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Mother is mothering. Lesbische Mutterschaft in der Kunst

16.08.2023

7 min Lesezeit

Die Rolle der Mutter wird hÀufig beschrieben, doch basieren die meisten Darstellungen nach wie vor auf einem heteronormativen und patriarchalen VerstÀndnis. Was bedeutet queere Mutterschaft und wie wird sie in der bildenden Kunst dargestellt?

Die GebĂ€rende, die Sorgende, die Kritische, die Streitende, die Liebevolle – ob anwesend oder abwesend, die Mutter verbindet uns alle. Aktuell wird sie in der Literatur hĂ€ufig beschrieben und in BĂŒchern wie „I’m Glad My Mom Died“ von Jennette McCurdy und „Mothercare“ von Lynne Tillman durchaus kritisiert, wobei die meisten Mutterschaften und MĂŒtterlichkeiten Sarah Speck zufolge nach wie vor auf einem heteronormativen und patriarchalen VerstĂ€ndnis basieren. Was bedeutet also lesbische Mutterschaft und wie wird sie von queeren KĂŒnstlerinnen wie Catherine Opie, Cathy Cade oder A.L. Steiner dargestellt?

Queere Mutterschaft birgt besondere HĂŒrden

Um dies zu beantworten, ist ein Blick auf die Politik unabdingbar. Schauen wir in Richtung USA, wo die hier genannten KĂŒnstlerinnen aufgewachsen sind und leben, ist die „traditionelle Ehe“ fest in der Politik verankert. So gab es in den 1970er-Jahren die ersten Gerichtsurteile zu Paaren, die die offizielle Anerkennung ihrer Ehen forderten, darunter schwule wie lesbische Paare. Diese wurden weitestgehend abgelehnt und die Ehe als Bund zwischen Mann und Frau definiert. 1996 unterschrieb Bill Clinton den „Defense of Marriage Act“, doch dies war fĂŒr viele konservative Politiker*innen nicht genug, um „die traditionelle Ehe zu schĂŒtzen“. In der Folge argumentierte George W. Bush noch 2004, dass gleichgeschlechtliche Ehen „das Wohlbefinden der Kinder und die StabilitĂ€t der Gesellschaft“ untergraben wĂŒrden. Erst seit 2015 sind gleichgeschlechtliche Ehen in den USA zum großen Teil staatenabhĂ€ngig und nach Anhörungen möglich.

Jenette McCurdy, I’m Glad My Mom Died, Image via mavnewspaper.com

Lynne Tillman: Mothercare, Image via penguinrandomhouse.com

Wenig verwunderlich ist queere Mutterschaft demnach eine individuelle Erfahrung, die durch unsere heteronormativen und binĂ€ren Gesellschafts- und Politikstrukturen mit besonderen HĂŒrden, Traumata und Emotionen verbunden ist.  Margaret F. Gibson argumentiert, dass politisches Desinteresse oder Ablehnung und fehlende Bildung in Bezug zur queeren FamiliengrĂŒndung, Erfahrungen fĂŒr queere Eltern mit sich bringen, die sich nicht mit heteronormativen Familienstrukturen vergleichen lassen. Angefangen beim Kindeswunsch, der an mangelnden finanziellen Mitteln, fehlender AufklĂ€rung oder aus biologischen GrĂŒnden scheitern und zu traumatischen Erfahrungen fĂŒhren kann, bis hin zu den Ängsten bezĂŒglich möglicher Diskriminierungen gegenĂŒber den Eltern oder dem Kind.

Trauma, Schmerz und Hoffnung

Den Schmerz dieser Erfahrung visualisiert Catherine Opie in ihren SelbstportrĂ€ts sowie in einer Reihe von Fotografien, die lesbische Haushalte in den 1990er-Jahren in den Blick nehmen. In der Reihe „Domestic“ zeigt sie intime Einblicke ihrer Community in ihren eigenen HĂ€usern oder Wohnungen. Dabei wird fast jede EthnizitĂ€t, GeschlechtsidentitĂ€t, SexualitĂ€t und Familienstruktur sichtbar. Mit Kindern oder ohne Kinder, Opie betont wiederholt, dass dies alles vollwertige Familien sind und macht diese nun sichtbar. So haben große Museen wie das Guggenheim (New York) und die Tate (London) einzelne Werke der „Domestic“-Reihe angekauft.

Doch der physische und psychische Schmerz der Familienbildung als queere Person wird vor allem in Opies PortrĂ€ts sichtbar. Stilistisch an traditioneller PortrĂ€tmalerei von Hans Holbein angelehnt, sind Opie selbst wie auch andere Models dem RĂŒcken der Kamera zugewandt. Die PortrĂ€ts erzĂ€hlen eine Geschichte: In „Self-Portrait/Cutting“ zeigt sie ihren RĂŒcken als Leinwand, auf dem ihr ein Bild von einem Haus und zwei Strichfiguren eingeritzt wurde. Aus den Wunden tropft noch Blut, die Risse sind frisch. Die Figuren tragen Röcke, sie lĂ€cheln und sind umgeben von Wolken, einer großen Sonne und Vögeln. Ein Bild, das an eine idyllische Kinderzeichnung erinnern lĂ€sst, doch die brutalen Mittel, die hier offensichtlich eingesetzt wurden, vermitteln bildlich Schmerz und Unbehagen.

