Leonor Fini. Magisch Surreal, Ausstellungsansicht „La Sorcière“ (1935-1936)
© Schirn Kunsthalle Frankfurt 2026, Foto: Norbert Miguletz

I put a Spell on you. Jessica Hundley über Okkultismus und Leonor Fini

29.10.2026

9 min Lesezeit

Leonor Fini
Porträt einer Frau mit lockigem Haar, elegantem braunen Oberteil und nebligem Hintergrund, die einen weißen Handschuh trägt.

Hexen, Sphinxen und geheimnisvolle Wesen: Leonor Fini erschuf ein Universum voller Magie, Mythologie und Okkultem. Jessica Hundley, Redakteurin von TASCHENs Library of Esoterica, untersucht die Begeisterung der Künstlerin für das Übernatürliche, ihre radikale Vision weiblicher Autonomie und die anhaltende Kraft esoterischer Bilder.

Jessica, das Interesse an Hexerei ist heutzutage sehr groß. Sogenannte „Etsy-Hexen“ erleben aktuell einen regelrechten Hype, und immer mehr Menschen beauftragen sie mit Zaubersprüchen. Wie erklärst du dir das? Und warum fasziniert uns die Figur der Hexe nach wie vor so?

Jessica HUndley

Ich glaube, wir erleben gerade ein tiefgreifendes kulturelles Verlangen nach einer „Wiederverzauberung“. Seit Jahrhunderten hat die Moderne die Wissenschaft vom Spirituellen, den Menschen von der Natur und die Vernunft von der Intuition getrennt. Wir haben außergewöhnliches Wissen gewonnen, aber vielleicht etwas Wesentliches verloren: das Gefühl, Teil eines lebendigen, geheimnisvollen Universums zu sein. Das wiederauflebende Interesse an Hexerei spiegelt die Sehnsucht wider, diese Verbindung wiederherzustellen.

Die Hexe ist faszinierend, weil sie Autonomie, Vorstellungskraft und eine intime Kenntnis der Natur verkörpert. Historisch gesehen dienten Hexenvorwürfe oft dazu, religiöse und soziale Konformität durchzusetzen, insbesondere bei Frauen. Heute wird die Hexe als Archetyp des Widerstands zurückerobert: als jemand, der seinen Instinkten vertraut und vorgeschriebene Rollen ablehnt.

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen der Kommerzialisierung der Hexerei und ihren tieferen Traditionen. Ein Ritual ist in seiner tiefsten Bedeutung ein Akt konzentrierter Aufmerksamkeit. Und Kreativität selbst kann eine Art von Magie sein: Wir nehmen ein immaterielles Bild oder Gefühl und verleihen ihm eine materielle Form. In einem Zeitalter des technologischen Fortschritts, der ökologischen Krise und spiritueller Unsicherheit brauchen wir auch Staunen, Verbundenheit und Sinn.

Eine Künstlerin, die sich schon vor langer Zeit für Hexen interessierte und sie in ihrem Werk stark in den Vordergrund rückt, ist Leonor Fini. Was verändert Fini in ihrer Kunst am traditionellen Bild der Hexe, zum Beispiel in „Le Sabbat ressuscité“ (1957)?

Jessica Hundley

Ich liebe an Finis Hexen, dass sie völlig uninteressiert daran zu sein scheinen, sich zu benehmen. Für „Le Sabbat ressuscité“, das gemeinsam mit Jacques Audiberti entstand, schuf sie 35 Radierungen von widerspenstigen, erotischen, humorvollen, manchmal absurden Figuren, deren Körper zwischen menschlichen, tierlichen und übernatürlichen Formen wechseln.

Das bekannte Bild vom Hexensabbat entstand im Europa des 15. Jahrhunderts, als die Obrigkeit Vorstellungen von schädlicher Magie und nächtlichen Versammlungen mit der Vorstellung einer dem Teufel verschriebenen Verschwörung verband. Der in den Aufzeichnungen der Hexenprozesse beschriebene Sabbat war größtenteils eine Erfindung der verfolgenden Behörden. Künstler trugen dazu bei, dessen Bildsprache zu etablieren: Hans Baldung Griens „Die Hexen“ (1510) verband Erotik, Gefahr und übernatürliche Unordnung, während Goya später furchterregende nächtliche Versammlungen darstellte.

Historisch gesehen verkörperte die Hexe frauenfeindliche Ängste vor weiblicher Sexualität, Unabhängigkeit, dem Älterwerden und Wissen. Fini stellt dieses Bild auf den Kopf. Ihre Hexen sind weder tragische Opfer noch Monster. Sie sind selbstbewusst, genussfreudig, verspielt und kümmern sich nicht um gesellschaftliche Anerkennung. Humor wird Teil ihrer Freiheit.

