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Draschan Loves You

21.06.2016

6 min Lesezeit

Autor*in:
Markus Wölfelschneider
Der österreichische KĂŒnstler Thomas Draschan wurde mit Found-Footage-Filmen bekannt. Im Kunstverein Familie Montez zeigt er nun vor allem großflĂ€chige Collagen.

Manchmal kommt Thomas Draschan mit zwei Sporttaschen voller Fotos vom Flohmarkt oder aus einem Antiquariat nach Hause. „Davon scanne ich dann ungefĂ€hr die HĂ€lfte in mein digitales Bildarchiv“, erzĂ€hlt er. „Viele Bilder sammele ich ganz einfach, weil sie mich anrĂŒhren und ich sie vor der VergĂ€nglichkeit retten möchte. Rund ein Prozent des Ausgangsmaterials benutze ich spĂ€ter fĂŒr meine Collagen. Jedes einzelne Motiv, das es in mein Archiv geschafft hat, besitzt fĂŒr mich einen Wert an sich – unabhĂ€ngig von der Rolle, die es spĂ€ter in meiner Kunst spielt."

Der KĂŒnstler Thomas Draschan vor seiner Arbeit, Foto: Markus Wölfelschneider, 2016

In den Neunzigerjahren studierte der gebĂŒrtige Österreicher an der StĂ€delschule bei Peter Kubelka und Ken Jacobs. Bekannt wurde er mit sogenannten Found-Footage-Filmen, deren Kompositionsprinzip er spĂ€ter auch auf großflĂ€chige Collagen ĂŒbertrug: Schnell hintereinander geschnittene Filmschnipsel (bei den Collagen ist es dagegen ein dichtes nebeneinander von Fotomotiven) aus gefundenem Material, das in einen völlig neuen, oft atemberaubenden, Zusammenhang gebracht wird. FĂŒr „Metropolen der Leidenschaft“ heimste Draschan 2001 den Hessischen Filmpreis ein. Musikfans kennen vielleicht seinen Videoclip zur Single „Turn“ der Band New Order, fĂŒr die er ein wunderbar anmutiges Spiel aus Blicken und Gesten montierte.

Picasso im Bademantel

Der Kunstverein Familie Montez unter der Frankfurter HonsellbrĂŒcke zeigt seit 17. Juni die Ausstellung „Draschan Loves You“, die einen tollen Überblick ĂŒber das vielseitige Werk des KĂŒnstlers bietet. Draschans frĂŒhste Collagen sind rund zehn Jahre alt. „Sie wurden vom Partykellerambiente der Siebzigerjahre inspiriert. Aber auch ein bisschen von Sammelleidenschaft meiner Tante Rosi. Sie arbeitete im BĂŒro einer Versicherung. Dort gehörte es zu ihren Aufgaben, Postkarten an die Wand zu pinnen, die ihr Mitarbeiter von Reisen aus aller Welt schickten. Diese Fotowand hat meine BildĂ€sthetik stark geprĂ€gt,“ erzĂ€hlt Draschan und lacht. Auf zehn Kartonpappen hat er Papierschnipsel aus Zeitschriften, Postern oder anderem ZivilisationsmĂŒll geklebt und zu einem ausufernden Geflecht anwachsen lassen. Zwischen Retro-Pornos, floraler Hasch-Ästhetik und Comicstrips prangt dann zum Beispiel ein Foto vom alten Picasso im orangenen Bademantel.

Thomas Draschan, Departure Fenster, Copyright the artist

Die mit Abstand grĂ¶ĂŸte Collage der Ausstellung ist mit einer FlĂ€che von 5,40 auf 11 Metern so riesig, dass sie mangels geeigneter RĂ€umlichkeiten schon lange nicht mehr gezeigt werden konnte. Es handelt es sich um eine Auftragsarbeit anlĂ€sslich des österreichischen Nationalfeiertags, der am 26. Oktober 2011 in der Wiener Hofburg begangen wurde – dem Sitz des BundesprĂ€sidenten. „Ich wollte mich natĂŒrlich nicht anbiedern, aber bei Kunst im öffentlichen Raum lege ich schon Wert darauf, niemanden zu verstören, indem ich ihn mit meinen Horrorvisionen, Kindheitstraumata oder Sexphantasien konfrontiere,“ erklĂ€rt Draschan mit Blick auf jene bedruckte LKW-Plane, auf der unzĂ€hlige Fotos zu einem riesigen Wimmelbild zusammengesetzt wurden.

