/ 

Im Teufelskreis der Traurigkeit

29.11.2017

5 min Lesezeit

Der britische KĂŒnstler Ed Atkins prĂ€sentiert im Martin-Gropius-Bau im Rahmen der Reihe „Immersion“ eine Ausstellung, die unseren allgegenwĂ€rtigen Eskapismus in Scheinwelten thematisiert.

Bereits in der Antike galt die Oper als eine Kunstform, die VerknĂŒpfungen herstellt. War dies zunĂ€chst nur die Verbindung von szenischer Aktion und Musik, so kamen im Laufe der Zeit immer mehr Elemente hinzu, die unser gegenwĂ€rtiges Bild der Oper stark geprĂ€gt haben: KostĂŒme, Requisiten, BĂŒhnenbilder und auch die Technik bestimmen heute wesentlich die Inszenierung einer Oper. Mithilfe dieser Mittel wird versucht eine vermeintliche RealitĂ€t zu imitieren. Der Zuschauer soll getĂ€uscht werden, um sich besser in die Handlung hineinfĂŒhlen zu können. Das ist auch eine Strategie, mit welcher der britische KĂŒnstler Ed Atkins arbeitet.

In seiner Ausstellung „Old Food“, zurzeit im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen, ist die TĂ€uschung bereits im Medium begrĂŒndet: Atkins schafft in seinen Videoarbeiten hyperreale Settings mit animierten CGI-Avataren, denen er seine Stimme verleiht. Auch die drei Protagonisten von „Old Food“ sind auf diese Weise produziert. In fĂŒnf RĂ€umen erscheinen auf hochauflösenden MonitorwĂ€nden und Flat-Screens ein riesiges Baby, ein Junge im viktorianischem KostĂŒm und ein Mann im Umhang, die alle der gleichen TĂ€tigkeit nachgehen: weinen. Aus ihren Augen kullern gigantische TrĂ€nen, sie schluchzen, verziehen ihre Gesichter. Ihre Mimik löst sich in Traurigkeit auf.

Ein gigantisches Baby

Der Besucher wartet immer wieder aufs Neue auf eine ErklĂ€rung dafĂŒr, doch Atkins verweigert ihm eine solche Form der Befriedigung.  Stattdessen setzen sich die Figuren alsbald ans Klavier. Die Komposition von JĂŒrg Frey zieht sich wie ein roter Faden durch die RĂ€ume. WĂ€hrend in einem Video der mittelalterlich gekleidete Junge in einem betonierten White Cube in die Tasten greift, geschieht das Gleiche parallel in einem Landhaus, wo ein gigantisches Baby unbeholfen auf die Klaviatur haut.

Ed Atkins, Production still for “Old Food”, 2017 Courtesy the artist

Direkt daneben befindet sich eine weitere Monitorwand, auf der der Mann mit Umhang kraftlos seine Hand nach den Tasten ausstreckt, wÀhrend er mit dem Rest seines Körpers am Boden liegen bleibt. Zwar laufen die Videos synchron zueinander ab, doch lösen die Situationen sich nie auf. Vielmehr scheinen die von Atkins geschaffenen Figuren im Loop gefangen zu sein und damit in einem Teufelskreis der Traurigkeit.

Ohne persönliche Geschichte

Die ganze Ausstellung ist in einen Mantel der Melancholie gepackt, dem man sich als Besucher kaum entwinden kann. Man empfindet Empathie mit den Charakteren, gleichwohl man nicht recht weiß, worauf das eigentlich grĂŒndet, handelt es sich bei Atkins' Figuren doch um keine realen Personen, sondern lediglich um Animationen ohne jede persönliche Geschichte.

