„Ich möchte kollektive Erfahrungen sichtbar machen.“

20.02.2026

6 min Lesezeit

Autor*in:
Markus Wölfelschneider

Die Fotografin und DJ Ilayda Dağlı beschäftigt sich aus postmigrantischer Perspektive mit Themen wie Identität, Herkunft und Erinnerung. An der Offenbacher HfG macht sie zurzeit ihr Diplom. Ein Atelierbesuch in den Zollamt Studios.

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Zweiter Stock, dritter Stock, vierter Stock: Jedes Jahr ist die Fotografin Ilayda Dağlı mit ihrem Atelier in den Offenbacher Zollamt Studios eine Etage höher gezogen. Im April ist nun Endstation. Nicht etwa aus Mangel an weiteren Stockwerken im Haus, sondern weil die Zollamt Studios dann für immer schließen werden. Von hier oben hat man einen tollen Ausblick auf das Ledermuseum, das sich still und einsam im Fenster breit macht. Weil heute Montag ist, hat es zu.

„Mir ist gerade aufgefallen, dass es hier im Raum nur zwei Stühle gibt“, sagt Dağlı mit einem entschuldigenden Lächeln. Gemütlich ist es trotzdem. Auf der Fensterbank brodelt der Wasserkocher. Ein Radiator und dampfende Teetassen verbreiten wohlige Wärme. Entspannte Musik von Oklou tönt aus den Boxen des Laptops. Neben dem Fenster hängt ein Gedicht von Ludwig Tieck, das Dağlı auf der Straße gefunden hat. Daneben eine interessant geformte Styroporverpackung, die als Bilderrahmen dienen soll.

Drei transparente Platten mit blauen Bildern alltäglicher Gegenstände, darunter eine Tastatur und eine Baum-Silhouette.
Frau mit langen Haaren sitzt auf dem Fensterbrett, trägt eine gestreifte Bluse und blickt nachdenklich hinaus.

„Das Programm an der HfG ist total vielfältig und es herrscht das Prinzip: Schau dich um und probiere aus, was es gibt. Dadurch sind meine Werke interdisziplinärer geworden.“

Fotografin und DJ Ilayda Dağlı

Collagen zwischen Realität und Fantasie

An einer Wand lehnen drei großformatige Cyanotypien. „Ich mag es, alte Drucktechniken mit modernen Methoden zu kombinieren“, sagt Dağlı. Wie im Bewusstseinsstrom eines träumenden Menschen mischen sich in ihren Collagen Nachbilder von realen Ereignissen mit Fantasievorstellungen. Einige der Motive wurden von einer künstlichen Intelligenz erzeugt. Bei anderen kam eine Digitalkamera zum Einsatz.

„In meiner Kunst geht es oft um Themen wie Identität, Herkunft und Erinnerung – aus einer postmigrantischen Perspektive“, sagt Dağlı. „Ich möchte kollektive Erfahrungen sichtbar machen.“ Für eine Ausstellung zum Thema „Männlich besetzte Räume“ fotografierte sie Gebetsteppiche in Offenbach und Istanbul. Die Bilder wurden nicht gehängt, sondern auf den Boden gelegt. Per Lautsprecher rief eine Frauenstimme zum Gebet auf, was – erklärt Dağlı – im Islam meist ein Tabu ist. „Laut den meisten traditionellen Gelehrten ist das verboten oder verpönt. Der sogenannte Adhān gilt als rein männliche Domäne.“

Mit 10 bekam Dağlı ihre erste Kamera geschenkt. Ihre ersten Motive fand sie auf Touren mit dem Rad durch Wälder und Weinberge rund um den Mainzer Vorort, in dem sie aufgewachsen ist. Als sie von ihren Eltern dann auch noch einen Laptop geschenkt bekam, experimentierte sie mit digitalen Doppelbelichtungen und lud die Ergebnisse auf Facebook hoch. „Mir war schon früh klar, dass ich Fotografin werden will. Meine Eltern, die wirklich superlieb sind, haben mich dabei immer voll unterstützt.“

Als Jugendliche wollte Dağlı dann aber erst einmal Jura studieren. „Zum Glück habe ich das nicht gemacht, das hätte überhaupt nicht zu mir gepasst“, sagt sie heute und lacht. Stattdessen zog sie nach dem Abi nach Offenbach und studierte an der dortigen Hochschule für Gestaltung. „Das Programm an der HfG ist total vielfältig und es herrscht das Prinzip: Schau dich um und probiere aus, was es gibt. Dadurch sind meine Werke interdisziplinärer geworden. Mein Umgang mit Themen ist zwar stets fotografisch. Es kann sich aber auch mal eine Arbeit zu einer Skulptur oder Installation erweitern.“

