Aslı Özdemir, Kein neutraler Boden, F9, Frankfurt am Main, 2026, Ausstellungsansicht
Credits: HfG Offenbach/Lea Kulens

„Kein neutraler Boden“

09.10.2026

5 min Lesezeit

Aslı Özdemir
Eine Person in beigem Mantel steht vor Kunstwerken in einer Galerie und blickt in die Kamera.

Zwischen privaten Erinnerungen und politischen Erfahrungen spürt Aslı Özdemir Fragen nach Herkunft, Klasse und Sichtbarkeit auf. „Kein neutraler Boden“ heißt ihre Einzelausstellung, die bis zum 7. November im F9 zu sehen ist. Es ist die erste Schau seit dem Neustart des ehemaligen „1822-Forum“, das nun von Kuratorin Carlotta Döhn verantwortet wird.

Eine Spitzengardine verhängt den Blick in das Innere des Ausstellungsraums. Links neben dem Eingang liegt im Schaufenster ein sorgsam zusammengefalteter Blaumann, die Tasche über der Brust ziert subtil eine Brosche mit einem nazar boncuğu, dem blauen Auge, das böse Blicke abwenden soll.

Blicke nehmen eine zentrale Stelle in Aslı Özdemirs Arbeiten ein: Wer schaut wen an? Aus welcher Perspektive? Welche Körper und Geschichten sind sichtbar? Und welche erinnern und werden erinnert? Nehmen Platz ein?

Fensteransicht mit blauer Arbeitskleidung und Infos zu den Öffnungszeiten des F9.
Aslı Özdemir, Kein neutraler Boden, F9, Frankfurt am Main, 2026, Ausstellungsansicht
Credits: HfG Offenbach/Lea Kulens

Auch das Private ist politisch

Fotografien, Videos und Objekte verschmelzen in Aslı Özdemirs immersiven Ausstellung. Gemeinsam ist ihnen das vorsichtige Nachspüren der vielschichtigen Erinnerungen und politischen Erfahrungen, die sich in Körper einschreiben. Dafür arbeitet Özdemir mit Erzählungen aus ihrem familiären Kreis, durchsucht private Bildersammlungen und setzt sich mit ihrem eigenen Körper als Kind einer migrantischen Arbeiter*innen-Familie in dritter Generation sowie seinen Verbindungen zu anderen auseinander. Es sind intime Einblicke, von alten Fotografien aus persönlichen Bildarchiven zu inszenierten Selbst- und Familienporträts.

Özdemir entwickelt eine Bildsprache, die sich durch die Wiederholung von Ornamenten und Objekten auszeichnet. Sie erscheinen in unterschiedlichen Fotografien und Videos, und begegnen den Besuchenden auch im physischen Ausstellungsraum. Ebenso dringen die Erinnerungen und Erfahrungen, die das Subjekt konstituieren, immer wieder aus den Exponaten hervor. Hier: Spitze, Olivenbehälter, Pflanzen, pinke Kunststoffschüsseln, Monobloc-Plastikstuhl, das blaue Auge. Neben ihrer Fotoserie „ich kann mich jetzt als akademiker*in tarnen“ (2024) zeigt die Künstlerin unter anderem die Dokumentation einer Performance zu eben jener Serie, die sie im Rahmen ihrer Abschlussarbeit in der HfG ausstellte. So verschränken sich im F9 das scheinbar privat-Häusliche und öffentliche Institutionen, wie die Hochschule und der Ausstellungsraum.

Aslı Özdemir
Foto: Aslı Özdemir, Image via hfg-offenbach.de
Innenraum mit mehreren Bildschirmen und Fotos einer Fotosession sowie einem eleganten weißen Stuhl.
Aslı Özdemir, Kein neutraler Boden, F9, Frankfurt am Main, 2026, Ausstellungsansicht
Credits: HfG Offenbach/Lea Kulens
Kunstgalerie mit Fotografien an Wänden, Couch und zwei Bildschirmen. Helle, moderne Atmosphäre.
Aslı Özdemir, Kein neutraler Boden, F9, Frankfurt am Main, 2026, Ausstellungsansicht
Credits: HfG Offenbach/Lea Kulens

