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Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde

14.06.2016

4 min Lesezeit

RevolutionĂ€r, explosiv und populĂ€r: Die SCHIRN prĂ€sentiert Comic-Pioniere des frĂŒhen 20. Jahrhunderts.

SpektakulĂ€r, groß und in Farbe, eroberte der Comic ab 1897 sein Publikum. BĂŒrgertum, Arbeiterklasse und ein Heer von Einwanderern waren gleichermaßen fasziniert von den unbekannten Seherfahrungen, die ihnen in den US-amerikanischen Tageszeitungen begegneten. Die SCHIRN prĂ€sentiert vom 23. Juni bis 18. September 2016 die erste umfassende Themenausstellung zu den „Pionieren des Comic“, die experimentierfreudig und progressiv die kĂŒnstlerischen und inhaltlichen MaßstĂ€be des frĂŒhen Comics setzten.

Frank King, Gasoline Alley, daily strip, February 14, 1942, india ink on lineboard, private collection, © Estate of Frank King

Die Ausstellung stellt sechs fĂŒr die Kulturgeschichte des Comics herausragende, vornehmlich US-amerikanische Zeichner vor: Winsor McCay, Lyonel Feininger, Charles Forbell, Cliff Sterrett, George Herriman und Frank King. Unvergessen sind Herrimans absurder Humor in Krazy Kat (ab 1913), die surrealistischen und expressionistischen Bildwelten von McCay (ab 1904) und Sterrett (ab 1912), Feiningers Comic-Serien fĂŒr die Chicago Tribune (1906/07) oder der ĂŒber drei Jahrzehnte in Echtzeit erzĂ€hlte Comic Gasoline Alley von King (ab 1921). Mit Forbells Gesamtkunstwerk Naughty Pete (1913) kann in der Schirn außerdem ein vergessener Zeichner wiederentdeckt werden.

TĂ€glich ein Millionenpublikum

Die Verbreitung des Comics im frĂŒhen 20. Jahrhundert basierte auf dem kometenhaften Aufstieg der Zeitung. Immer leistungsstĂ€rkere Druckmaschinen und der sinkende Papierpreis machten sie finanziell erschwinglich. Dies fĂŒhrte zu einer Explosion und Demokratisierung der Bilder und schuf mit den darin enthaltenen Comic-Beilagen das erste Bildmassenmedium der Geschichte. Ein einziges New Yorker Verlagshaus konnte mit nur einer Zeitungsausgabe tĂ€glich ein Millionenpublikum erreichen. Um sich von der Konkurrenz abzusetzen, legten findige Verleger wie zuerst Joseph Pulitzer (1847–1911) den Sonntagszeitungen Magazin-Supplements bei, darunter auch solche mit Comics – groß und in Farbe gedruckt.

Frank King, Gasoline Alley, Boston Herald, November 2, 1930, private collection

Zusammen mit den Ein-Zeilen-Streifen in den Werktagsausgaben bildeten diese Comic-Strips die Königsdisziplin, der erst in den spĂ€ten 1930er-Jahren das heute gelĂ€ufige Comic-Book (Comic-Heft) folgte. Im hart umkĂ€mpften Zeitungsmarkt bedeutete Comic Macht. Der Wachstum oder Niedergang einer Zeitung entschied sich nicht mit der QualitĂ€t der Leitartikel, den Wirtschaftsnachrichten oder dem Sportteil, sondern mit der PopularitĂ€t ihrer Comic-Strips. So wurde der legendĂ€re Zeitungskrieg von 1895 bis 1898 zwischen Pulitzer und William Randolph Hearst (1863–1951) ĂŒber die Comic-Beilagen ausgetragen. Der frisch aus San Francisco nach New York gekommene Verleger Hearst warb Pulitzer 1891 etwa dessen gesamten Zeichnerstab ab, um sein eigenes Zeitungsimperium zu stĂ€rken.

Wechselwirkungen zwischen Comic und bildender Kunst

Die Ausstellung „Pioniere des Comic“ zeigt ca. 230 seltene Comic-Seiten von 1905 bis in die 1940er-Jahre, darunter viele sehr seltene Originalzeichnungen der Comic-KĂŒnstler, von denen die Mehrzahl in der SCHIRN erstmals öffentlich zu sehen ist. Auch Wechselwirkungen zwischen Comic-Werken und Entwicklungen der bildenden Kunst jener Zeit werden deutlich. Von den ehemals Millionen Comic-Seiten der Pionierjahre sind heute nur noch wenige Exemplare erhalten. Engagierte Privatsammler erkannten rechtzeitig – entgegen der öffentlichen Meinung – die kĂŒnstlerische Wertigkeit.

Winsor McCay, Little Nemo in Slumberland, The New York Herald, September 23, 1906, private collection

Dr. Alexander Braun, Kurator der Ausstellung: „Die in der Schirn gezeigten 100 Jahre alten Zeitungsseiten verströmen noch heute den energetischen Atem einer Epoche des Aufbruchs, der ZukunftsglĂ€ubigkeit, Technikbegeisterung und des kometenhaften Aufstiegs des ersten wirklichen Massenmediums: der Zeitung. Der fruchtbare Konkurrenzkampf des Zeitungsmarktes beförderte gleichermaßen den Erfindungsreichtum der Comic-Zeichner der Anfangsjahre. Die sechs in der SCHIRN prĂ€sentierten KĂŒnstler loten jeder fĂŒr sich die Möglichkeiten der jungen Gattung aus und prĂ€gen diese bis heute.“

Die Schirn prĂ€sentiert in „Pioniere des Comic“ mit sechs exemplarischen Zeichnern die FrĂŒhphase des Comics. In der Ausstellung ist jedem ein eigener Raum gewidmet.

Zur Ausstellung erscheint ein grundlegender wissenschaftlicher Katalog.

George Herriman Krazy Kat, detail, from 1913, private collection