Multidisziplinäre Künstlerin Bárbara Luci Carvalho: „Es geht um Empowerment, Selbstbestimmung und darum, mit dem eigenen Körper einverstanden zu sein.“

26.03.2026

6 min Lesezeit

Autor*in:
Markus Wölfelschneider
Bárbara Luci Carvalho
Frau mit lockigem Haar, grauem Pullover und schwarzer Hose vor einem bunten gemusterten Hintergrund.

Bárbara Luci Carvalho betreibt ein Tanzstudio als Safe Space. Außerdem leitet sie das Internationale Frauen*-Theaterfestival und ist Teil des Antagon-Ensembles. Wir haben uns mit ihr in Fechenheim getroffen, wo sie lebt und arbeitet.

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Auf der einen Seite der Tanzsaal mit dem Schwingboden und der Spiegelwand. Auf der anderen ein gemütlicher Mix aus Wohnküche, Arbeitszimmer und Bibliothek. Es gibt ein Sofa mit vielen bunten Kissen. Auf dem Esstisch, an dem wir sitzen, stehen Schalen mit Nüssen und Heidelbeeren. Im Bücherregal reihen sich Werke über Dekolonialismus, Gender Studies und afro-diasporische Literatur aneinander.

Theorie und Praxis liegen hier nur einen Tanzschritt voneinander entfernt – verteilt auf zwei Räume, die lediglich ein Makramee-Vorhang voneinander trennt. Die große Glasscheibe in der Zwischenwand sorgt für eine helle, offene Wohlfühlatmosphäre. „Ich möchte in meinem Studio Tanz und Forschung miteinander verbinden“, sagt Bárbara Luci Carvalho. Ab April bietet sie einmal pro Woche Tanztrainings an, die sich speziell an Frauen* aus der afro-diasporischen Community richten. Für sie soll das Studio ein Safe Space sein.

Statuette der Jungfrau Maria vor einem Regal mit bunten Büchern.
Foto: Neven Allgeier
Heller Raum mit Spiegel, Holzboden, Kunstwerk an der Wand, Gymnastikball und dekorativer Figur.
Foto: Neven Allgeier

Antirassismus und Tanz

Getanzt wird zu Jazz, Blues, Funk, Samba oder World Music. „Es geht um Empowerment, um Selbstbestimmung und darum, mit dem eigenen Körper einverstanden zu sein.“ Zusätzlich möchte Carvalho eine Forschungsgruppe ins Leben rufen, die sich zweimal im Monat trifft, um über Themen wie „Antirassismus und Tanz“ zu diskutieren.

In Brasilien hat Carvalho Theaterpädagogik studiert. Nachdem sie bei einem Workshop an ihrer Theaterschule Bernhard Bub kennenlernte – den Gründer des Frankfurter Antagon Theaters – zog sie nach Deutschland und wurde Teil des Ensembles. „Ich war total motiviert und wollte sofort loslegen. Aber es gab eine Sprach- und eine Kulturbarriere. Ich musste erst einmal herausfinden, wie ich in dieses Land, diese Stadt und diese Theaterszene passe“, erinnert sie sich.

Zunächst stand sie als Schauspielerin auf der Bühne. „Da musste ich nicht so viel reden und konnte meinen Körper sprechen lassen.“ Viele Stücke des Antagon Theaters kommen ganz ohne Worte aus. Später wurde es ihr dann immer wichtiger, eigene Themen zu setzen. „Schon in meinem Studium in Brasilien hat es mich frustriert, dass dort fast nur weiße, europäische Theatergeschichte auf dem Lehrplan stand.“ Carvalho wollte dem etwas entgegensetzen. Fündig wurde sie zum Beispiel beim sogenannten Theater der Unterdrückten.

Fünf Bücher auf einem Tisch, daneben eine dekorative Schale und im Hintergrund ein Bild mit Blumenmotiv.
Frau mit lockigem Haar sitzt entspannt auf dem Boden, trägt einen grauen Pullover und schwarze Hose, lächelt.

Preisgekröntes Engagement in der freien Szene

Seit einiger Zeit schlägt sie in ihren Arbeiten eine Brücke zwischen Dekolonialismus und intersektionalem Feminismus, mit denen sie sich schon früher beschäftigt hat, und Umweltthemen. In „Water Bodies“ geht es um die wichtige Rolle des Wassers im Leben der Menschen. Bei dem Stück handelt es sich um ihre Abschlussarbeit im Studiengang Choreographie und Performance. Das Zweitstudium hat sie an der Uni in Gießen absolviert.

