Wann ist eigentlich Tomatenernte in Deutschland? Und wo wachsen ĂŒberhaupt Kiwis? Viele wissen heute nicht, welche Produkte wann Saison haben oder ob sie ĂŒberhaupt in der Region gedeihen. Doch aktuell gewinnen die Schlagwörter »regional und saisonal« wieder an Bedeutung.
Die norwegische KĂŒnstlerin Hannah Ryggen wuchs inmitten des Wandels von der Agrar- zur Industriegesellschaft auf. Gemeinsam mit ihrem Mann, Hans Ryggen, aufgewachsen in einer Familie von Kleinbauern, lebte sie spĂ€ter in einfachen VerhĂ€ltnissen auf einem GrundstĂŒck in der KĂŒstenregion Ărlandet, nordwestlich von Trondheim. Auf ihren etwa fĂŒnf Hektar LandflĂ€che bauten sie ihr eigenes GemĂŒse und Obst an und hielten Tiere, wie GĂ€nse, Schafe und HĂŒhner.
Hannah Ryggen kannte die MĂŒhen der Landwirtschaft, die NĂ€he zur Natur war ihr ein hohes Gut. Die Idee der Selbstversorgung war ihre Lebensphilosophie: âJeder Mann und jede Frau, zu welchen Ehren sie es auch immer gebracht haben mögen, sollte zu zwei Dingen erzogen worden sein: in der Lage zu sein, sein Essen herzustellen und sich selbst zu versorgen. Es ist unwĂŒrdig, wenn einer Diener eines anderen ist. Alle sollen arbeiten, keiner soll ĂŒber dem anderen stehen.â Hannah Ryggen selbst lebte diese Haltung und versorgte sich mit ihrer Familie selbst.Â
Es ist unwĂŒrdig, wenn einer Diener eines anderen ist. Alle sollen arbeiten, keiner soll ĂŒber dem anderen stehen.
In ihrem Werk âWir und unsere Tiereâ zeigt Ryggen die Familie an einer langen Tafel, umgeben von den Tieren auf ihrem Hof. Sie werden hier gefĂŒttert und gepflegt und doch dienen sie letztendlich als Nahrungsmittel. Ryggen thematisiert diesen Zwiespalt im Mittelteil des Teppichs, auf dem eine geköpfte Gans vor dem Mittagstisch entlanglĂ€uft und die Frau versucht, davor die Augen zu verschlieĂen.
Ryggen fĂ€rbte die Wolle selbst und gewann ihre FĂ€rbeÂmitÂtel aus der Natur
Die enge Verbindung zur Natur wirkte sich bei Ryggen jedoch nicht nur in ihrem Privatleben und in ihrem VerhĂ€ltnis zu Nahrungsmitteln aus, sondern auch in ihrer Kunst. Die von ihr verwendete Wolle und die Leinenstoffe waren reine Naturerzeugnisse aus der Region. AuĂerdem fĂ€rbte Ryggen die Wolle selbst und gewann ihre FĂ€rbemittel aus der Natur. Sie nutzte Vogelkirsche, Birkenlaub, Steinflechte, Kiefernrinde, Wacholder, Einbeere und viele andere Dinge aus ihrer Umgebung. Zu Ryggens Markenzeichen wurde die Farbe âPottblauâ oder âPisseblauâ, die aufgrund ihrer speziellen Zutaten sehr bald zum Lieblingsthema der Journalisten avancierte.Â
Ryggen soll sich, nach dem was man sich erzĂ€hlte, mit Trinkern angefreundet haben, die fĂŒr sie ihren Urin in Flaschen sammelten. Die ĂŒberdurchschnittlich hohe Ammoniakkonzentration bewirkte ein leuchtendes Blau. Auch davon abgesehen stellte Ryggen oft sehr krĂ€ftige Farben her. Ihr war bewusst, dass das Licht mit der Zeit die Farben verblassen lieĂe, doch dieser VerĂ€nderungsprozess war zugleich Teil ihres Werks. Wie die Natur im stetigen Wandel ist, sollten es auch ihre Arbeiten sein.
Es lag ihr am Herzen, dass ihre Werke im öffentÂliÂchen Raum zu sehen waren
FĂ€rben ist keine einfache Angelegenheit â es mĂŒssen dabei diverse Variablen kontrolliert werden: die MengenverhĂ€ltnisse mĂŒssen stimmen, auch die Jahreszeit, wann die Pflanzen gepflĂŒgt werden, spielt eine Rolle sowie die IntensitĂ€t des Lichts. Ryggen hatte sich ein fundiertes Wissen bezĂŒglich der chemischen Prozesse beim FĂ€rben angeeignet und gab dieses auch in Kursen, die sie leitete, weiter. Von ihren Zeitgenossen wurde ihre Arbeitsweise jedoch oft zu Unrecht als primitiv, naiv oder bĂ€urisch degradiert.
Doch ihre Motive konzentrierten sich auf weltpolitische Ereignisse und griffen grundlegende gesellschaftliche Themen, wie Machtmissbrauch oder die GrĂ€uel des Krieges, kritisch auf. Ryggen lebte ihre Weltanschauung im Privaten ebenso konsequent, wie sie diese durch ihre Haltung als KĂŒnstlerin zum Ausdruck brachte. Sie verkaufte ihre Werke nie an private KĂ€ufer, es lag ihr am Herzen, dass ihre Werke fĂŒr alle Menschen und im öffentlichen Raum zu sehen waren â so wie nun auch in der Schirn.