Hier und da niedliche Alpentiere

Das Ergebnis ist eine Art nostalgisches Heile-Welt-Österreich: ein Hochzeitspaar schwebt mit der Seilbahn himmelwĂ€rts, eine Trachtenkapelle posiert in einem Gebirgsbach, ein StaatsopernsĂ€nger tritt mit verzĂŒcktem Blick hinter einem Wasserfall hervor. Hier und da sieht man niedliche Alpentiere. „NatĂŒrlich habe ich hier einige Klischees auf die Spitze getrieben, aber ohne sie dabei zu brechen oder ins LĂ€cherliche zu ziehen“, sagt Draschan. Die unschuldige Idylle auf seinem Bild ist dennoch bedroht: „Sollte der Rechtspopulist Norbert Hofer tatsĂ€chlich Österreichs nĂ€chster BundesprĂ€sident werden und in die Hofburg einziehen, zerstöre ich das Werk mit schwarzem Lack“, sagt Draschan, der sich nebenbei im Bezirksrat des Wiener Stadtteils Margareten fĂŒr grĂŒne Politik engagiert.

Thomas Draschan, Hofburg Collage, Copyright the artist
Thomas Draschan, Überwachen und Strafen III, Copyright the artist

Vergleichsweise unheimlich und verstörend wirkt jene Schwarz-Weiß-Collage, in deren Mittelpunkt zwei Kinder stehen, die einer leichtbekleideten Frau mit Bart begegnen. Die Szene spielt sich in der Mitte eines exotischen Zeltes ab, an dessen AußenwĂ€nden es logenartige Öffnungen gibt, aus denen die unterschiedlichsten Figuren herausgucken: ein Pharao ohne Auge, eine lockende Eva mit Apfel in der Hand zum Beispiel. „Mich faszinieren Blickachsen in der Kunstgeschichte, etwa in der niederlĂ€ndischen Malerei“, sagt Thomas Draschan. „Es geht immer um die Frage, wer guckt wen an und warum. Die Blicke erzĂ€hlen eine Geschichte, die etwas ĂŒber die Beziehung der Figuren zueinander verrĂ€t.“

Wilde Tiere und Bikini-Schönheiten

Die dreiteilige Serie „Überwachen und Strafen“ zeigt vermeintliche heile retrofuturistische Bilderwelten, in die sich Vertreter bedrohlicher MĂ€chte einschleichen, die man erst bei nĂ€herem Hingucken bemerkt: Ein Agent, der sich hinter Hut und Zeitung verbirgt, eine Frau mit Schnellfeuerwaffe im Anschlag, eine am Bildrand einschwebende Drohne. Die NSA lĂ€sst grĂŒĂŸen. „Ich bin niemand, der die aktuelle Politik aufgreift und eins zu eins in Kunst ĂŒbersetzt“, kommentiert Draschan. „Trotzdem fließen gewisse Themen ganz zwanglos in meine Werke ein.“

Thomas Draschan, Weltkunst 3, Copyright the artist

Mit urbanen Utopien beschĂ€ftigt sich Draschan, der mittlerweile regelmĂ€ĂŸig zwischen seinen beiden Wohnorten Wien und Berlin hin und her pendelt, in seiner Collagereihe „Utopia“. Scheue, wilde Tiere, antike Statuen und Bikini-Schönheiten bevölkern die StĂ€dte. HochhĂ€user werden von Meerwasser umspĂŒlt, die Menschen bewegen sich durch die Landschaft wie durch einen stilvollen Freizeitpark. „Unsere StĂ€dte könnten Paradiese sein, wenn man die technischen und finanziellen Möglichkeiten richtig nutzt“, sagt Thomas Draschan. „Mitten auf der Zeil könnte zum Beispiel ein riesiger Swimmingpool stehen. Stattdessen stellt man GlaspalĂ€ste und ParkplĂ€tze in unsere InnenstĂ€dte, produziert LĂ€rm und schlechte Luft“.

Langzeitstudie auf dem Friedhof

Immer wieder begegnet man auf Draschans Bildern wilden Tieren, Pin-up-Girls und Phallussymbolen. „Ich bin jemand, der gerne mal das Repertoire von Symbolismus und Surrealismus upcycelt“, bekennt er. Neben Bildern auf Acryl, Leinwand und BĂŒttenpapier gibt es in der Ausstellung auch Collagen, bei denen Draschan die Umrisse der einzelnen Fotomotive in einem aufwendigen Prozess durch Flicken aus Anzugsstoff ersetzt hat.

Auch einige neuere Architekturfilme gehören zur Ausstellung. Zum Beispiel eine auf drei Minuten Film kondensierte Langzeitstudie ĂŒber die Restaurierung von Grabsteinen auf einem jĂŒdischen Friedhof in Wien. „Dort setze ich mich mit modernen Mitteln mit dem Hier und Heute auseinander“, sagt Draschan. „Das ist mir auch wichtig. Ich will mich schließlich nicht nur in Archivmaterial verlieren.“

Thomas Draschan, Departure Fenster, Copyright the artist