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Nicht die anderen sind die Voyeure, wir sind es

15.06.2020

6 min Lesezeit

Entgleiste Family-Dinner und Geburtsszenen: Richard Jacksons „Rooms“ machen uns zu Voyeuren. Die Vorlage dazu kommt von keinem Geringeren als dem BegrĂŒnder der Konzeptkunst, Marcel Duchamp.

Marcel Duchamps (1887-1968) letztes großes Werk sorgte in der Kunstszene fĂŒr viele Diskussionen. Der KĂŒnstler hatte eigentlich verkĂŒndet mit der Kunst aufgehört zu haben und nur noch Schach zu spielen. Doch insgeheim arbeitete er 20 Jahre lang an seinem letzten Coup: „Étant DonnĂ©s: 1. la chute d‘eau 2. le gaz d’eclairage“ („Gegeben sei: 1. Der Wasserfall 2: Das Leuchtgas“). Duchamp veranlasste eine posthume Veröffentlichung, wonach „Étant DonnĂ©s“ 1969 dem Philadelphia Museum of Art ĂŒberfĂŒhrt wurde und sich seitdem dort befindet.

Die Mixed-Media-Assemblage besteht aus einer von Ziegelsteinen umrahmten, menschenhohen verwitterten HolztĂŒr und einem dahinterliegenden Schaukasten. Zwei zusĂ€tzliche Querbalken verdeutlichen, dass die TĂŒr unter keinen UmstĂ€nden geöffnet werden kann. Lediglich zwei kleine Gucklöcher ermöglichen einen (visuellen) Zugang zur dahinter liegenden Szene: Ein durchbrochenes Mauerwerk wird sichtbar, das wiederum den Blick auf eine Landschaftsszene freigibt, in deren Mittelpunkt sich ein weiblicher Akt mit gespreizten Beinen befindet. Der scheinbar kopflose Körper liegt mit ausgestreckten Armen und Beinen auf einem Bett aus Reisig und BlĂ€ttern. Der linke Arm hĂ€lt eine Gaslampe in die Höhe, die den Blick weiter in eine bewaldete Landschaft mit einem Fluss und einem fließenden, erleuchteten Wasserfall im Hintergrund lenkt. Dabei handelt es sich um ein fotografisch manipuliertes Wandbild von Sur le Moulin in der Schweiz.

Marcel Duchamp hinterließ genaue Anweisungen

Durch die erschwerte Sicht wird das Hinschauen intensiviert und aufgrund der buchstĂ€blich eingemauerten Perspektive zum aktiven Vorgang. Das Werk erzwingt nahezu den voyeuristischen Blick auf die gespreizten Beine des weiblichen Akts und ihren Schambereich gelenkt. Es entsteht eine einschĂŒchternde NĂ€he zu dem Gesehenen. Marcel Duchamp hat sein eigenes Kunstsystem geschaffen, indem er die Rezeption streng kontrollierte. FĂŒr „Étant DonnĂ©s“ legte er nicht nur den Zeitpunkt seiner Veröffentlichung fest, er hinterließ auch sehr genaue Anweisungen zur Ausstellung des Werks. Neben der Festlegung des Ausstellungsortes und -raums, verfasste er das „Manual of Instructions for the Assembly of Étant DonnĂ©s“. 

Marcel Duchamp Etant donnĂ©s 1946–66, Virtual Reproduction 2004
Courtesy Philadelphia Museum of Art © Succession Marcel Duchamp / ADAGP, Paris and DACS, London 2008, Image via www.tate.org.uk

Marcel Duchamp, Interior view of Etant donnés: 1° la chute d'eau / 2° le gaz d'éclairage (Given: 1. The Waterfall /2. The Illuminating Gas), 1946-1966 © 2000 Succession Marcel Duchamp ARS, N.Y./ADAGP, Paris, Image via  www.researchgate.net

Dieses Handbuch beinhaltet eine Ansammlung von werkbezogenen Zeichnungen, Fotografien, KonstruktionsplĂ€nen und Notizen. Die zweite und endgültige Fassung dieser Schrift wurde 1966 ausschließlich für den Aufbau des Werks veröffentlicht. Diese birgt eine 15-stufige Anweisung zum Auf- und Abbau sowie für den Transport von Étant DonnĂ©s. Das Handbuch fungiert somit als Anleitung für den Umgang mit dem Werk und schmĂ€lert gleichzeitig die kuratorischen Freiheiten.