Silberner Apfel mit der Aufschrift "great" steht neben Teetüten auf einer Arbeitsfläche.
Foto: Neven Allgeier
Ein großer, glänzender, dunkelgrüner Ball liegt auf einer wellenförmigen Schaumstoffunterlage in einem Regal.
Foto: Neven Allgeier
Frau sitzt auf dem Boden in einem Raum, trägt gestreifte Bluse und schwarze Hose, umgeben von Kunstwerken an der Wand.
Foto: Neven Allgeier
Eine Nikon Kamera, ein grüner Becher, ein Aschenbecher und ein blauer Werkzeuggriff auf einem Tisch.
Foto: Neven Allgeier

Ein Leben zwischen Kunst und Auftragsarbeit

Vor uns auf dem Tisch liegt eine Graviermaschine. „Damit kann ich das Glas von Bilderrahmen bearbeiten“, sagt Dağlı.“ Über das Foto eines Ohrs, in dem ein Piercing steckt, hat Dağlı zum Beispiel kunstvoll die Worte „Shine in Public“ ins Glas geritzt. Das Foto gehört zu einer Serie über Piercings und Körperschmuck. „Man nimmt eine Verletzung in Kauf, um schöner zu sein. Genau dieser Aspekt hat mich interessiert.“
Fragt man Dağlı nach Vorbildern, nennt sie keine Namen, sondern sagt: „Mir imponieren Fotograf*innen, die sowohl frei als auch angewandt arbeiten und beides unter einen Hut bringen.“ Auch sie selbst übernimmt neben ihren künstlerischen Projekten regelmäßig Auftragsarbeiten.
Aufträge bekommt sie zum Beispiel von der Frankfurter Agentur NONOT STUDIO vermittelt. In der Bar AMP im Frankfurter Bahnhofviertel ist Dağlı so etwas wie die Hausfotografin. „Von DJs über Drinks bis hin zum Merch, fotografiere ich dort alles, was gebraucht wird.“ Mit ihrer Kamera dokumentiert sie auch das El Barrio Festival, das einmal im Jahr im Metzlerpark neben dem Museum Angewandte Kunst stattfindet.

Dağlı ist nicht nur als Fotografin im Frankfurter Nachtleben aktiv. Sie tritt auch als die eine Hälfte des Duos Buttmoney in Erscheinung, das wiederum Teil eines DJ-Kollektivs ist, das viermal im Jahr im Club Silbergold bass-lastige, elektronische Musik auflegt. Back2Bass heißt das Kollektiv und die Partyreihe. Einmal im Monat zeichnen Back2Bass eine Radioshow auf, die von Brixton Radio ausgestrahlt wird – einem Sender, der seinen Sitz in London hat. Demnächst möchte sie auch eigene Musik produzieren.

Ein traditionelles, helles Saiteninstrument mit birnenförmigem Korpus, an eine Wand gelehnt.
Foto: Neven Allgeier

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Hin und wieder teilt Dağlı Fotos auf Instagram, wo sie auch unter dem Namen frechegoere1 postet. „Der Spitzname stammt aus einer Zeit, in der ich für meine große Klappe bekannt war. Inzwischen bin ich ruhiger geworden.“ Soziale Medien nutzt sie aber nicht in erster Linie, um eigene Arbeiten zu präsentieren, sondern um sich über die Kunstszene zu informieren „Ich finde es wichtig, mit anderen Kulturschaffenden vernetzt zu sein und bin an Wochenenden auf vielen Veranstaltungen. Künstler*innen sollten sich gegenseitig unterstützen.“

Aktuell sitzt Dağlı an ihrer Diplomarbeit. Sie porträtiert Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte, die über ihr familiäres Erbe sprechen. Auch sie selbst macht mit: „Mein Opa hat mir Gedichte und Musikinstrumente vermacht. Eines der Fotos im Atelier zeigt Dağlı, wie sie mit dem Rücken zur Kamera auf einem Hocker sitzt und eine türkische Gitarre – eine sogenannte Baglama – spielt. „Das ist ein super Teil“, sagt sie. Dann greift sie in eines der beiden Regale im Raum, wo sich das Instrument befindet und schlägt eine Saite an.

Person mit langen Haaren sitzt auf einem Hocker, hält ein Musikinstrument und sieht von hinten.
Foto: Neven Allgeier

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