Ihr Interesse setzte sich in ihrem Beitrag zur ersten Ausgabe der feministischen Zeitschrift Sorcières im Jahr 1976 fort, obwohl sie sich selbst gegen einschränkende Etikettierungen wehrte. Sie rehabilitiert die Hexe nicht einfach; sie lässt sie fremd und unergründlich bleiben. Ihre Kraft liegt darin, dass sie sich weigert, gezähmt zu werden.

Leonor Fini, Le Sabbat ressuscité, 1957, Text von Jacques Audiberti
Image via courtauld.ac.uk
Francisco Goya, Hexensabbat, 1797–1798
Hans Baldung Grien, Hexensabbat, 1510

Du bist Expertin für alles, was mit esoterischer Kunst zu tun hat. Wo würdest du Leonor Fini in der Geschichte der esoterischen Kunst einordnen, und was macht ihre Interpretation von Mythologie, Magie und Okkultismus so einzigartig?

Jessica Hundley

Leonor Fini ist eine der Künstlerinnen, zu denen ich immer wieder zurückkehre. Wir haben ihre Werke in jeden Band der „Library of Esoterica“ von TASCHEN aufgenommen, ganz gleich ob es um Tarot, Astrologie, Hexerei oder die Geisterwelt ging. Ihr Interesse galt vor allem der Verwandlung, der Sexualität, der Natur, dem Tod und der Beziehung zwischen sichtbaren und unsichtbaren Welten.

Ich sehe sie als eine der großen Mythenbildnerinnen des 20. Jahrhunderts, die sich auf die Allegorie der Renaissance, die Romantik, den Symbolismus und den Surrealismus stützte. Dennoch wehrte sie sich dagegen, einer Bewegung anzugehören. Obwohl sie gemeinsam mit den Surrealisten ausstellte, lehnte sie André Bretons Autorität und die Grenzen ihrer überwiegend männlichen Weltanschauung ab. Sie wollte ihre eigene Mythologie erschaffen.

Ihr Universum aus Sphinxen, Priesterinnen, Hexen und androgynen Wesen greift auf esoterische Symbole zurück, ohne sich dabei an eine bestimmte Doktrin zu halten. Während Frauen im Surrealismus oft als Musen oder Objekte der Begierde auftraten, machte Fini sie zu Schöpferinnen und Hüterinnen ihrer eigenen Geheimnisse. Sie malte nicht einfach nur fantastische Welten; durch Kostüme, Theatralik und Selbstinszenierung lebte sie in ihnen. Sie verwandelte überlieferte Symbole in eine persönliche Sprache der Freiheit.

Fini schöpfte aus der klassischen Mythologie, der Renaissance-Malerei, der deutschen Romantik und der barocken Theatralik, ohne diese Traditionen jedoch jemals originalgetreu zu reproduzieren. Mythologie, Magie und Okkultismus boten ihr miteinander verknüpfte symbolische Sprachen, die sie in eine ganz eigene visuelle Welt verwandelte.

Zwei Frauen in bunten Gewändern sitzen sich gegenüber, verbunden durch eine feine Schnur, in einem minimalistischen Raum.
Leonor Fini, Les Fileuses, 1954, Öl auf Leinwand, 65 x 121 cm
Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Estate Leonor Fini, Paris
Eine surrealistische Komposition mit einer weiblichen Figur, umgeben von Blättern und tierischen Elementen.
Leonor Fini, Sphinx Philagria II / Metamorphos, 1945, Öl auf Leinwand, 55 x 38,6 cm
Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Wie gerade erwähnt, besteht Finis Welt nicht nur aus Hexen, sondern auch aus einer Vielzahl mythischer Wesen sowie Katzen. Was verbindet diese Protagonisten deiner Meinung nach, insbesondere ihre Sphinxe?

Jessica Hundley

Das verbindende Prinzip ist der Widerstand gegen Grenzen: zwischen Mensch und Tier, zwischen männlich und weiblich, zwischen sterblich und göttlich. In der Mythologie bewachen Hybride oft die Schwellen zwischen den Welten. Fini war fasziniert von Wesen, die sich nicht leicht einordnen ließen.

Die Sphinx ist dabei besonders aufschlussreich. Im alten Ägypten stand sie oft für Schutz und königliche Autorität; in der griechischen Mythologie stellt die weibliche Sphinx ein Rätsel und wird von Ödipus besiegt. Fini kehrt diese Erzählung um. Ihre Sphinxe sind keine Hindernisse, die ein männlicher Held überwinden muss. Sie besitzen ihre eigene Autorität, Sinnlichkeit und ihr eigenes Geheimnis. Ich glaube, Fini erkannte sich selbst in der Sphinx wieder: eine Gestalt, die frei zwischen Identitäten existieren kann, ohne erklärt werden zu müssen.

