Eine BĂŒroetage der Firma Meet/n/Work im zweiten Stock eines Hauses direkt gegenĂŒber dem Nordeingang des Frankfurter Hauptbahnhofs. Normalerweise werden hier RĂ€ume fĂŒr Tagungen und Workshops an Unternehmen vermietet. Digitale Nomaden können an einem der vielen Co-Working-ArbeitsplĂ€tze ihre Laptops einstöpseln.
Die beiden Kuratorinnen Larissa HĂ€gele und Olga Inozemtceva sowie die KĂŒnstler Moritz Grimm, Emilia Neumann und Sonja Yakovleva empfangen uns in einem freundlichen, aber schnörkellosen Projektraum. Auf dem Tisch steht ein einsatzbereiter Videobeamer. Herausfordernd blankgeputzte Whiteboards sĂ€umen die WĂ€nde. Der ganze Raum scheint nach kreativem Input zu schreien.
In der Antike populÀr
Vom 3. bis zum 5. Februar bespielen 14 KĂŒnstler einen GroĂteil der rund 250 Quadratmeter groĂen BĂŒroetage mit Performances, Videoinstallationen, Objekten und Malereien. âItâs a good day to have a good dayâ lautet der Titel der dreitĂ€gigen Pop-Up-Ausstellung. âWenn GeschĂ€ftsleute ihre BĂŒroetagen mit Kunst schmĂŒcken, passiert es manchmal, dass Werke auf ungute Weise aus ihrem ursprĂŒnglichen Kontext gerissen werdenâ, sagt Larissa HĂ€gele. âIm schlimmsten Fall wird Kunst dann zur bloĂen Dekoration herabgewĂŒrdigt. Diesen Fehler wollen wir natĂŒrlich nicht machen. Es ist uns wichtig, dass sich die KĂŒnstler mit den architektonischen Besonderheiten vor Ort auseinandersetzen.â
Die Bildhauerin Emilia Neumann, die an der HfG-Offenbach studierte, hat ein Artefakt aus bunt eingefĂ€rbtem Gips gegossen. Neumanns Objekt ist inspiriert von einer SĂ€ule im dorischen Baustil, der in der griechischen Antike populĂ€r war. Es nimmt Bezug auf zwei fest verbaute SĂ€ulen, die im Foyer des Hauses eine sternförmige Decke tragen. âIch möchte, dass mein Objekt wirkt wie ein Ăberbleibsel aus ferner Zeit, das hier gestrandet istâ, sagt Neumann.
Respektlos und liebevoll zugleich
Ein weiteres Artefakt aus gefĂ€rbtem Beton mit dem Titel âErsatzteilâ stellt die KĂŒnstlerin in einem der TagungsrĂ€ume aus: eine kreisrunde Scheibe, die auf einem Kupfergestell aufliegt. Auf den ersten Blick Ă€hnelt das Objekt einem Beistelltisch. âIch arbeite gerne mit Formen, die dem Betrachter zunĂ€chst vertraut vorkommen und Erinnerungen an AlltagsgegenstĂ€nde wachrufenâ, sagt Neumann. âDer erste Eindruck ist allerdings nicht von langer Dauer und muss im nĂ€chsten Moment schon wieder verworfen werden.â
Die KĂŒnstlerin Sonja Yakovleva zeigt uns einen Flyer, auf dem sie ihren Vater als âOrchideendoktorâ anpreist. âBis vor kurzem wusste ich nicht, dass er einen grĂŒnen Daumen hatâ, erzĂ€hlt Yakovleva auf unnachahmlich lustige Weise - respektlos und liebevoll zugleich: âNormalerweise schaut mein Vater in seiner Freizeit eher den ganzen Tag Fernsehen. Als er mir am Telefon erzĂ€hlte, er bade gerade seine Orchideen, brachte das mein Bild von ihm ins Wanken. Ich versuchte mir vorzustellen, wie er eine Blume vorsichtig wie ein Neugeborenes im lauwarmen Wannenbad wiegt und war erstaunt.â
OhnmÀchtig oder tot
Nach dem Vorbild von TV-FrĂŒhstĂŒckshows, die nie ohne Haushaltstipps oder kuriose Basteleien auskommen, moderiert Yakovleva nun einen Orchideenpflege-Workshop, in dem ihr Vater den Experten gibt. âEs geht mir um die Frage, unter welchen UmstĂ€nden jemand als Fachmann giltâ erklĂ€rt Yakovleva. âDie Pflanzenrettungstipps von meinem Vater sind oft fragwĂŒrdig und stehen in krassem Gegensatz zu jenen RatschlĂ€gen, die man in einschlĂ€gigen Online-Tutorials findet. Dennoch gibt der Erfolg ihm Recht: Seine Blumen gedeihen prĂ€chtigâ.
