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Wie man der Zukunft ein Denkmal setzt

27.11.2019

9 min Lesezeit

Autor*in:
Johanna Laub
Tamara Grcic
Wie man der Zukunft ein Denkmal setzt - ein Artikel im SCHIRN Magazin der Kunsthalle Frankfurt.

Die Frankfurter KĂŒnstlerin Tamara Grcic ist Bildhauerin, Fotografin, Video- und Installationskünstlerin. Seit 2014 ist sie Professorin fĂŒr Bildhauerei an der Kunsthochschule Mainz. Sie hat 2019 als KĂŒnstlerin an der Hannah-Ryggen-Triennale teilgenommen, eine Ausstellung des Nordenfjeldske Kunstindustrimuseet in Trondheim, die alle drei Jahre Werke von Hannah Ryggen mit zeitgenössischen Positionen zusammenbringt.

Kanntest du Ryggens Bildteppiche vor deiner Reise nach Trondheim? Und wie war dein Eindruck von ihnen?

Ich hatte Hannah Ryggens Arbeiten auf der dOCUMENTA (13) gesehen und war damals schon beeindruckt von ihrer Kraft. In Trondheim bin ich dann viel mehr mit ihrem Werk und Leben in BerĂŒhrung gekommen. Mich hat die IntensitĂ€t fasziniert, mit der sie abgeschieden und konzentriert an ihren Teppichen zu politischen Themen gearbeitet hat. Die GrĂ¶ĂŸe der Teppiche hat mich beeindruckt; ihre Dichte und besondere Farbigkeit, die so aufgeladen ist. Auch die Balance zwischen dem Abstrakten, Volkskundlichen, Figurativen und dem Ornamentalen – die Art und Weise, wie sie das in ihren Teppichen auf unterschiedliche Weise zusammenbringt, hat mich interessiert.

Tamara Grcic, Foto: Bernd Kammerer

Es ist schon beeindruckend, wie Ryggen sich teilweise ĂŒber Monate hinweg an Werken abgearbeitet hat, in die sie auch emotional involviert war, und es trotzdem geschafft hat, diese IntensitĂ€t ĂŒber einen so langen Zeitraum immer aufrechtzuerhalten. 

IntensitĂ€t ist etwas, das man im Arbeitsprozess immer wieder aufbauen und herstellen muss. Oft verĂ€ndert sich das GefĂŒhl der IntensitĂ€t aber auch im Laufe eines Projektes und kann sich vom ursprĂŒnglichen Auslöser der Arbeit abstrahieren. Weben hat ja eigentlich etwas Kontemplatives, man muss unglaublich viel Zeit aufwenden, es geht in ganz kleinen Schritten vorwĂ€rts, bevor man etwas sieht. Ich finde es schon sehr bewundernswert, wie Ryggen die IntensitĂ€t ĂŒber so lange ZeitrĂ€ume hĂ€lt. 

Hannah Ryggen hat in ihren Arbeiten immer wieder bestimmten Personen DenkmĂ€ler gesetzt, die fĂŒr Werte wie Demokratie, Freiheit und Frieden einstanden. Du hast 2016 in Frankfurt ein Denkmal fĂŒr Fritz Bauer realisiert, der hessische Generalstaatsanwalt, der die Frankfurter Ausschwitz-Prozesse angestoßen hat. Er wĂ€re bestimmt eine Figur gewesen, fĂŒr die sich Ryggen auch interessiert hĂ€tte. Wie bist du an diese Arbeit herangegangen? 

FĂŒr mich war es das erste Mal, dass ich ein Denkmal fĂŒr eine Person im öffentlichen Raum gemacht habe. Ich habe mich intensiv mit Fritz Bauer beschĂ€ftigt, versucht aus allen möglichen Quellen etwas ĂŒber ihn zu erfahren und etwas Wesentliches von ihm zu erfassen. Dann ging es darum, diesen Gehalt in eine Form zu ĂŒbersetzen, die an diesem unruhigen, bewegten Ort – vor dem Oberlandesgericht – funktionieren kann. Außerdem war mir wichtig, dass das Denkmal so offen ist, dass auch Themen der Gegenwart und Zukunft darin vorkommen können, natĂŒrlich im Sinne von Fritz Bauer.  

