bayrle
„Kim Kardashian XII“ (2021)
Unabhängig davon, ob man sie liebt oder hasst – man kennt sie. Thomas Bayrle schuf eine druckgrafische Serie mit Darstellungen der Medienpersönlichkeit Kim Kardashian. Zusammengefügt sind sie aus Lippenstift-Elementen, was zum einen auf ihren Einfluss in der globalen Beauty- und Modebranche verweist und zum anderen auf die Kommerzialisierung ihres eigenen Lebens zu konsumierbaren Marken. Kardashian nimmt eine ähnliche Pose ein wie die Protagonistin auf Johannes Vermeers Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (Meisje met de parel), das um 1665 im Goldenen Zeitalter der Niederlande entstand. Fälschlicherweise wird es oftmals für ein Auftragsbildnis gehalten, tatsächlich ist es aber ein „Tronie“, also die Darstellung einer fiktiven Person mit starkem Gefühlsausdruck oder allegorischer Bedeutung. Der modische blaue Turban des Mädchens wurde mit Ultramarinpigmenten gemalt, bestehend aus pulverisiertem Lapislazuli aus Afghanistan. Dieses Malpigment wurde im Europa des 17. Jahrhunderts um ein Vielfaches mit Gold aufgewogen. Die riesige, augapfelgroße Perle am Ohr des Mädchens ist lediglich eine Illusion, angedeutet mit zwei Farbstrichen, die zwischen dem ungestochenen Ohrläppchen und der Schulter in der Schwebe bleiben. Von dem kostbaren Blaupigment bis zu der auffällig großen Perle repräsentiert die Dargestellte ein unerreichbar hohes Niveau von Luxus. Und die moderne Verkörperung dieses Ideals ist Kim Kardashian. Mithilfe von Make-up, Körpermodifikationen, Bildbearbeitungstools und eines auf Abruf bereitstehenden PR-Teams begründete sie eine Karriere auf Illusionen. Ebenso wie Vermeers Mädchen wirbt sie für eine Vorstellung von Luxus, die künstlich, geradezu fantastisch und jenseits der Grenzen des Natürlichen angesiedelt ist.
Kardashian ist ein vielfotografiertes Fashion-Chamäleon, doch gibt es Hinweise darauf, dass Bayrle Aufnahmen genutzt hat, die anlässlich ihres Auftritts auf der Costume Institute Gala 2018 entstanden. Veranstaltet wurde die Gala vom Metropolitan Museum of Art unter dem Motto „Himmlische Körper: Mode und die katholische Vorstellungskraft“. Der hohe Pferdeschwanz und das wallende Haar nehmen Bezug auf den Turban von Vermeers Mädchens, das maßgeschneiderte Versace-Kleid bildet das Pendant zu dessen goldfarbener Jacke. An jenem Abend wartete Kardashian nicht nur mit einem Look auf, sondern setzte einen Akt internationaler Gerechtigkeit in Gang – einfach, indem sie sich ablichten ließ neben der Hauptattraktion der Sonderausstellung „Nedjemankh und sein vergoldeter Sarg“. Den 2 100 Jahre alten Sarkophag hatte das MET im Jahr zuvor für 4,1 Millionen Dollar erworben. Als Kardashians Post viral ging, sah ihn auch einer der Grabräuber, die den Sarg ursprünglich 2011 gestohlen hatten. Verärgert über den ihm vorenthaltenen Hehlerlohn, kontaktierte er die Staatsanwaltschaft in Manhattan. Die darauffolgenden Ermittlungen ergaben, dass die Antike unter Beteiligung eines deutschen Galeristen, der gefälschte Dokumente zur Verfügung stellte, über Westasien und Hamburg nach Paris geschmuggelt worden war, wo das MET sie ankaufte. Daraufhin konnten zahlreiche an dem illegalen Handel beteiligte Personen festgenommen werden. Die erfolgreiche Rückführung des Sarkophags nach Ägypten erfolgte 2019, und das MET stritt in einer Erklärung jegliche Kenntnis der Vorgeschichte ab.
