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Emigration ins Bild

02.08.2017

5 min Lesezeit

Von den Nazis aus der Dresdner Akademie vertrieben, flĂŒchtete Otto Dix mit seiner Familie in die Idylle des Bodensees. Sein Wohnhaus dort ist heute ein wunderbares Museum. Dix Arbeiten sind im Herbst in Frankfurt zu sehen.

Der Blick geht weit. Über ein paar HĂ€userdĂ€cher, ĂŒber alte BĂ€ume, ĂŒber den Untersee, auf dem einige kleine Segelboote schippern, bis hinĂŒber auf die Schweizer Seite. Was fĂŒr ein Idyll, was fĂŒr eine sanfte, wie dahingemalte Landschaft. Auch Otto Dix wusste, wie einzigartig diese Gegend ist, doch es machte ihn nicht glĂŒcklich. „Ein schönes Paradies, zum Kotzen schön“: So beschrieb der KĂŒnstler sein Exil am Bodensee. 1933 hatte er – als einer der ersten – seine Professur an der Dresdner Akademie verloren. Den Nazis war der Maler der Neuen Sachlichkeit, der die Schattenseiten der Weimarer Republik in seinen Werken dokumentierte, mehr als ein Dorn im Auge. Seine Bilder waren wie ein Gegenentwurf zur völkischen Erbauungskunst, die die neuen Machthaber forderten.

SĂŒdansicht des Hauses, Foto: Kunstmuseum Stuttgart, © Kunstmuseum Stuttgart

Mit seiner Frau Martha und den drei Kindern Nelly, Ursus und Jan siedelte Dix in die Bodenseeregion ĂŒber, zunĂ€chst nach Randegg und spĂ€ter, 1936, in ein neugebautes Haus in Hemmenhofen auf der Halbinsel Höri am Untersee. 33 Jahre, bis zu seinem Tod im Jahr 1969, sollte der KĂŒnstler mit seiner Familie hier leben (und auch seinen Frieden mit der Landschaft finden). Heute ist das Haus ein spektakulĂ€res Museum, wunderbar restauriert, ein Ort, der einen hervorragenden Eindruck vom Leben des KĂŒnstlers vermittelt. 

Dokumentarist der Weimarer Republik 

Im Herbst wird Otto Dix in der SCHIRN-Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ eine wichtige Rolle einnehmen. Seine Malereien prĂ€gen bis heute das Bild, das wir uns von der Zwischenkriegszeit machen und erzĂ€hlen kritisch und direkt von der enormen sozialen Not genauso wie vom pulsierenden Leben der Großstadt in der Weimarer Republik. Als Dix nach Hemmenhofen zog, da hatte er einen Großteil dieser Bilder mit dabei. Das „Bildnis der TĂ€nzerin Anita Berber“, das Triptychon „Großstadt“, der „Triumph des Todes“: All diese lĂ€ngst weltberĂŒhmten GemĂ€lde hingen damals an den WĂ€nden des schlicht-modernen Landhauses am Bodensee. Entworfen hatte es der Dresdner Architekt Arno Schleicher, erbaut wurde es in nur wenigen Monaten.

Eingangsbereich des Museum Haus Dix, Foto: die arge lola, © Kunstmuseum Stuttgart
Die Familie Dix auf dem Balkon ihres Hauses, © Jan und Andrea Dix, Öhningen
Ehemaliges Atelier von Otto Dix, Foto: die arge lola, © Kunstmuseum Stuttgart

Auch heute kann man diese Bilder dort noch entdecken – nicht als Originale, sondern als Schattenrisse in grauen Farbtönen. Weil die Ausstellung in seinem Wohnhaus so genau wie nur möglich davon erzĂ€hlen will, wie die Familie Dix dort lebte, wurde die Einrichtung möglichst originalgetreu inszeniert. Die Skizzen der Bilder sind heute dort angebracht, wo sie hingen, als der KĂŒnstler hier einzog. Das Haus selbst gehörte allerdings gar nicht ihm, sondern allein seiner Frau Martha. Sie stammte, anders als der Maler, aus einer wohlhabenden Familie.

Die NĂ€he zur neutralen Schweiz

Das GrundstĂŒck hatte ihnen Walter Kaesbach, der frĂŒhere Direktor der DĂŒsseldorfer Kunstakademie, vermittelt. Auch er war von den Nazis entmachtet worden und nach Hemmenhofen gezogen. Wahrscheinlich spielte die NĂ€he zur neutralen Schweiz – gerade einmal zehn Kilometer sind es in die Grenzstadt Stein am Rhein – bei der Entscheidung, auf die Halbinsel Höri zu ziehen, fĂŒr die KĂŒnstler eine wichtige Rolle. Einen Beleg dafĂŒr gibt es jedoch nicht.

Esszimmer mit Abdruckbild von Otto Dix (Triumph des Todes, 1934), Foto: die arge lola, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Der Rundgang durchs Haus gleicht einer Reise in die Vergangenheit. Im Erdgeschoss entdeckt man das Klavier, auf dem Martha regelmĂ€ĂŸig spielte. Daneben die Notenhefte: Bach, Beethoven, Brahms. Und ein altes Grammophon, auf dem Schellackplatten abgespielt wurden. Die Dix-Familie war gesellig: dass Feste gefeiert wurden, dass GĂ€ste zu Besuch kamen, war in Hemmenhofen keine Seltenheit. Über eine ausladende Holztreppe geht es ins erste Geschoss, wo sich das Atelier des KĂŒnstlers befand. Der Raum ist groß, grau, aufgerĂ€umt, in der Mitte eine Staffelei, ein riesiges Fenster lĂ€sst das Licht herein. Dix hatte dieses Fenster zu einem doppelt verglasten, gerĂ€umigen Kasten erweitern lassen. HĂ€ufig spielten seine Kinder darin, wĂ€hrend er selbst im Atelier arbeitete. Wurden sie zu laut, dann schmiss der KĂŒnstler sie raus. 

Landschaftsbilder – das war doch Emigration 

An der Wand hĂ€ngen einige Originale, Blumenbilder in expressivem Stil. Dix hat seinen Malstil wĂ€hrend der Zeit in Hemmenhofen stark verĂ€ndert, hĂ€ufig hat er in der freien Natur gearbeitet. Morgens war er im Atelier, nachmittags draußen. „Ich habe Landschaften gemalt – das war doch Emigration“, erklĂ€rte er spĂ€ter, im GesprĂ€ch mit dem Schriftsteller und Fotograf Hans Kinkel, diesen Bruch. Sein Wandel im Stil sollte auch dafĂŒr verantwortlich sein, dass es Dix nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht wieder gelang, an seine Karriere vor der Nazi-Zeit anzuschließen. Obwohl er 1955 bei der ersten „Documenta“ ausstellte, dauerte es lange, bis die WertschĂ€tzung fĂŒr sein Werk wiederkam.

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Ostansicht des Hauses, Foto: Kunstmuseum Stuttgart, © Kunstmuseum Stuttgart
Musikzimmer mit Abdruckbild von Otto Dix (Großstadt, 1927/28), Foto: die arge lola, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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