Du hast dir ein Zitat von ihm ausgesucht und prĂ€sentierst es zusammen mit einem besonderen Stein, der wie ein Eisberg geformt ist – wie die metaphorische Spitze des Eisbergs in dem Zitat von Fritz Bauer: „Sie mĂŒssen wissen, es gibt einen Eisberg, und wir sehen einen kleinen Teil und den grĂ¶ĂŸeren sehen wir nicht.“

Ich habe dieses Zitat gewĂ€hlt, weil es zu dem passt, wofĂŒr sich Fritz Bauer eingesetzt hat, aber auch weil es immer noch relevant und ĂŒbertragbar ist auf Vieles, was jetzt passiert. Gleichzeitig hat mich bei Fritz Bauer dieser unglaubliche Glaube an das Menschliche fasziniert. Ein fast archaischer Glaube. In der Geologie ist mir dann das PhĂ€nomen der Metamorphite begegnet. Das sind Steine, die durch extremen Druck und Hitze im Erdinneren gebildet werden. Die Herkunft und der Entstehungsprozess spielten eine wichtige Rolle fĂŒr die Auswahl des Steines. Hier gibt es fĂŒr mich eine Verwandtschaft zu der Kraft, die ich bei Fritz Bauer sehen konnte. 

Sie mĂŒssen wissen, es gibt einen Eisberg, und wir sehen einen klei­nen Teil und den grĂ¶ĂŸe­ren sehen wir nicht.

Fritz Bauer

Ryggen hat teilweise ebenfalls Wert auf ganz bestimmte Materialien gelegt hat – Ziegengarn zum Beispiel in der Arbeit „Liselotte Herrmann enthauptet“ (1938), oder wenn sie fĂŒr „Blut im Gras“ (1966) ausnahmsweise kĂŒnstliches FĂ€rbemittel benutzt, um Gewalt und den Einsatz von chemischen Waffen im Vietnamkrieg zu thematisieren. Da gibt es diesen symbolischen Gehalt des Materials, der in die Arbeit miteinfließt.

Ja, es ist wichtig Materialien mit etwas aufzuladen, das Emotionen auslösen kann, ohne dass es der Kopf gleich versteht. Man bemerkt bei „Liselotte Herrmann“ sofort, dass die Decke des Kindes ein anderes, silbernes Material hat. Auch fĂŒr meine Arbeiten ist so ein Aufladen wichtig. Gerade weil ich mit sehr viel alltĂ€glicheren Materialien arbeite als Ryggen, ist es notwendig, in der Auswahl und Setzung sehr prĂ€zise zu sein.

Kannst du etwas ĂŒber deine Arbeit „Have you been here before?“ von 2017 erzĂ€hlen? Darin hast du in einer Klanginstallation ErzĂ€hlungen in vielen unterschiedlichen Sprachen zusammengebracht. Das ist zwar formal erst einmal sehr weit weg von Ryggens Arbeitsweise, aber in diesem Bild der Vielstimmigkeit gibt es auch Überschneidungen zwischen euch. 

Der Ausgangspunkt waren die Opelvillen in RĂŒsselsheim, der ehemalige Wohnsitz von Fritz Opel. Ich war eingeladen, das Haus komplett zu bespielen. FĂŒr die Opelwerke und den Flughafen, die zwei großen Arbeitgeber dort, arbeiten Menschen aus aller Welt. Ich glaube, es gibt 113 verschiedene NationalitĂ€ten in diesem kleinen RĂŒsselsheim. In der Musik gibt es den Begriff der Heterophonie, der mich hier interessiert hat: die Idee der Vielstimmigkeit. Jeder trĂ€gt mit seiner Stimme und seinem Rhythmus zu einem großen Ganzen bei. Ich habe Interviews mit Menschen verschiedener NationalitĂ€ten gemacht, die mir in ihrer Muttersprache ein Zimmer, ein Haus, oder einen Ort beschrieben haben, an dem sie sich zu Hause fĂŒhlen.  Aus diesem Material habe ich 13 Kompositionen fĂŒr die 13 unterschiedlichen RĂ€ume der Opelvilla zueinander und gegeneinander geschnitten. Immer wieder taucht darin der Satz „Have you been here before?“ auf, auch in verschiedenen Stimmlagen und Sprachen. Ist man fremd, ist man schon heimisch? Was genau macht dieses GefĂŒhl eigentlich aus?

Hannah Ryggen, die in Schweden geboren ist, aber den Großteil ihres Lebens in Norwegen verbracht hat, sprach ja selbst Norwegisch mit sehr vielen Anleihen aus dem Schwedischen. Das war eine unverwechselbare Mischung, der man ihre Verwurzelung in beiden LĂ€ndern angehört hat.

