Die mehrteilige Ausstellung im öffentlichen Raum der SCHIRN übersetzt flüchtige Naturphänomene in künstlerische Erfahrungen. Dabei treten Kunstwerke in Beziehung zur Umgebung und den Kräften der Natur – zu Sonne, Regen oder Wind, zu Tieren sowie den Rhythmen von Tag und Nacht.
In A Silent Way. Skulpturen rund um die SCHIRN
Eine Gruppenausstellung in mehreren Episoden
Intro
Die mehrteilige Ausstellung im öffentlichen Raum der SCHIRN übersetzt flüchtige Naturphänomene in künstlerische Erfahrungen. Dabei treten Kunstwerke in Beziehung zur Umgebung und den Kräften der Natur – zu Sonne, Regen oder Wind, zu Tieren sowie den Rhythmen von Tag und Nacht. Zurückhaltend und bedacht greifen die Künstler*innen in bestehende Strukturen ein und erweitern diese durch ihre Arbeiten, so dass neue Erfahrungen der Umwelt entstehen. Die ortsspezifischen Installationen bilden künstlerische Resonanzkörper, die ihre Verortung in der Welt befragen und ihre Abhängigkeit von den natürlichen Prozessen thematisieren.
Sommer 2026 mit Katja Mater, Margaret Raspé und Bernhard Schreiner
Die erste Episode von IN A SILENT WAY präsentiert drei Installationen, die jede für sich auf unterschiedliche Weise mit der Umwelt in Beziehung treten. Die teils neu geschaffenen Arbeiten von Katja Mater, Margaret Raspé und Bernhard Schreiner machen Prozesse hörbar und sichtbar, die sonst im Alltag untergehen. Sie verstärken den Klang des Regens, halten den Lauf der Sonne fest oder transformieren die elektrischen Schwingungen, die beim Wachstum von Pflanzen entstehen, in Sound. Ab Juni bespielen die Künstler*innen verschiedene Orte im Außengelände – mit Regentrommeln, die von den Bäumen hängen, mit einer Sonnenuhr, die das gesamte Areal mit Uhrzeiten ausstattet und einer Soundarbeit, die das Innenleben von Pflanzen vertont.
Katja Mater
HIC. EST. TUUM. HORA. 50° 07′ 16″ N 08° 39′ 12″ E, 2026
Wie kann Zeitmessung räumlich erfahrbar werden? Im Gegensatz zu modernen digitalen oder mechanischen Uhren machen Sonnenuhren, wie sie seit der Antike genutzt werden, die Erdrotation sichtbar. Für die SCHIRN entwickelt die niederländische Künstlerin Katja Mater die ortsspezifische Arbeit HIC. EST. TUUM. HORA weiter, die das Gelände des Interimsstandorts in Bockenheim von April bis September in eine Sonnenuhr umwandelt. Sie funktioniert ähnlich wie herkömmliche Sonnenuhren, die aus einer ebenen Fläche, einer Skala und einem sogenannten Gnonom, dem Schattenwerfer, bestehen. Während sich die Sonne über den Himmel bewegt, richtet sich der Schatten auf verschiedene Markierungen auf der Skala aus, wodurch sich ihre Position bestimmen und die Zeit ablesen lässt. Maters Sonnenuhr besteht aus vier Stundenmarkierungen, die quer über das SCHIRN-Gelände verteilt sind. Dabei greift die Künstlerin auf bestehende Elemente und gebaute Strukturen zurück. Der Schornstein etwa wird zu einem Schattenwerfer, der um 10 Uhr vormittags die Fassade trifft. Je nach Monat fällt der Schatten auf unterschiedliche Etagen: im Juni/Juli auf das erste, im Mai/August auf das zweite, im April/September auf das dritte Geschoss. Außerdem greift Mater auf bestehende Ziffern zurück, etwa die Hausnummer am Gabriel-Riesser-Weg 3 und im HALLE-2-Schild, oder fügt welche hinzu, wie in der der Zeppelin-Allee 13. Um 14 Uhr markiert die Reflektion des Sonnenlichts die Zeit, um 13 und 15 Uhr wiederum sind es Schattenlinien. Der lateinische Titel HIC. EST. TUUM. HORA bedeutet ins Deutsche übersetzt „Dies ist deine Stunde“. Er richtet sich an jede Person, die das Kunstwerk in Aktion erlebt. Der Untertitel 50° 07′ 16″ N 08° 39′ 12″ E bezeichnet die geografischen Koordinaten der Uhr. Somit verortet Maters Intervention die Besucher*innen nicht nur im jeweiligen Moment an einen bestimmten Ort, sondern setzt sie auch in größere geografische Zusammenhänge.
Katja Mater (*1979 in Hoorn, Niederlande, lebt und arbeitet in Brüssel und Amsterdam) studierte Freie Kunst an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. Maters künstlerische Praxis umfasst Fotografie, Film, Installation und Performance. Mater dokumentiert Phänomene, die jenseits der visuellen Wahrnehmung liegen, und eröffnet alternative Erfahrungen von Realität, indem sie Raum, Zeit, Wahrnehmung und unsere Begriffe davon verhandelt. Die Sonnenuhr HIC. EST. TUUM. HORA entwickelte die Künstlerin erstmals im Rahmen des Kulturprogramms Border Buda als ortsspezifische Installation für den Brüsseler Stadtteil Buda. Maters Werke wurden unter anderem im Stedelijk Museum Amsterdam, Marta Herford und in der Kunst Halle Sankt Gallen präsentiert.
