„Ich möchte kollektive Erfahrungen sichtbar machen.“
20.02.2026
6 min Lesezeit
Die Fotografin und DJ Ilayda Dağlı beschäftigt sich aus postmigrantischer Perspektive mit Themen wie Identität, Herkunft und Erinnerung. An der Offenbacher HfG macht sie zurzeit ihr Diplom. Ein Atelierbesuch in den Zollamt Studios.
„Das Programm an der HfG ist total vielfältig und es herrscht das Prinzip: Schau dich um und probiere aus, was es gibt. Dadurch sind meine Werke interdisziplinärer geworden.“
Fotografin und DJ Ilayda Dağlı
Collagen zwischen Realität und Fantasie
An einer Wand lehnen drei großformatige Cyanotypien. „Ich mag es, alte Drucktechniken mit modernen Methoden zu kombinieren“, sagt Dağlı. Wie im Bewusstseinsstrom eines träumenden Menschen mischen sich in ihren Collagen Nachbilder von realen Ereignissen mit Fantasievorstellungen. Einige der Motive wurden von einer künstlichen Intelligenz erzeugt. Bei anderen kam eine Digitalkamera zum Einsatz.
„In meiner Kunst geht es oft um Themen wie Identität, Herkunft und Erinnerung – aus einer postmigrantischen Perspektive“, sagt Dağlı. „Ich möchte kollektive Erfahrungen sichtbar machen.“ Für eine Ausstellung zum Thema „Männlich besetzte Räume“ fotografierte sie Gebetsteppiche in Offenbach und Istanbul. Die Bilder wurden nicht gehängt, sondern auf den Boden gelegt. Per Lautsprecher rief eine Frauenstimme zum Gebet auf, was – erklärt Dağlı – im Islam meist ein Tabu ist. „Laut den meisten traditionellen Gelehrten ist das verboten oder verpönt. Der sogenannte Adhān gilt als rein männliche Domäne.“
Mit 10 bekam Dağlı ihre erste Kamera geschenkt. Ihre ersten Motive fand sie auf Touren mit dem Rad durch Wälder und Weinberge rund um den Mainzer Vorort, in dem sie aufgewachsen ist. Als sie von ihren Eltern dann auch noch einen Laptop geschenkt bekam, experimentierte sie mit digitalen Doppelbelichtungen und lud die Ergebnisse auf Facebook hoch. „Mir war schon früh klar, dass ich Fotografin werden will. Meine Eltern, die wirklich superlieb sind, haben mich dabei immer voll unterstützt.“
Als Jugendliche wollte Dağlı dann aber erst einmal Jura studieren. „Zum Glück habe ich das nicht gemacht, das hätte überhaupt nicht zu mir gepasst“, sagt sie heute und lacht. Stattdessen zog sie nach dem Abi nach Offenbach und studierte an der dortigen Hochschule für Gestaltung. „Das Programm an der HfG ist total vielfältig und es herrscht das Prinzip: Schau dich um und probiere aus, was es gibt. Dadurch sind meine Werke interdisziplinärer geworden. Mein Umgang mit Themen ist zwar stets fotografisch. Es kann sich aber auch mal eine Arbeit zu einer Skulptur oder Installation erweitern.“
Ein Leben zwischen Kunst und Auftragsarbeit
Vor uns auf dem Tisch liegt eine Graviermaschine. „Damit kann ich das Glas von Bilderrahmen bearbeiten“, sagt Dağlı.“ Über das Foto eines Ohrs, in dem ein Piercing steckt, hat Dağlı zum Beispiel kunstvoll die Worte „Shine in Public“ ins Glas geritzt. Das Foto gehört zu einer Serie über Piercings und Körperschmuck. „Man nimmt eine Verletzung in Kauf, um schöner zu sein. Genau dieser Aspekt hat mich interessiert.“
Fragt man Dağlı nach Vorbildern, nennt sie keine Namen, sondern sagt: „Mir imponieren Fotograf*innen, die sowohl frei als auch angewandt arbeiten und beides unter einen Hut bringen.“ Auch sie selbst übernimmt neben ihren künstlerischen Projekten regelmäßig Auftragsarbeiten.
Aufträge bekommt sie zum Beispiel von der Frankfurter Agentur NONOT STUDIO vermittelt. In der Bar AMP im Frankfurter Bahnhofviertel ist Dağlı so etwas wie die Hausfotografin. „Von DJs über Drinks bis hin zum Merch, fotografiere ich dort alles, was gebraucht wird.“ Mit ihrer Kamera dokumentiert sie auch das El Barrio Festival, das einmal im Jahr im Metzlerpark neben dem Museum Angewandte Kunst stattfindet.
Dağlı ist nicht nur als Fotografin im Frankfurter Nachtleben aktiv. Sie tritt auch als die eine Hälfte des Duos Buttmoney in Erscheinung, das wiederum Teil eines DJ-Kollektivs ist, das viermal im Jahr im Club Silbergold bass-lastige, elektronische Musik auflegt. Back2Bass heißt das Kollektiv und die Partyreihe. Einmal im Monat zeichnen Back2Bass eine Radioshow auf, die von Brixton Radio ausgestrahlt wird – einem Sender, der seinen Sitz in London hat. Demnächst möchte sie auch eigene Musik produzieren.
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