Superform und Supermeme. Gedanken zu Thomas Bayrles Kunst und Meme-Culture
24.04.2026
7 min Lesezeit
1967 – eine Episode der Animationsserie Spider-Man wird ausgestrahlt, aus der rund 50 Jahre später die Bild-Grundlage für ein viral zirkulierendes Meme wird. Im selben Jahr fängt Thomas Bayrle an, Siebdrucke von massenhaft produzierten Konsumwaren im kompositorischen Prinzip der „Superform“ anzufertigen. Alles nur Zufall?
Die mimetische„Du-Auch“-Struktur des Memes
1. Schritt: Wir wählen zunächst eine „Memevorlage“ aus. Diese sollte die Masse ansprechen und dem Einzelnen zugleich die Möglichkeit bieten, sich selbst darin wiederzufinden. Nehmen wir also Spider-Man: eine popkulturelle Superheldenfigur, die gleichermaßen als Identifikationsfigur und Gemeinplatz fungiert. Jenseits dieser Beziehung zu Individuum und Masse ist das Bild zunächst jedoch relativ bedeutungslos und austauschbar. Die drei Figuren verweisen gegenseitig aufeinander, was das konkret mit uns zu tun hat, ist noch unklar. Ein potentielles Meme.
2. Schritt: Wir ersetzen die Spider-Man-Köpfe durch Thomas Bayrles Kopf und fügen eine Bildunterschrift hinzu. Die Bedeutung des Memes wird geklärt und es wird nun etwas Konkretes ausgesagt. Aus einer Masse möglicher Erfahrungen, die das Meme ausdrücken kann, tritt eine einzelne, persönliche Erfahrung hervor, die wiederum geteilt und somit zur gemeinsamen Erfahrung werden kann.
3. Schritt: Wir teilen das Meme (in dem Fall mit euch SCHIRN MAG-Leser*innen). Was bisher nur eine potenziell geteilte Erfahrung war, wird nun Wirklichkeit. Indem das Meme geteilt wird, entsteht der Du-Auch-Moment des Memes – die durch das Bild vermittelte suggestive Aussage: „Auch du hast die Ausstellung in der SCHIRN gesehen und weißt, worauf wir hier hinauswollen“. Ein Erfahrungsangebot steht nun zur Verbreitung durch Imitation bereit.
Wahrscheinlich braucht es noch ein paar weitere Erklärungen. Bevor ihr noch denkt, wir wollen nur verwirren, kommen wir also endlich auf Thomas Bayrle und die Superform zu sprechen.
Das Memetische der Superform
Denn diesen Dreischritt der Bildproduktion kennen wir bereits von Bayrles Superform. Hierbei taucht ein Gesamtbild aus dem Wiederholen und Verweben eines einzelnen Motivs auf, welches wiederum oft dasselbe wie das Gesamtbild darstellt – wie beispielsweise im Falle der bekannten Reihe mit VW-Käfern von 1969.
Wie wir gesehen haben, stellt sich beim Meme die vermeintlich individuelle Erfahrung als massenhaft angelegt dar. Eine Bildproduktion, welche auch in der Superform zum Tragen kommt, hier aber als Massenphänomen visualisiert wird: Die Konturen des Individuellen können sich erst durch massenhafte Wiederholung abzeichnen. Die Masse wird durch die individuelle Wiederholung verstärkt, bleibt dabei jedoch im Hintergrund. Ein Hintergrund, auf dem das Individuelle erst in Erscheinung treten kann.
Die Superform ist also nicht nur ein kompositorisches Bildprinzip, sondern die kritische Veranschaulichung einer Produktionslogik. Bayrles repetitive Bildform spiegelt die Marktlogik des westdeutschen Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit wider, die im Konsum massenhaft produzierter Waren ein Gefühl von Freiheit vermittelt. Die Superform reflektiert dabei, wie die serielle Produktion von Waren mit einer konsumierbaren Lebensform einhergeht. Waren strahlen Bedeutungen, Vorstellungen und Wünsche aus, die im Konsum oder Streben danach, angenommen und verkörpert werden, um sich zu identifizieren, positionieren und verständigen. Das von Bayrle so oft verwendete Motiv des Autos ist hierfür ein Paradebeispiel. Was zählt, ist der Symbolcharakter – die Ware als Bild. Die Superform macht auf eben diese Bildhaftigkeit aufmerksam und zeigt, wie menschliche Beziehungen durch ihre Beziehungen zur Ware als Bildobjekt ersetzt werden. Individualität wird als massenhaft angefertigt sichtbar.
Wer zeigt hier auf wen?
Wenn also die Superform kritisch vor Augen führt, wie die bildhafte Organisation von Gesellschaft die Masse im Namen des Individuums verstärkt – was bedeutet das für das Meme? Wie können wir auf Memes mit der kritischen Linse der Superform blicken? In diesem Sinne ist die vermeintlich persönliche Erfahrung, die durch Memes geteilt wird, die Wiederholung, Imitation und Vereinheitlichung einer massenhaft zirkulierenden Wahrnehmungsweise der Welt. Auch das Meme wird hierbei nur konsumiert. Die Aussage des Du-Auchs geht dabei nur in eine Richtung. Denn hier wird das geteilte Angebot von mir zu dir, von uns zu euch, weitergetragen, ohne dabei jedoch wirklich persönlich zu werden. Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass in der Ausstellung „Fröhlich sein!“ Bayrles Motive direkt an Meme-Culture anknüpfen.
In Bayrles neuesten Superformen tauchen häufiger Smartphones auf – also die Technologie der memetischen Reproduktion. Während frühere Motive sich aus Werbung und Konsumkultur (Biermarken, Automodelle usw.) speisten und selbst als proto-memetische Einheiten fungierten, tritt nun das Endgerät hervor, welches das Flimmern digitaler Bildwelten aufrechterhält. Die Bildproduktion der Superform erinnert dabei vermutlich nicht zufällig an die Funktionsweise eines Displays und die Komposition von Bildern (und somit auch Memes) durch unzählige Pixel. Entgegen moderner Displays, bei denen diese Produktionsweise gänzlich in den Hintergrund rückt, führt Bayrle dieses Prinzip klar vor Augen. Sein Verweis auf die Technizität des Reproduktionsprozesses durch digitale Medien hebt die unpersönliche Individualität der Memewelt und die technisch-infrastrukturellen Machtverhältnisse in ihrer Materialität hervor. Heute stellt sich weniger die Frage nach Autor*innenschaft und Bildgehalt als jene darüber, wie Steuerung, Kontrolle und Organisation durch die Technologien digitaler Medien gestärkt werden.
Im Rückblick ist Bayrles Superform eine Art visuelles Theorieangebot, das bereits eine Kritik an Meme-Culture vorwegnimmt. Indem sie auf die massenhafte Produktion des vermeintlich Individuellen verweist, entschlüsselt sie die Entstehung gemeinsamer Erfahrungswelten durch memetische Wiederholung: Im Meme wird das Persönliche von Anfang an massenhaft angelegt, um als Grundlage eines geteilten Erfahrungshorizonts zu dienen – welcher dann wiederum das „persönlich Wahre“ reproduziert.
Erweiternd ließe sich fragen, was durch das memetische Du-Auch-Prinzip eigentlich weitergetragen wird – oder, anders gesagt: Wer zeigt hier auf wen? Unter der Spider-Man-Maske verbirgt sich keine Leerstelle, sondern eine sehr konkrete Perspektive. Doch welche, das ist ein anderes Thema für einen anderen, nicht weniger verwirrenden Artikel.


