HFG-RADIO: „Wir wollen auf unserer Website nicht nur stumpf Musik streamen“

23.10.2026

6 min Lesezeit

Autor*in:
Markus Wölfelschneider

Vergangenes Jahr gründete Nicolas Marino an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung das HFG-RADIO. Der Sender streamt live zu besonderen Anlässen und möchte dem kreativen Treiben auch jenseits des Campus eine offene und vielseitige Plattform bieten.

„Immer die gleichen Typen hinter den Decks und Musik wie in der Dorfdisko.“ Nicolas Marino hatte einige Partys an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung besucht und war – um es vorsichtig zu formulieren – unzufrieden mit der Musikauswahl. Er vermisste die Vielfalt, die es an einem so kreativen Ort doch sicherlich geben musste. „Ich hatte mich gefragt: Wo sind denn die anderen DJs?“ Bislang unterrepräsentierte Klänge sollten mehr Gehör finden. Das war sein Plan. Jakob Schwarz ergänzt: „Es gab hier zwar auch früher schon Leute, die gute Musik aufgelegt haben. Doch was fehlte, war so etwas wie ein Schirm, unter dem all diese Menschen zusammenkommen.“

Inspiriert von Radio 80000, einem nichtkommerziellen Sender, den Marino aus seiner alten Heimat München kannte, rief er aus eigener Initiative – unabhängig von Lehrplänen und Studieninhalten – das HFG-RADIO ins Leben. Kickoff war 2025 beim sogenannten Rundgang, also der jährlichen Werkschau der Hochschule. Inzwischen gehören sieben Studierende zum Kernteam. „Wir wollen auf unserer Website nicht nur stumpf Musik streamen“, sagt Marino. „Es geht uns darum, Menschen zusammenzubringen.“

Wir stehen auf dem Platz zwischen der Hochschule für Gestaltung und dem Isenburger Schloss. Das Mainufer ist in der Nähe. Es werden Plastikbecher verteilt, jemand hat einen Bembel aufgetrieben und schenkt kühles Wasser aus. Den Schlossplatz haben die Radiomacher*innen schon oft mit Musik bespielt, die live ins Netz gestreamt wurde: Beim Rundgang, einem Flohmarkt oder im Anschluss an ein Symposium des Fachbereichs Grafikdesign zum Beispiel.

Grafische Illustration eines Skorpions und einer Biene an einem DJ-Pult mit dem Text "@hfgradio" an der Wand.
Foto: Neven Allgeier
Junger Mann mit langen Haaren trägt ein rotes T-Shirt und sitzt vor einem roten Hintergrund.
Nicolas Marino
Foto: Neven Allgeier
Junge Frau mit langen Haaren sitzt an einer steinernen Säule mit Skulpturen im Hintergrund. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt.
Yihan Shiau
Foto: Neven Allgeier

Klänge, die über Genregrenzen und Radiosound hinausgehen

Moderierte Sendungen und vorproduzierte Inhalte gibt es – von Ausnahmen abgesehen – kaum. Der Fokus liegt auf Musik. Gesendet wird nicht rund um die Uhr, sondern zu besonderen Anlässen. „Bei uns läuft nicht nur Party-Musik“, sagt Henry Matenaer. „Wir sind offen für musikalische Experimente.“ Loukas Anezakis pflichtet ihm bei: „Bei uns gibt es keine Genregrenzen.“ Und Yihan Shiau erzählt von Open-Decks-Abenden, die sie manchmal veranstalten. „Dann können alle auflegen, wozu sie Lust haben.“

Viele Studierende beschäftigen sich an der HfG ganz selbstverständlich nicht nur mit Kunst, sondern auch mit Musik. Sie sind es gewohnt, interdisziplinär zu arbeiten und verbinden zum Beispiel Installationen mit Sound. Das Ergebnis sind nicht selten Klänge, die angenehm weit weg sind vom typischen Radiosound.
Das Equipment leiht sich das Team aus der Kapelle im Isenburges Schloss, die an der HfG eine wichtige studentische Institution ist und unter anderem als Veranstaltungsort dient. Um Radio zu machen, braucht es heutzutage kein voll ausgestattetes Studio. Ein Laptop reicht völlig. Für die Organisation und Durchführung der Sendungen greift die Gruppe auf einen externen Online-Dienstleister zurück. Der Jahresbeitrag ist nicht ganz billig. „Wir sind darauf angewiesen, dass uns die Hochschule mit Geld unterstützt“, sagt Anezakis. „Finanziell ist unser Sender eher ein Minusgeschäft.“