Richard Jackson tritt in Duchamps Fußstapfen

Knapp 40 Jahre nach der Veröffentlichung von „Étant DonnĂ©s“ ist Duchamps Manual Ausgangspunkt fĂŒr einen von Richard Jacksons „Rooms“. Der kalifornische KĂŒnstler ist bekannt fĂŒr seine erweiterte Malerei, die bei der er die Grenzen der Leinwand ĂŒberschreitet und den Pinselduktus durch maschinelle Produktion ersetzt. Damit tritt er in gewisser Weise in Duchamps Fußstapfen, indem er die vorherrschenden Konventionen und Entstehungsprozesse von Kunstwerken untergrĂ€bt. Wichtig ist dabei immer das SpannungsverhĂ€ltnis zwischen dem Gezeigten und der Art der Betrachtung.

Marcel Duchamp, Étant DonnĂ©s: 1° la chute d‘eau, 2° le gaz d‘eclairage...(Konstruktion, Hauptansicht von der RĂŒckseite), 1946-66, Philadelphia Museum of Art, Image via hugues-absil.com

FĂŒr sein Werk „The Maid’s Room“ schuf Jackson eine in Format und Inhalt fast identische Anleitung, das „Manual for Instructions for ‚The Maid's Room‘“. Jackson stellt einen klaren Bezug zwischen Duchamp und seiner eigenen Kunstproduktion her: „I realized just how smart [Duchamp] was, the illusion, and the intelligent choices that he made. Anything that you can’t see through the hole doesn’t exist; which is pretty nice because you have to imagine it. What that piece does is what I’d like my paintings to do. They’re all finished, nobody saw how you did them, so they have to imagine what the process was.“

In „The Maid’s Room“ befördert Jackson „Étant DonnĂ©s“ in eine andere Zeit. Alle Elemente bleiben gegeben, doch er ĂŒbersetzt sie in eine hĂ€usliche Umgebung. Duchamps Waldszene wandert in den Innenraum, in das „DienstmĂ€dchenzimmer“: Der Frauenkörper aus glĂ€nzendem Plastik erscheint unverwechselbar kĂŒnstlich, die Gaslampe wird zum Farbspritzenden Staubsaugerrohr, der Wasserfall zum fließenden Wasserhahn und die Fotomontage zur Fototapete. Die Frau liegt mit gespreizten Beinen auf einem Bett, in ihrer Hand ein Phallussysmbol und nur ein Fensterspalt mit locker zugezogenen Gardinen erlaubt die Sicht von außen auf die höchst private Szene.

Anything that you can’t see through the hole doesn’t exist; [...] you have to imagine it.

Richard Jackson
Richard jackson, Installationsansicht, The Maid's Room © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Marc Krause

Duchamp und Jackson heben die konventionelle Trennung zwischen Kunstwerk und Real-Raum auf, indem sie den Wahrnehmungsprozess aktivieren. Die Betrachterinnen und Betrachter blicken auf die dreidimensionale Darstellung einer befremdlichen Szenerie, mit ihren Werken erzwingen die KĂŒnstler geradezu einen voyeuristischen und damit unvermeidlich tabuisierten Blick. Jacksons „Room“ jedoch geht noch ein StĂŒck weiter, indem er den intimen Einblick in den sonst vor fremden Blicken geschĂŒtzten, privaten Innenraum gewĂ€hrt. Das buchstĂ€bliche Hin-Sehen wird in das Werk mit eingeschlossen, die Handlung der Betrachterinnen und Betrachter vollstĂ€ndig dominiert. Hinsehen heißt mitmachen, man wird unweigerlich zum Komplizen der intimen Szene. Die Konsequenz? Die Verant­wor­tung des Gese­he­nen wird auf die Betrach­terinnen und Betrachter ĂŒbe­rtr­agen. Nicht die anderen sind die Voyeure, wir sind es.

Richard jackson, Installationsansicht, The Maid's Room © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Marc Krause

RICHARD JACKSON

UNEXPECTED UNEXPLAINED UNACCEPTED

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