Das ist interessant. Mich hat in der Arbeit die Rhythmik der Sprachen interessiert, einerseits die unterschiedliche Aufladung der Stimmen, die spĂŒrbar von etwas sehr Intimen erzĂ€hlen, und andererseits die Abstraktion des Klanges der verschiedenen Sprachen. Am Ende waren sie alle miteinander verbunden und es war eine Vielstimmigkeit zu erleben. In einigen Teppichen von Ryggen tauchen losgelöste Gesichter auf, zum Beispiel in „Ein freier Mensch“ oder „Wir leben auf einem Stern“, in denen es auch eine Vielheit und Vielstimmigkeit zu geben scheint.

Ryggen lebte im sehr engen Verbund mit der Natur; sie hat ihre Arbeitsmaterialien aus ihr geschöpft und diesen organischen Charakter hĂ€ufig betont. Ihr gefiel zum Beispiel die Vorstellung, dass ihre Teppiche ĂŒber die Jahrzehnte hinweg ausbleichen werden. Du hast in den 1990er Jahren vermehrt mit natĂŒrlichen Materialien gearbeitet, zum Beispiel in einer Installation fĂŒr den Portikus in Frankfurt, aber es sind vor allem immer wieder PhĂ€nomene der Natur, die in deinen Arbeiten auftauchen – die Routen von Zugvögeln, oder zuletzt das Motiv des Flusses in „Der Fluss fließt“ (2018).

Bei den frĂŒhen Arbeiten, in denen Naturalien vorkamen, haben mich Zeitprozesse interessiert und diese ĂŒber das Reifen und Vergehen von FrĂŒchten sichtbar zu machen. Bei „Der Fluss fließt“ ist es anders – das ist viele Jahre spĂ€ter und mir jetzt nĂ€her. Ich wollte eine Arbeit ĂŒber einen Fluss machen, den Fluss in seinem Wesen verstehen. Was hat der Fluss fĂŒr unterschiedliche Fließbewegungen, wie geht er mit WiderstĂ€nden, wie mit den Ufern um, welche KrĂ€fte hat er, wie zeigen sich diese? Ich habe zuerst, wie bei den meisten anderen Arbeiten auch, einiges gelesen und Fachleute aufgesucht, Strömungswissenschaftler, die mir viel ĂŒber die Bewegung und TĂ€tigkeiten von FlĂŒssen erzĂ€hlen konnten. Dieses ganze Sprachmaterial habe ich dann so montiert, dass die Sprache in Ă€hnliche Bewegungen wie der Fluss kommt – durch den Raum fließt, Wirbel bildet, dass sie auf- und abtaucht, kaum fassbar ist. Gleichzeitig erzĂ€hlen die Stimmen vom Wesen des Flusses. Die Organisation von Sprachmaterial kann man vielleicht mit dem Weben vergleichen, ein Verdichten und Bewegen von Material.

Die Organisation von Sprachmaterial kann man vielleicht mit dem Weben vergleichen, ein Verdichten und Bewegen von Material.

Tamara Grcic

NatĂŒrlich liegen deine Installationen aus natĂŒrlichen Materialien und Arbeiten wie „Der Fluss fließt“ weit auseinander, aber in beiden kann man das Motiv der bestĂ€ndigen VerĂ€nderung finden, eines großen Kreislaufs. Das ist bei Ryggen auch immer wieder prĂ€sent, ganz besonders in „Wir leben auf einem Stern“, in dem es um Werden und Vergehen geht. 

Ja, solche ZusammenhĂ€nge zu verstehen ist wichtig und auch ein Motor fĂŒr mein Arbeiten. Wir haben ganz am Anfang von IntensitĂ€t gesprochen, die so wichtig fĂŒr diese kĂŒnstlerischen Prozesse ist. Ein Teil davon ist sicherlich auch, dass man immer wieder versucht etwas ĂŒber das Leben, die Gesellschaft, die Zeit, in der man lebt, herauszufinden und diese zu verstehen. Ich glaube bei Hannah Ryggen ist das auch so, zum Beispiel in „Mutterherz“ (1947) – das ist ja ein sehr intimes Werk zu einer Zeit, in der eigentlich noch niemand öffentlich ĂŒber Mutterschaft redet. Das scheint mir, wie in vielen anderen Teppichen von ihr, ein Versuch zu sein, nicht nur etwas darzustellen, sondern auch durch den Arbeitsprozess etwas fĂŒr sich selbst zu begreifen.

HANNAH RYGGEN

GEWEBTE MANIFESTE

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