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Roni Horn aka Roni Horn

16.12.2013

4 min Lesezeit

Autor*in:
Sabine Weier
Roni Horn
In der Rotunde der SCHIRN und in Frankfurts Straßen sind jetzt PortrĂ€tstudien der US-amerikanischen KĂŒnstlerin Roni Horn zu sehen. Ihre Arbeiten drehen sich um Fragen der IdentitĂ€t.

Menschenströme, hupende Taxis, blinkende Werbetafeln, Gesichter ĂŒber Gesichter: Das ist Roni Horns Alltag in New York, wo sie geboren wurde, lebt und arbeitet. Rauschende WasserfĂ€lle, heiße Quellen, mit Moos bedeckter Boden, Vögel ĂŒber Vögel: Auch das ist Horns Alltag, denn seit sie 1975 das erste Mal in Island war, kehrt sie jedes Jahr zurĂŒck, um auch dort zu leben und zu arbeiten.

Die Werke der 1955 geborenen KĂŒnstlerin entstehen zwischen Extremen. Vielleicht drehen sie sich deswegen meist um Existenzielles, um Fragen zu IdentitĂ€t, um Selbst- und Fremdwahrnehmung. In minimalistischen Skulpturen, abstrakten Zeichnungen, assoziativen Sprachspielen, konzeptuellen KĂŒnstlerbĂŒchern und fotografischen PortrĂ€tserien unternimmt Horn kĂŒnstlerische Studien. Jedem Medium lĂ€sst sie Raum, sich seiner Natur entsprechend zu entfalten.

Mit der 2005 entstandenen und fĂŒr die PrĂ€sentation der SCHIRN erweiterten Arbeit „Portrait of an Image (with Isabelle Huppert)" dringt sie erstmals in den öffentlichen Raum. Die 100 Bilder der PortrĂ€tserie sind in der Rotunde der SCHIRN ausgestellt, eine Auswahl ist auf Frankfurts Straßen und in Bahnhöfen weiterer StĂ€dte zu sehen, dort, wo sonst Werbeplakate hĂ€ngen. Von allen Bildern aus blickt die französische Schauspielerin Isabelle Huppert den Betrachter an. Sie mimt das Repertoire an Theater- und Filmrollen, die sie in ihrer Karriere verkörpert hat. Ihre medial inszenierten IdentitĂ€ten werden re-inszeniert, variiert, vervielfĂ€ltigt, das Bild „Isabelle Huppert" verschwimmt. Wer ist das, Isabelle Huppert?

In Horns New Yorker Galerie Hauser & Wirth sind gerade neue Arbeiten zu sehen. „Untitled (‚My name is Mary Katherine Blackwood. I am eighteen years old, and I live with my sister Constance. I have often thought that with any luck at all I could have been born a werewolf, because the two middle fingers on both my hands are the same length, but I have had to be content with what I had. I dislike washing myself, and dogs, and noise. I like my sister Constance, and Richard Plantagenet, and Amanita phalloides, the deathcup mushroom. Everyone else in my family is dead.')" lautet der Titel einer Skulptur, die aus einigen im Raum verteilten Glaszylindern in unterschiedlichen GrĂŒntönen besteht. Es ist ein Zitat aus einem Roman. Der Spagat könnte kaum grĂ¶ĂŸer sein: eine abstrakte Raumvermessung auf der einen Seite, eine dezidierte literarische Charakterstudie auf der anderen, und dazwischen entsteht eine FlĂ€che, auf die der Betrachter (und Leser) seine Vorstellung einer Figur projizieren kann. Wer ist das, Katherine Blackwood?

Alles ist im Fluss. Wer sich einlĂ€sst auf das Hin-und-Her-Schaukeln in diesen konzeptuellen Strömen, wird belohnt. Und tatsĂ€chlich: Wasser taucht in Horns Arbeiten immer wieder auf, es ist Metapher und Sujet, etwa in ihrem Bilder-Zyklus „Some Thames". Er besteht aus mehreren Aufnahmen der OberflĂ€che der Themse, zu sehen sind immer neue Konstellationen von Wirbeln und Schatten. Es ist eine Meditation auf die verbindende Kraft des Wassers, auf unzĂ€hlige Variationen im immer Gleichen. FĂŒr die PrĂ€sentation in der Londoner Tate hat sie die Arbeit um Fragmente von Geschichten erweitert, dafĂŒr recherchierte sie in Polizeiakten nach in der Themse gefundenen Leichen. Ihre IdentitĂ€ten bleiben ganz im Verborgenen.

Eine ihrer bekanntesten Arbeiten ist „You are the Weather“, ebenfalls als Serie angelegte PortrĂ€tstudien. Zu sehen ist das Gesicht der islĂ€ndischen KĂŒnstlerin MargrĂ©t HaraldsdĂłttir Blöndal, deren Name im Titel aber nicht erwĂ€hnt wird. Sie steigt gerade aus einer heißen Quelle, wird gleichsam daraus geboren, eine Analogie zur griechischen Aphrodite (und römischen Venus), die bei ihrer Geburt aus dem Meeresschaum stieg und zur Göttin der Liebe und Begierde wurde. Die Aufnahmen sind kurz nacheinander entstanden, Mimik und Bildausschnitt weichen wie in der Reihe mit Isabelle Huppert nur leicht voneinander ab.

Wer ist diese Aphrodite? Was passiert mit IdentitĂ€ten zwischen medialer Vermittlung und Wiederholung? „Roni Horn aka Roni Horn" lautete der Titel einer großen Retrospektive zu Horns ƒuvre vor einigen Jahren. Wer ist das, Roni Horn? Kunst muss Fragen nicht beantworten, wohl aber welche stellen.