Schmiedeeisernes Geländer mit kunstvollen Verzierungen vor einer orangefarbenen Wandstruktur.
Foto: Neven Allgeier
Junge Person mit kurzen Haaren und Brille in lila T-Shirt steht vor einer Holzwand.
Noel Seo
Foto: Neven Allgeier
Junger Mann mit lockigem Haar, weißer Bluse und schwarzer Halskette, aufgenommen im Freien.
Moritz Gauss
Foto: Neven Allgeier

„Im Grunde sind wir digitale Nomaden. Deshalb dachte ich mir: Lasst uns doch zu interessanten Menschen nach Hause gehen und auf die Strukturen zurückgreifen, die wir dort vorfinden.“

Nicolas Marino

Roomservice und Hausbesuche

Aus der Not eine Tugend machen. Wege zu finden, auch ohne viel Geld ein cooles Programm auf die Beine zu stellen: Darin liegt eine große Stärke der Gruppe. Ein Beispiel dafür ist die Reihe „Roomservice“, zu der Marino die Idee hatte. „Wir besitzen nichts außer unserem Laptop“, erzählt er. „Im Grunde sind wir digitale Nomaden. Deshalb dachte ich mir: Lasst uns doch zu interessanten Menschen nach Hause gehen und auf die Strukturen zurückgreifen, die wir dort vorfinden.“

Bei Künstler*innen in Gent, Paris oder Brüssel war das HFG-RADIO im Rahmen des „Roomservice“ schon zu Gast. Vor Ort wurden dann mal Lieblingsplatten aufgelegt, mal wurde die Gitarre eingestöpselt und Livemusik gemacht. Die Reihe ist zwar jetzt erst einmal abgeschlossen. Doch die Gruppe kann sich vorstellen, mit ähnlichen Projekten weiterzumachen. Ideen gibt es genug. Bands im Proberaum besuchen und deren Songs live ins Netz zu übertragen zum Beispiel. Über ein SoundCloud-Archiv auf der Webseite, die Moritz Gauss gebaut hat, kann man das Programm auch dann noch nachhören, wenn das Live-Erlebnis längst vorbei ist.

Junger Mann sitzt entspannt im Gras, trägt ein T-Shirt und Shorts und schaut nachdenklich in die Kamera.
Henry Matenaer
Foto: Neven Allgeier

Kollaborationen und Gastauftritte

Seit einiger Zeit wird das Team des HFG-RADIOS auch für Veranstaltungen außerhalb des Hochschulcampus angefragt. Den Metzlerpark vor dem Museum Angewandte Kunst hat das Kollektiv im vergangenen Juli bespielt. Anlass waren die Feierlichkeiten, mit denen Frankfurt seinen Titel World Design Capital 2026 zelebrierte. Im Radraum Offenbach, der gleichzeitig als Reparaturwerkstatt und Eventlocation firmiert, sind die Radiomacher*innen ebenfalls aufgetreten. Bei Radio 80000 in München, das ihnen einst als eine Art Vorbild diente, waren sie inzwischen übrigens auch schon zu Gast. Vor kurzem fand der Gegenbesuch statt.

Die Gruppe ist offen für Studierende aus dem Umfeld der Hochschule, die das Radio für eigene Ideen nutzen wollen. „Wir verstehen uns als Plattform für Plattformen“, sagt Nicolas Marino. Henry Matenaer nennt als Beispiel eine Reihe mit Literaturbeiträgen, die in den Anfangstagen des Senders nicht vom Kernteam produziert wurden, sondern von einer externen Redaktion. Jeder der sich einbringen will, kann mitmachen. Noel Seo erzählt, wie es bei ihr dazu kam: „Auf den Stromkasten vor dem Isenburger Schloss kleben wir immer Plakate, die für unser Radio werben. Nicolas hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, so ein Poster zu entwerfen. Das habe ich gemacht und Nicolas meinte: Jeder der etwas für das Radio macht, ist ein Teil davon. Ganz automatisch. Dann dachte ich: Okay, jetzt will ich aber auch Auflegen lernen. Also ging ich zu einer Open-Decks-Veranstaltung. Seitdem bin ich dabei.“

Eine Gruppe von sieben Personen sitzt lächelnd und entspannt auf Treppenstufen vor einer Holztür.
Von links oben nach rechts unten: Henry Matenaer, Yihan Shiau, Moritz Gauss, Jakob Schwarz, Noel Seo, Nicolas Marino, Loukas Adamantios
Foto: Neven Allgeier
Junger Mann mit kurzem Haar, grauem T-Shirt und orangener Cap, sitzt vor einer Glasoberfläche.
Jakob Schwarz
Foto: Neven Allgeier
Junger Mann mit kurzer Frisur und schwarzer Kappe steht vor einer rauen Wand. Er trägt ein schwarzes T-Shirt.
Loukas Adamantios
Foto: Neven Allgeier