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Studiobesuch: Joep van Liefland

14.08.2014

5 min Lesezeit

In der Ausstellung „Unendlicher Spaß“ hat Joep van Liefland alte Videokassetten zu einem klaustrophobisch anmutenden Raum verdichtet. Wir haben den KĂŒnstler in seinem Berliner Studio zum GesprĂ€ch getroffen.

Einst produzierte die Firma „Agfa" hier Fotochemie und LaborausrĂŒstung. Heute sind in der ehemaligen Fabrik im Berliner Ortsteil Rummelsburg BĂŒros und WerkstĂ€tten untergebracht. Joep van Liefland ist der einer der wenigen KĂŒnstler, die sich hier ein Studio eingerichtet haben. Ein passender Ort, denn van Liefland setzt sich mit obsoleten Medien auseinander, zwar nicht mit der analogen Fotografie, aber mit VHS-Videokassetten. Ungleich kĂŒrzer als die des Rollfilms war die Epoche der in Plastik eingefassten MagnetbĂ€nder, die zum Speichern und Abspielen einer ganzen Ära Popmedienkultur dienten. Nicht minder faszinierend wirkt das Medium retrospektiv. Van Liefland nutzt es als Baustein und schafft damit mediennostalgische Kapellen. „Video Palaces" nenner er sie, eine dieser Installationen mit dem Titel „Video Palace #36 -- Shadow Hunter (Archive I)" ist gerade in der SCHIRN zu sehen.

Aus NostalgiegrĂŒnden habe er sich nicht dafĂŒr entschieden, mit Videokassetten zu arbeiten, sagt der 1966 im niederlĂ€ndischen Utrecht geborene KĂŒnstler. Die heute so omniprĂ€sente Mediennostalgie habe es Anfang der 2000er Jahre, als er seine ersten „Video Palaces" entwarf, ohnehin noch nicht gegeben. Den ersten installierte er in einer alten Garage Berlin Mitte. Die Arbeit war noch als richtige Videothek konzipiert, in der Leute Filme ausleihen konnten. Auf dem Boden flogen Bierdosen, Pappteller und Klopapierrollen umher, auf staubigen Regalen prĂ€sentierte er Videokassetten, in einer Ecke blinkte eine Leuchtreklame mit dem Schriftzug „Erotic Video". Es sei schon klar gewesen, dass die Videokassette aussterben wĂŒrde. Sie in Kunstwerken umzunutzen habe er aber eher als widerspenstige Geste verstanden, sagt van Liefland.

Damals interessierten den KĂŒnstler noch vor allem die Filme. Er produzierte auch selbst Videos und trat darin auf. „Ein Medium wird ein Teil von dir, es hinterlĂ€sst eine Art Abdruck,“ sagt er. Bei Video habe er das besonders intensiv erlebt. Er lag damals stundenlang auf der Couch und schaute Filme aller möglichen Genres zur Zerstreuung, zum Beispiel trashige Remakes aus dem Hollywood-Mainstream. In Berlin habe es viele LĂ€den gegeben, in denen man Secondhand-Filme kaufen konnte, erinnert er sich, das sei billiger gewesen als sie auszuleihen. Er fing an, Videokassetten zu horten. AllmĂ€hlich verschob sich sein Interesse dann von den Inhalten des Mediums hin zum Material.

Ähnlich wie ein ArchĂ€ologe grĂ€bt und sammelt van Liefland, seine GrabungsstĂ€tten heißen Flohmarkt oder Internet

Ein bisschen sieht es in van Lieflands Studio aus wie im Labor fĂŒr antiquierte Videosysteme im Karlsruher ZKM. Dort werden alte AbspielgerĂ€te gesammelt und Videokunstarbeiten restauriert. Im April prĂ€sentierte van Liefland bei der Kunstmesse Art Cologne den „Video Palace #38 – The revolutionary potential of the outmoded (Storage I)“. Jetzt steht er komplett aufgebaut hier. Es ist eine ganze Wand mit Regalen, in denen sich Videokassetten stapeln, außerdem klobige Röhrenfernseher, Videorecorder und Bedienungsanleitungen. In der Mitte steht ein Tisch mit Heimwerkerutensilien. Als Inspiration fĂŒr diesen Arbeitsplatz machte er eine Stichwortsuche bei Google und nutzte die gefundenen Bilder als Vorlage. Eine mit Totenkopfstickern beklebte Vitrine, in der wohl jemand mal CDs oder Videokassetten aufbewahrte, hat der KĂŒnstler auch in die Installation integriert.

Von MedienarchĂ€ologie spricht van Liefland in Zusammenhang mit seiner Kunst nicht gerne, auch wenn dieser Begriff oft in Besprechungen seiner Werke auftaucht. Ähnlich wie ein ArchĂ€ologe grĂ€bt und sammelt er. Seine GrabungsstĂ€tten heißen Flohmarkt oder Internet, manchmal kauft er auch die BestĂ€nde alter Videotheken auf. Außerhalb seines Studios hat er noch zwei Lager gefĂŒllt. Anders als ein ArchĂ€ologe nutzt er die gefundenen SchĂ€tze assoziativ und kombiniert sie frei zu Installationen. Dabei ergeben sich ganz unterschiedliche ZugĂ€nge zu seinem Thema. In der begehbaren Installation, die jetzt in der SCHIRN zu sehen ist, hat man das GefĂŒhl, sich in einer Zeitkapsel zu befinden. Deckenhoch hat van Liefland Videokassetten gestapelt und zu einem klaustrophobisch anmutenden Raum verdichtet. Die auf den RĂŒcken der Kassetten gedruckten oder von Hand darauf geschriebenen Titel populĂ€rer, oft lĂ€ngst in Vergessenheit geratener Filme fĂŒgen sich zu zufĂ€lligen Trash-Gedichten zusammen. Es ist ein Archiv der langen NĂ€chte im Heimkino, des Aufstiegs und Niedergangs der Videothekenkultur, der Verheißungen der Unterhaltungsindustrie.

Zwar handle es sich in gewisser Weise um ein Archiv, entgegnet van Liefland, aber eben um ein subjektives, das vor allem einer skulpturalen Ordnung folge. Die Neuinterpretation obsoleter Medien hat der KĂŒnstler zum Prinzip gemacht. Auch die ĂŒber RGB-KanĂ€le ausgegebenen analogen Farbsignale haben es ihm angetan. Die im Röhrenfernseher bei genauerem Hinsehen zu erkennenden LĂ€ngsstreifen hat er in rot, grĂŒn und blau am Computer imitiert und sie auf Fotopapier ausgedruckt, als nĂ€chstes will er sie per Siebdruck auf Leinwand bringen. Auf dem Tisch liegt der Bronzeabguss eines alten Mobiltelefons, es ist zum Medienfossil erstarrt. Am Ende fantasieren wir, was echte ArchĂ€ologen wohl in ein paar tausend Jahren denken wĂŒrden, wenn sie bei Grabungen auf die Überreste dieses Studios stießen.