âIch könnte niemals 40 Stunden pro Woche in einem BĂŒro verbringenâ, gesteht der StĂ€del-Absolvent Moritz Grimm. âDa wĂŒrde ich mich wohl ziemlich ohnmĂ€chtig fĂŒhlenâ. Macht und Ohnmacht sind genau die Themen, mit denen sich Grimm beschĂ€ftigt. Zur Ausstellung steuert er zwei kleinformatige GemĂ€lde bei, die mit Hilfe von Buntstiften, Wachsmalkreide und Edding entstanden. Man sieht die Gesichter zweier Menschen, die dank zurĂŒckgeworfenem Kopf und geschlossenen Lidern auf seltsame Weise der Welt entrĂŒckt scheinen - vielleicht sogar tot sind.
Yoga im Foyer
TatsĂ€chlich hat Grimm fĂŒr eines seiner GemĂ€lde eines jener Ekelbilder zur Vorlage genommen, die als Warnung auf ZigarettenpĂ€ckchen prangen. Gemalt wurde es auf zwei Blatt Kopierpapier, zusammengeklebt mit Tesafilm. âIch wollte das BĂŒrothema aufgreifen, allerding mit so subtilen Mitteln, dass es den Betrachter nicht gleich anspringtâ, sagt Grimm. Sein anderes Bild wurde von einer ParfĂŒmwerbung inspiriert, verrĂ€t er. Das auf Holz gemalte FrauenportrĂ€t trĂ€gt einen Ohrring aus anmontierten BierdosenverschlĂŒssen und Sicherheitsnadeln.
Das Ausstellungsprogramm ist enorm vielseitig: Die KĂŒnstlergruppe BBB_ rollt in der Lobby von Meet/n/Work die Yoga-Matten aus, um eine zweistĂŒndige Performance mit meditativen Sounds zu zelebrieren. Die Videobeamer und Flatscreens in den TagungsrĂ€umen werden von MedienkĂŒnstlern aus dem In-und Ausland in Beschlag genommen â etwa von Christin Berg, Sebastian Thewes oder dem Moskauer Kollektiv EEEFFF. Die Koreanerin Miji Ih stellt Fotos zum Thema âIdentitĂ€tâ aus, Tom KrĂłl zeigt GemĂ€lde. AuĂerdem gibt es Installationen und Objekte von Ivan Murzin, Dennis Siering, Maria Anisimowa und Lars Karl Becker zu sehen.
Geht es nach den PlĂ€nen von Larissa HĂ€gele und Olga Inozemtceva, soll ihre Pop-Up-Ausstellung âItâs a good day to have a good dayâ nur der Auftakt einer Reihe von Ă€hnlichen Business-trifft-Kunst-Veranstaltung an unterschiedlichen Orten sein. ZusĂ€tzlich wollen die beiden Kuratorinnen in den RĂ€umen von Meet/n/Work einen regelmĂ€Ăigen âArtist-Talkâ anbieten. Die Idee: âKunststudenten, die etwa an der StĂ€delschule an einem Artitst-in-Residence-Programm teilnehmen, kommen anschlieĂend aus so tollen StĂ€dten wie Bangladesch oder Kuala Lumpur zurĂŒck â finden aber keine richtige Plattform, um ĂŒber ihre Erfahrungen zu sprechenâ, sagt Larissa HĂ€gele. âDas möchten wir gerne Ă€ndern.â
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