Catherine Opie, Domestic series (1995-98), Image via tumblr.com

Catherine Opie: Self-Portrait / Cutting, 1993 © Catherine Opie. Courtesy the artist, Regen Projects, Los Angeles and Thomas Dane Gallery

Ein Jahr spĂ€ter geht Opie mit „Self-Portrait/ Pervert“ einige Schritte weiter. Nun zeigt sie sich oberkörperfrei von vorne. Ihr Gesicht ist unter einer Lederfetischmaske versteckt. Sie trĂ€gt ein Nippelpiercing in ihrer rechten Brustwarze, eine Reihe von Nadeln wurden symmetrisch und in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden in ihre Arme eingefĂŒhrt. Auf ihrem Brustbein hat sie sich den Schriftzug „Pervert“ eingeritzt und mit Ornamenten versehen, die an generische Tattoos aus den 1990er -Jahren erinnern. Alle Wunden sind durchdacht und systematisch, der dahinterliegende Prozess ist ein bewusster Akt, der Schmerzen auslöst. Das Wort „Pervert“ bezieht sich hierbei auf eine reiche Geschichte der Diskriminierung gegenĂŒber queeren Menschen.

Zehn Jahre spĂ€ter zeigt sich Opie in „Self-Portrait/ Nursing“ erneut oberkörperfrei. Auch ihr Gesicht ist nun frei, die Narben der „Pervert“-Inschrift sind immer noch sichtbar, aber verheilt. Sie hĂ€lt ihren nackten Sohn in einer fast ikonografischen Pose und lĂ€sst ihn an ihrer Brust saugen. Sie ist jetzt Mutter. Oder war sie es schon beim ersten PortrĂ€t? Opies PortrĂ€ts reichen von dem Wunsch einer Familie, ĂŒber Diskriminierung bis hin zur Mutterschaft und erzĂ€hlen so die schmerzhafte individuelle Geschichte einer queeren Frau.

Catherine Opie: Self-Portrait/Nursing, 2004 © Catherine Opie, Image via guggenheim.org

Kein Raum fĂŒr traditionelle Stereotypen

Auch Cathy Cade, ebenfalls US-amerikanische queere Fotografin, betrachtet ihre lesbische Community in privaten Momenten. Allerdings entstehen hierbei keine inszenierten Momente mit arrangierten HintergrĂŒnden und Posen, sondern viel mehr SchnappschĂŒsse in schwarz-weiß. In „Laurie Hauer and Gusse II“ (1989) zeigt sie zwei Frauen vor einem Bett sitzend. Eine Frau spielt lachend mit ihrem Sohn auf ihrem Schoß. Die andere guckt auf den Sohn, auf ihrem Schoß liegt ein SĂ€ugling in Windeln. An seinem Nabel sieht man die Reste einer Nabelschnur. Eine sorgenfreie Szene einer Familie: Eine Schwarze Frau mit einem Schwarzen Sohn und eine weiße Frau mit einem weißen SĂ€ugling. Mit dem Wissen, dass es sich hierbei um ein lesbisches Paar handelt, lassen sich die VorgĂ€nge dieser Familienbildung vermuten: Beide Frauen könnten jeweils einmal schwanger, einmal die GebĂ€rende gewesen sein, sie könnten die Kinder adoptiert haben oder auf eine Leihmutter angewiesen gewesen sein. Doch wie auch immer man die dargestellte Familienstruktur analysieren will, sie geht gegen den heteronormativen Familienbegriff und hinterfragt bestehende Strukturen. Zugleich sind Bilder wie dieses, die publiziert und/oder ausgestellt werden, SolidaritĂ€tsbekundungen fĂŒr andere queere Personen. Sie vermitteln, dass eine Familienbildung nicht unmöglich ist und bestĂ€tigen sie vielleicht sogar in ihrer Entscheidung, selbst eine Familie zu grĂŒnden.

Laurie Hauer and Gusse II, 1989, [Cathy Cade photograph archive], BANC PIC 2012.054-AX, © The Regents of the University of California, The Bancroft Library, University of California, Berkeley.
Ein Raum der SolidaritÀt

Dieses gemeinschaftliche Teilen von Erfahrungen, das bei Cade als SolidaritĂ€tsbekundung begriffen werden kann, steht auch im Zentrum von A.L. Steiners „Puppies & Babies“ (2012), fĂŒr das die KĂŒnstlerin fotografische Momentaufnahmen queerer Frauen in eine Installation ĂŒberfĂŒhrt. Hierbei tapezierte Steiner die WĂ€nde mit intimen Bildern, teils SchnappschĂŒsse, teils posierte Aufnahme, in denen weiblich gelesene Frauen schwanger, beim Stillen oder nackt im Bett mit ihren Hunden und Kindern gezeigt werden. „Puppies“ ist das englische Wort fĂŒr Welpen, aber auch ein umgangssprachliches Wort fĂŒr BrĂŒste. Mit diesem Wortspiel verleiht Steiner der provokativen Installation eine gewisse Leichtigkeit.

Was die Werke queerer KĂŒnstler*innen zur Mutterschaft damit verdeutlichen, ist, dass sie vor allem als Akt des Protests gegen die politischen und gesellschaftlichen Restriktionen und Vorbehalte einer gleichgeschlechtlichen Elternschaft zu verstehen sind. Zugleich fungieren sie als SolidaritĂ€tsbekundung mit all jenen, die durch Ă€hnliche Erfahrungen geprĂ€gt sind – sei es derselbe oft unerfĂŒllte Wunsch einer Familienbildung und die damit verbundenen Hindernisse, das hinterbliebene Trauma, oder auch GefĂŒhle der Dankbarkeit gegenĂŒber der eigenen Community. Sie vereint dabei eine entscheidende Botschaft: Egal ob mit oder ohne Kind, unabhĂ€ngig von Familienkonstellation, Geschlecht und IdentitĂ€t, WĂŒnschen und Hoffnungen, jede Familie ist eine vollwertige Familie.

A.L. Steiner: Puppies & Babies, 2012, Image via hellomynameissteiner.comÂ