Katzen waren in ihrem Leben zudem geliebte Begleiter, nicht nur künstlerische Motive. Historisch mit Göttlichkeit, Hexerei, Intuition und Unabhängigkeit verbunden, verkörpern sie eine Intelligenz, die sich der menschlichen Kontrolle entzieht. Ihre Katzen und Mischwesen deuten darauf hin, dass die Grenzen zwischen uns und dem Rest der lebendigen Welt durchlässiger sein könnten, als wir uns vorstellen.

Die Metamorphose spielt in dieser Welt also eine zentrale Rolle: Die Figuren bewegen sich im Spannungsfeld zwischen den Geschlechtern, zwischen Mensch und Tier sowie zwischen Leben und Tod. In Ovids Metamorphosen wechseln die Wesen ständig ihre Gestalt; die Alchemie bietet eine weitere Parallele, bei der die Umwandlung von Materie auf eine Transformation des Bewusstseins hindeuten kann. Für mich ist dies das befreiende Versprechen ihres Werks: Identität ist nicht festgeschrieben, und die Kunst ermöglicht es uns, uns einen anderen Körper, eine andere Identität, eine andere Welt vorzustellen.

Wenn du eine Arbeit von Leonor Fini auswählen müsstest, der wir besondere Aufmerksamkeit schenken sollten – welche wäre das und warum?

Jessica Hundley

Ich würde mich für „Hüterin des schwarzen Ei (La Gardienne à l’œuf noir)“ aus dem Jahr 1954 entscheiden. Es ist eines ihrer geheimnisvollsten Gemälde, das die schöpferische und verwandelnde Kraft des Weiblichen zum Ausdruck bringt. Das Ei ist ein uraltes Symbol für Schöpfung, Erneuerung und Potenzial. In der Alchemie kann es das Gefäß darstellen, in dem sich die Verwandlung vollzieht; die Schwärze erinnert an das „Nigredo“, eine Phase der Auflösung vor der Erneuerung.

Mich bewegt, dass das Ei unversehrt bleibt. Es enthält etwas Unbekanntes, das noch im Werden begriffen ist, und die Frau schützt diese Möglichkeit, anstatt sie gewaltsam ins Leben zu zwingen. Auch Künstler*innen sind Hüter*innen von Ideen, die ihre Form noch nicht gefunden haben. Im Gegensatz zu den spektakulären Bildwelten der Magie suggeriert dieses Gemälde etwas Ruhigeres: den Akt, sich um Möglichkeiten zu kümmern.

Leonor Fini, Hüterin des schwarzen Ei, 1955
Image via ekphrastic.net

Zum Schluss: Du selbst lebst in Los Angeles, einer Stadt, in der Esoterik, Spiritualität und Kunst schon immer eng miteinander verflochten waren. Spürt man dort auch heute noch Finis Einfluss? Und welche weiteren Spuren hat sie in der Welt der zeitgenössischen Kunst, der Mode und des Films hinterlassen?

Jessica Hundley

Finis Vermächtnis gewinnt zunehmend an Relevanz, da Fragen der fließenden Identität, von Geschlecht und Macht sowie der imaginativen Möglichkeiten des Körpers zentrale Themen der zeitgenössischen Kultur sind. Ich sehe Affinitäten zu Kiki Smiths Mythologie und Tierbildern, zu Wangechi Mutus hybriden Figuren und zu Penny Slingers Auseinandersetzungen mit Sexualität und Ritualen, wenn auch nicht unbedingt direkte Einflusslinien.

In der Mode ist die Verbindung greifbar. Fini arbeitete mit Elsa Schiaparelli an dem Parfümflakon „Shocking“ zusammen, und ihre aufwendigen Masken und Kostüme verwandelten Identität in Theater. Maria Grazia Chiuri ließ sich für Diors Haute-Couture-Kollektion Frühjahr 2018 direkt von ihr inspirieren. Im Film teilt Anna Billers „The Love Witch“ die Faszination für Fantasie, Erotik und feministische Kritik.

Los Angeles mit seiner Geschichte der Bildgestaltung und spirituellen Experimente bietet eine überzeugende Parallele. Marjorie Cameron erforschte das göttlich-Weibliche, Rituale und übernatürliche Identität; Penny Slinger verbindet Surrealismus, Mystik und Feminismus. Wie Fini nutzen diese Künstlerinnen Bilder, um sich alternative Realitäten vorzustellen. Fini erinnert uns daran, dass wir nicht nur Erb*innen der Mythologie sind. Wir sind auch ihre Schöpfer*innen.

Leonor Fini, La sorcière, 1935
Image via mutualart.com