14. September 2016

Der Künstler Thomas Scheibitz sammelt Bilder aller Art, auch Comics, als Ausgangsmaterial für seine Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen.

Von Eugen El

Seine Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen sind von Formen bevölkert, die einem Computerbildschirm, einer Zeitschrift, vielleicht auch einem Comic entsprungen sein könnten. Eindeutig zuzuordnen sind die Bildmotive des 1968 geborenen Künstlers Thomas Scheibitz nicht. Sie erinnern an Elemente grafischer Benutzeroberflächen, an leere Dateifenster und Cursor, an Sprechblasen und Panels, sowie an Fragmente von Buchstaben. Zuweilen meint man, in Scheibitz gegenständlich-abstrakten Gebilden Figuren zu erkennen, Augenpaare. Es handelt sich um Formenkonvolute, die das Ergebnis eines ausdauernden künstlerischen Arbeitsprozesses sind.

Thomas Scheibitz ist in Radeberg bei Dresden aufgewachsen und studierte von 1991 bis 1998 an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste. Im Gegensatz zur starken stilistischen Prägung der „Leipziger Schule“ war die Ausbildung in Dresden eher auf die Maltechnik und das Handwerk fokussiert. Seinen Ansatz konnte Scheibitz in einer offenen Atmosphäre entwickeln, ohne einem übermächtigen Professor nacheifern zu müssen. Heute distanziert sich Scheibitz von allzu großer Nähe zum Handwerk. Er sieht den Malprozess als „Werkzeug“. Er berichtet zudem, während des Studiums habe ihn die im Dresdner Zwinger untergebrachte Sammlung Alter Meister besonders angezogen.

Permanent füllt er Skizzenhefte

Auf dem Studienabschluss folgen mehrere Einzelausstellungen bei der Galerie Gebr. Lehmann in Dresden. Scheibitz' Arbeiten wirken schon um die Jahrtausendwende „ausformuliert“ in ihrer Kombination aus grafisch-geometrischen Formen, figurativen Elementen und kontrastreichen, rein malerischen Passagen. Seine größeren Arbeiten bereitet Scheibitz mit zahlreichen Zeichnungen im DIN A4-Format vor. Permanent füllt er Skizzenhefte. Überdies greift Scheibitz auf seine eigene, ohne Rücksicht auf „high“ und „low“ angelegte Sammlung von Bildfunden aus Zeitschriften, Werbeanzeigen, Reportagen, Comics und Bildbänden älterer Kunst.

Thomas Scheibitz, Turm, Image via thomasscheibitz.de

Im Jahr 2005 bespielt Thomas Scheibitz zusammen mit Tino Sehgal den Deutschen Pavillon bei der Venedig-Biennale. Neben einigen Gemälden präsentiert er dort eine raumgreifende Skulpturengruppe. Die teils bemalten, bisweilen übereinander gestapelten und auf Sockeln platzierten Objekte changieren in ihrer Anmutung zwischen Möbel, Theaterkulisse und Skulptur. Scheibitz erweitert seinen Ansatz ins Bildhauerische, ohne sein Formenvokabular aus der Malerei aufzugeben. Tatsächlich entsteht eine Mischform, die der Künstler in den nächsten Jahren weiterentwickelt.

Korrespondieren und ineinandergreifen

Im Herbst 2012 wird Scheibitz' Einzelausstellung „One-Time Pad“ im Frankfurter Museum für Moderne Kunst eröffnet. Im MMK werden neben Gemälden, vorbereitenden Zeichnungen und Skulpturen im großen Umfang auch Skizzenhefte sowie Teile der Scheibitzschen Bildersammlung gezeigt. Die Schau macht deutlich, wie sehr im Scheibitz' Werk die künstlerischen Medien korrespondieren und ineinandergreifen. Seine Skulpturen und Objekte, Zeichnungen und Gemälde basieren auf dem gleichen Skizzen- und Ideenkonvolut. Scheibitz arbeitet daran, Unterscheidungen von gegenständlich und abstrakt, von Malerei und Bildhauerei zu erschweren.

Thomas Scheibitz, One-Time Pad, 2012/13, MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, Image via thomasscheibitz.de

Im Katalog zur Ausstellung Pioniere des Comic formuliert Thomas Scheibitz einige persönliche Gedanken zum frühen Comic: „Vielleicht müssten wir auch dem unbekannten Drucker ein Denkmal setzen, der es geschafft hatte, im Zeitungsdruck die Farbe zu etablieren. Die Figur des Yellow Kid konnte somit erst ihre volle ästhetische Wirkung erzielen“, schreibt er. Scheibitz kommt auch auf Wilhelm Busch zu sprechen: „Die Bildergeschichten mit Textunterlage von Max und Moritz sind an Schärfe und Lebensfreude, bisweilen auch Schadenfreude, kaum zu überbieten.“ Bei den Künstlern der Ausstellung schätzt Scheibitz unter anderem Winsor McCays „überschäumende Fantastik“ sowie George Herrimans „minimalistische Ausdrucksformen“. Er würdigt auch Lyonel Feininger für seine, wie wir heute wissen, wegweisende Bewegung zwischen den Welten der „kommerziellen“ und „hohen“ Kunst.