Ed Atkins, Production still for “Old Food”, 2017 Courtesy the artist
© Ed Atkins, “Old Food”, 2017, Installation view, Martin-Gropius-Bau, Berlin, Photo: Mark Blower. Courtesy the artist

Das Geheimnis der evozierten Emotionen liegt in der Übersteigerung der Darstellung. Ähnlich einer Fantasy-Serie wie „Game of Thrones“ ist der Zuschauer sich der Fiktion der Darstellung durchaus bewusst, doch die Verhaltensweisen der Charaktere scheinen so real, dass er Empathie mit ihnen empfindet. Man möchte sich geradezu illusionieren lassen. Der Grund, warum solche Fantasy-Serien sich großer Beliebtheit erfreuen, liegt wohl vor allem in dem Eskapismus, dem sich seine Zuschauer hingeben.

Eine analoge, historische Welt

Glaubt man, dass dies ein PhĂ€nomen ist, was erst mit Videospielen oder Virtual Reality ins Leben gerufen wurde, so irrt man. Auch die eingangs eingefĂŒhrte Oper arbeitet mit dieser Sehnsucht nach der Flucht in eine Scheinwelt. Aus diesem Grund scheint es nicht ĂŒberraschend, dass Ed Atkins fĂŒr seine Ausstellung „Old Food“ mit der Deutschen Oper kooperiert hat. Die hochauflösenden Bildschirme stehen nĂ€mlich insgesamt 280 Garderobenmetern von KostĂŒmen gegenĂŒber, die als „Objet TrouvĂ©s“ ausgestellt sind.

Ed Atkins, Production still for “Old Food”, 2017 Courtesy the artist

Die KostĂŒme reichen von Produktionen wie „FreischĂŒtz“ zu „Macbeth“ und von lumpenartigen Skeletten zu perlenbestickten Kleidern. Eine analoge, historische Welt scheint einer digitalen gegenĂŒber zu stehen. Doch der Eindruck tĂ€uscht, erzeugen die KostĂŒme lediglich eine Illusion von HistorizitĂ€t, ohne dabei tatsĂ€chlich alt oder originalgetreu zu sein. Die KostĂŒme besitzen dadurch große Ähnlichkeit zu den Avataren von Atkins, die uns auch vortĂ€uschen  etwas zu sein, was sie nicht sind: menschlich.

KostĂŒme sind bloß leere HĂŒllen

Dies ist aber nicht die einzige Gemeinsamkeit, die die computergenerierten Figuren mit dem Fundus der Deutschen Oper haben. Es ist auch eine Ă€hnliche Form des Zugriffs, die hier deutlich wird. In der gleichen Weise wie Atkins die Avatare auf Online-Plattformen kauft und sich zu eigen macht, indem er sie animiert und ihnen seine Stimme verleiht, sind die KostĂŒme auch bloß leere KleiderhĂŒllen, die gefĂŒllt werden wollen. Die KostĂŒme erfĂŒllen erst ihren Zweck, wenn ein Darsteller sie trĂ€gt, in ihnen spielt, singt und sie sich dadurch aneignet.

© Ed Atkins, “Old Food”, 2017, Installation view, Martin-Gropius-Bau, Berlin, Photo: Mark Blower. Courtesy the artist

Nach und nach dĂ€mmert es, dass der Fokus bei „Old Food“, anders als bei herkömmlichen Ausstellungen, nicht auf dem Gezeigten liegt, sondern auf dem Nichtgezeigten. Die Avatare und die KostĂŒme symbolisieren die Abwesenheit eines realen Körpers. Der kommt erst durch den Besucher in die Ausstellung und bildet damit die Vollendung von Atkins Inszenierung im Gropius-Bau. Der Wandtext im Vorraum der Ausstellung, von der Plattform „Contemporary Art Writing Daily“ verfasst,  kann so als ein Prolog zu „Old Food“ gelesen werden, der sich erst nach dem Besuch gĂ€nzlich erschließt: „Das Museum ist auf deinen Körper angewiesen.“

Ed Atkins, Production still for “Old Food”, 2017 Courtesy the artist

WHATSAPP

Artikel, Filme, Podcasts - das SCHIRN MAGAZIN direkt als WhatsApp-Nachricht empfangen, abonnieren unter www.schirn-magazin.de/whatsapp