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Kate Moss zieht eine Nase nach der anderen

05.09.2014

4 min Lesezeit

In der Ausstellung „Paparazzi!“ hĂ€lt der US-amerikanische KĂŒnstler Jonathan Horowitz der Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes einen Spiegel vor.

FĂŒr seine Ausstellung "People Like War Movies" in Berlin quĂ€lte sich Jonathan Horowitz durch Kriegsfilme, obwohl er sie eigentlich gar nicht mag, und konfrontierte Besucher schließlich mit brutalen Kriegsbildern und Popcorn. FĂŒr die Werkserie "19 Suspects" reproduzierte er Bilder von TerrorverdĂ€chtigen und stellte das offizielle PortrĂ€t des ehemaligen US-PrĂ€sidenten George W. Bush auf den Kopf. Der 1966 in New York geborene KĂŒnstler appropriiert Bilder aus den Medien, um etwa zu demonstrieren, wie dort Terrorangst verbreitet und Feindbilder konstruiert werden, oder wie sie die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem auflösen, wenn sie Kate Moss beim Koksen zeigen.

Man möchte Horowitz schnell in die Schublade "politische Kunst" stecken. FĂŒr ihn sei im Grunde alles politisch, verriet er in einem Interview. Was ihn interessiere, sei vielmehr die menschliche Interaktion. Mit seiner Arbeitsweise steht Horowitz ganz in der Tradition Andy Warhols. Auch dessen Werke changieren zwischen politischem Statement und Analyse des Menschseins im Medienzeitalter, indem er sich Bilder aus der Presse aneignete und sie in GemĂ€lden und Siebdrucken reproduzierte. Seine Arbeit "Race Riot" aus dem Jahr 1964 ist vielleicht einer seiner politischsten: Auf dem aus dem Magazin "Life" entnommenen Bild ist zu sehen, wie fĂŒr ihre BĂŒrgerrechte demonstrierende Afroamerikaner von Polizeihunden angegriffen werden. Medienmogul Hubert Burda beauftragte 1983 die Arbeit "Magazine and History", Warhol kopierte dafĂŒr im Siebdruckverfahren mehrere TitelblĂ€tter der Wochenzeitschrift "Bunte", versah sie mit dem typischen Warhol-Kolorit und kombinierte sie in einer Collage.

Auch Horowitz inszeniert gefundenes Material, das fĂŒr sich selbst spricht, und manipuliert es lediglich durch minimale Eingriffe. Das Prinzip ist einfach: Wie einst Warhol hĂ€lt er der Gesellschaft den Spiegel vor. FĂŒr die Arbeit "Daily Mirror", die jetzt in der SCHIRN in der Gruppenausstellung "Paparazzi!" zu sehen ist, nahm er das wörtlich. Der Betrachter sieht sich selbst in einem Spiegel, der mit Logo und Headline der "Daily Mirror"-Ausgabe vom 15. September 2005 bedruckt ist. "Cocaine Kate" titelt das britische Klatschblatt, darunter ist zu lesen, Kate Moss ziehe eine Nase nach der anderen. Das skandaltrĂ€chtige Supermodel gehört seit den Neunzigern zu den beliebtesten Stars der Paparazzi. Noch mehr verblĂŒffende Bilder im Innenteil verspricht die Kopfzeile des Titels. Doch zu sehen ist nur das Spiegelbild des Betrachters, Horowitz hat das Titelfoto und ein kleineres darauf entfernt, beide zeigten eine vermeintlich koksende Kate.

Ein Enkel Warhols, ein Kind der Pictures Generation

Mit "Daily Mirror" kommentiert Horowitz plakativ, was die Paparazzi-Ästhetik bedient: den Voyeurismus, die Auflösung von Privatem im Öffentlichen, den Wunschtraum, selbst Star zu sein, alles PhĂ€nomene der Mediengesellschaft, die schon Andy Warhol so faszinierten. Er ist aber nicht nur ein Enkel Warhols, sondern auch Kind der US-amerikanischen Pictures Generation, die sich ab den Achtzigern Fotos, Filme und TitelblĂ€tter von populĂ€ren Magazinen aneignete und manipulierte, um politische und gesellschaftliche ZustĂ€nde kritisch zu reflektieren.

Horowitz' thematisches Spektrum ist breit, auf der Liste, an der er sich abarbeitet, stehen alle KrebsgeschwĂŒre der Gegenwart, von Homophobie ĂŒber scheinheilige Politiker bis zu den UmweltsĂŒnden der Industriegesellschaft. Überzeugter Vegetarier ist er auch noch. Ein Gutmensch im KĂŒnstlergewand? Horowitz studierte nicht etwa an einer Kunsthochschule, sondern erhielt 1987 einen B.A. in Philosophie. Vielleicht findet sich in seinen Arbeiten deswegen ein QuĂ€ntchen mehr KomplexitĂ€t als in denen so mancher Kollegen.

2009 organisierte Klaus Biesenbach eine erste Retrospektive zu Horowitz' Werk im New Yorker "P.S.1 Contemporary Art Center". Die frĂŒheste Arbeit darin war ein Video aus dem Jahr 1990, das nichts anderes als das Wort "Maxell" zeigt, den Namen eines Herstellers von Videokassetten. Horowitz kopierte das Band immer wieder, bis der Schriftzug nur noch verschwommen zu sehen war, und kommentierte so die Obsoleszenz des Mediums. VideobĂ€nder gehören der Vergangenheit an, die BlĂ€tter der Boulevardpresse halten sich hartnĂ€ckig. Den "Daily Mirror" lesen heute noch Millionen.