Margaret Raspé
Regentrommeln, 1988/2023
Margaret Raspé interessierte sich für langsame, versteckte Prozesse und automatisierte Abläufe. Mit ihrer Kunst wollte sie diese sichtbar machen. Zwischen Ästen aufgespannt, verwandeln die Regentrommeln herabfallenden Niederschlag in zarte, aleatorische Tonspuren. Vom lateinischen „alea“ (Würfel, Zufall) stammend, beschreibt der Begriff zufallsabhängige Vorgänge, die auf unvorhersehbaren Elementen beruhen. Die organischen Formen der Trommeln aus mit Bienenwachs grundiertem Stoff verstärken das Geräusch des Regens und inszenieren so eine flüchtige, nicht-invasive Zusammenarbeit mit der Natur. Für Raspé verkörperte der Garten die Möglichkeit von Berührung und die Erfahrung von Wachstumsprozessen. Dort werden Jahreszeiten, Wetter, Wärme und Kälte, Vergänglichkeit und Zeit spürbar. Die Künstlerin strebte an, in eine resonante Beziehung mit der Umwelt zu treten: „Wie gehen wir mit der gegebenen Natur um, wie mit uns selbst, entfremdet, ausbeutend? Was müssen wir verändern in unserem Bewusstsein, um scheinbare Gegensätze, den Zusammenhang von Kultur und Natur, anders als herkömmlich in der westlich geprägten Welt denken und empfinden zu können?“ Sowohl inhaltlich als auch formal war Raspés künstlerisches Schaffen von Nachhaltigkeit und lokalen Produktionsformen bestimmt – zu einer Zeit, als Fragen der Ökologie erst langsam ins öffentliche Bewusstsein drangen. Die Regentrommeln wurden anhand von Archivmaterialien 2023 in Berlin neuproduziert. Die Berliner Künstlerin Margaret Raspé (1933–2023) gilt als Pionierin des feministischen Experimentalfilms. Sie studierte zwischen 1954 und 1957 Malerei und Mode an der Akademie der Bildenden Künste München und der Universität für Bildende Künste, Berlin. In den 1970er-Jahren entwickelte sie den Kamerahelm und begann mit der Produktion ihrer Kamerahelmfilme. Ihre Filme fanden schon früh internationale Aufmerksamkeit und wurden u. a. in den Anthology Film Archives, New York, und der Hayward Gallery, London, gezeigt. Ihr Schaffen umfasst außerdem performative Aktionen und skulpturale Arbeiten, die sich mit Fragen zum Verhältnis zu Natur, Ökologie und Spiritualität befassen. Einem breiteren Publikum wurde sie 2023 durch eine Retrospektive im Haus am Waldsee in Berlin und im Badischen Kunstverein in Karlsruhe bekannt.
Bernhard Schreiner
Instant Sonification (Local real-time composition, N 50° 7′ 16″ E 8° 39′ 10″), 2026
Bernhard Schreiners Arbeit beschäftigt sich mit Klang als zeitlichem Prozess, der die Welt erfahrbar macht. Klang, so der Musiker und Musiktheoretiker David Toop, ist eine gegenwärtige Abwesenheit, Stille ist eine abwesende Gegenwart. Fast immer ist etwas zu hören, und mehr als das Sehen erweist sich der Klang als Beweis der Realität, gerade weil der Klang in der Regel unstet ist und sich von einem Moment zum nächsten verändert. Für Schreiner ist Klang eine Verbindung von der äußeren, der physischen Realität zur neuronalen, der inneren Realität. Er befasste sich schon früh mit Feldaufnahmen von klingenden, äußeren Dingen. Dabei ist er weniger an ihrer authentischen Wiedergabe interessiert, als vielmehr daran, mittels Klängen eine akustische Welt zu imitieren, in der Dinge und Nicht-Dinge gleichermaßen erscheinen und durch ständige klangliche Modulation Dauer in diese Welt einführen. Für IN A SILENT WAY hat Bernhard Schreiner eine Arbeit in Form eines Synthesizers entwickelt, dessen Klänge von der pflanzlichen Umgebung im Zusammenspiel mit der Witterung erzeugt und beeinflusst werden. Regen, Sonne und sogar Kälte werden so zu ephemeren Produzent*innen einer echtzeitlichen Klanglandschaft. In Schreiners Installation agieren diese äußeren Klangquellen im Zusammenspiel mit den internen Modulen, etwa wenn die Spannung in einer Pflanze größer wird, weil sie Wasser aufnimmt. Das Modul Sample & Hold zum Beispiel übernimmt den Impuls dieser Spannungszunahme und wiederholt diesen in einen Sound übersetzten Impuls so lange, bis ein nächster Unterschied an der Pflanze gemessen wird. Durch das Abtasten solcher äußeren Signale und ihrer Übersetzung in Sounds entsteht eine autonome und unendliche Komposition, ein analog-digitales Musikstück, das sich über einen unbegrenzten Zeitraum in einen ständigen Wandel begibt. Bernhard Schreiner studierte von 1992 bis 1998 Film bei Peter Kubelka an der Städelschule. Von 2004 bis 2022 war er als Assistent der Filmklasse tätig. Im Rahmen seiner langjährigen Lehrtätigkeit im Film- und Video Lab hat er die Filmwerkstatt und das Soundstudio der Städelschule mit aufgebaut. Zwischen 2005 und 2007 betrieb er das Label feld-records, auf dem er Aufnahmen von unter anderem Kouhei Matsunaga, Carl Michael von Hausswolff und Carlos Giffoni veröffentlichte. Schreiner lehrt aktuell an der HfG Offenbach. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt, unter anderem im Irish Museum of Modern Art in Dublin, in der Kunsthalle Lingen, in der Overbeck-Gesellschaft – Kunstverein Lübeck und in den KW Institute for Contemporary Art in Berlin.
-
Kurator*innen
Matthias Ulrich
Theresa Dettinger
-
Gefördert durch
SCHIRN ZEITGENOSSEN