Ein Rahmen für Emek

Diese Verschränkung schlägt sich nicht nur inhaltlich, sondern auch formal nieder: Unterschiedliche Medien legen sich in der Installation übereinander. Wie beim Blick durch die Spitzengardine treten Bilder hervor, während andere Fragmente verschwinden. Die Tapeten, ebenfalls mit Fotografien Aslı Özdemirs bedruckt, zeigen ein Familienporträt der Künstlerin mit ihren Großeltern sowie die Ausstellungssituation in der HfG. Über der Tapete dann Videodisplays und (gerahmte) Fotografien, sodass sich einige Bilder in unterschiedlichen Formaten und auf verschiedenen Ebenen wiederholen. So ergeben sich vielfältige Beziehungen, die auch an den Besuchenden nicht spurlos vorbei gehen.

Sie befinden sich in einer Situation der Beobachtung, in der sie stetig an die bewusste Inszeniertheit erinnert werden: durch die direkten Blicke der Porträtierten aus dem Bild heraus; den Selbstauslöser, der immer sichtbar bleibt; sowie durch Kameras, Spiegel, Rahmen und Fernseher, die auf den Fotografien und in den Videoarbeiten häufig im kuratierten Hintergrund zu sehen sind.

Für Aslı Özdemir ist die Beschäftigung mit dem Privaten und Öffentlichen eine Aushandlung von struktureller Diskriminierung. Denn das Milieu, in dem wir aufwachsen, wirkt auf das Subjekt und seinen Habitus ein. Wie der Titel schon andeutet – der Boden, aus und mit dem wir wachsen, ist eben nicht neutral. Um das zu zeigen, steckt sie viel „Emek“ in die Auseinandersetzung mit sich, ihrer Familie, der Gesellschaft und in ihre Arbeit: „Emek bedeutet so etwas wie Arbeit, die du in etwas reinsteckst, was sozusagen etwas gedeihen lässt. Es ist etwas Fürsorgliches, Zartes, Streichendes und es ist nicht nur in der Gegenwart zu verorten, sondern hat eine Prozesshaftigkeit und Geschichte in sich.“

Collage aus Fotos und einem Bildschirm, die verschiedene Personen und alltägliche Szenen zeigen.
Aslı Özdemir, Kein neutraler Boden, F9, Frankfurt am Main, 2026, Ausstellungsansicht
Credits: HfG Offenbach/Lea Kulens

„Emek ist etwas Fürsorgliches, Zartes, Streichendes und es ist nicht nur in der Gegenwart zu verorten, sondern hat eine Prozesshaftigkeit und Geschichte in sich.“

Aslı Özdemir in: Welches Foto schaut dich an? (2022)

Am Abend der Eröffnung stehen auf dem Tisch neben Sektgläsern auch Hummus, Börek, frisches Gemüse, Obst und Sonnenblumenkerne. Nach den Reden laute Musik von Erkin Koray, Sezen Aksu und Tarkan. Die Stimmung ist ausgelassen, Körper bewegen sich im Raum, machen ihn zu ihrem Raum. Fallen dort etwa geknackte Sonnenblumenkerne vom Tisch?

Als würden unter den tanzenden Füßen
gleich gelbe Blumen aus dem Boden sprießen.

Aslı Özdemir
Ein modern gestalteter Ausstellungsraum mit Fotos an den Wänden, einem Fernseher und einem Plastikstuhl.
Aslı Özdemir, Kein neutraler Boden, F9, Frankfurt am Main, 2026, Ausstellungsansicht
Credits: HfG Offenbach/Lea Kulens
Aslı Özdemir in Offenbach, Dezember 2022
Foto: Aslı Özdemir, Image via taz.de
Fensterbeschriftung mit "Asli Özdemir" und dem Thema "Kein neutraler Boden", datiert 26.09. bis 07.11.26.
Aslı Özdemir, Kein neutraler Boden, F9, Frankfurt am Main, 2026, Ausstellungsansicht

Aslı Özdemir
Kein neutraler Boden

F9, Frankfrut
26. September bis 7. November 2026