Im Rahmen der Sommerwerft – ein jährlich am Mainufer stattfindendes Festival – kuratiert Carvalho die Reihe „Porto Brasil“, in der Künstler*innen des Globalen Südens auftreten. Außerdem organisiert sie einmal im Jahr für das Magdalena Projekt das Internationale Frauen*-Theaterfestival. Vor genau zehn Jahren hat sie es ins Leben gerufen. Dieses Jahr ist Jubiläum. Bei beiden Festivals wird es dieses Jahr mit dem „Blue Lab“ einen Schwerpunkt mit Umweltthemen geben.

Für ihr Engagement wurde Carvalho im vergangenen Jahr mit dem Tony-Sender-Preis ausgezeichnet, den die Stadt Frankfurt vergibt. „Das war für mich eine riesige Anerkennung“, sagt sie. „Für das, was ich in der freien Szene mache, ist es oft schwierig, Räume zu finden oder Geld aufzutreiben. Ein Preis wie dieser, bestärkt mich darin, weiterzumachen.“

Die Wintermonate verbringt Carvalho meist in Brasilien. „Mir ist es wichtig, in Verbindung mit dem Meer zu bleiben“, sagt sie. In Salvador de Bahia, wo sie geboren wurde, liegt ein Theaterschiff aus Holz vor Anker, das Bernhard Bub einst mitgebaut hat. Vor kurzem hat Carvalho hier Workshops für Kinder und Jugendliche veranstaltet. „Ocean Literacy“ – also Meeresbewusstsein – war das Thema.

Buntes Kunstwerk mit zwei Figuren, Sonne, Mond und Pflanzen symbolisiert Gemeinschaft und Widerstand.
Foto: Neven Allgeier

„Für das, was ich in der freien Szene mache, ist es oft schwierig, Räume zu finden oder Geld aufzutreiben. Ein Preis wie dieser, bestärkt mich darin, weiterzumachen.“

Bárbara Luci Carvalho

Fließende Übergänge zwischen Leben und Arbeit

Wir schlüpfen in unsere Schuhe, die am Eingang auf uns warten. Carvalho führt uns auf das Gelände des Kulturvereins Protagon, wo das Antagon Theater seinen Sitz hat. Dafür müssen wir bloß eine Straße im Fechenheimer Industriegebiet überqueren. Zwanzig Erwachsene leben und arbeiten hier. Auch drei Kinder gehören zur der Gemeinschaft. Es ist Mittagszeit und ein angenehm würziger Geruch liegt in der Luft. In der riesigen Küche wird gerade gekocht.

Carvalho zeigt uns ihr Büro mit den Affenbrotbäumen vor dem Fenster. Wir schauen kurz in die große Halle, wo gerade Zelte gepackt werden. Aufgeschlagen werden sie in Spanien, wo das Ensemble nur wenige Tage nach unserem Besuch Station macht. „Dort praktizieren wir Poor Theater. Das ist Theater ohne Beleuchtung, ohne Technik, ohne Material“, erklärt Carvalho. „Wir steuern bewusst Orte mitten in der Natur an, wo wir fast kein Funknetz haben. Für mich ist das eine Art Digital Detox.“

Zwischen dem Hauptgebäude und den Bahngleisen stehen bunte Holzhütten und ausgemusterte LKW unter selbstgepflanzten Bäumen. Carvalho zeigt uns den gelben Bauwagen, in dem sie wohnt. Kleine Pfade führen an einer selbstgebauten Sauna und einer Feuerstelle vorbei. „Das ist mein Lieblingsplatz“, sagt sie. „Dort sitzen wir im Sommer zusammen, feiern, grillen, führen Gespräche und planen Projekte.“ Es gibt wohl kaum Orte, an denen Leben und Arbeiten so sehr miteinander verbunden sind wie hier.

Küche mit gelber Wand, Edelstahlgeräten, Töpfen, Gewürzen und einem Stapel Croissants im Vordergrund.
Foto: Neven Allgeier
Verzierte Metalltür mit geschwungenem Design, die zu einem gepflasterten Hof unter bewölktem Himmel führt.
Foto: Neven Allgeier
Tafel mit Wochenplan und Schubladen für Küchenutensilien sowie Gläser und Behälter auf einem Tisch.
Foto: Neven Allgeier
Büroansicht mit Pflanzen, Dekoration, Computer und Fensterblick auf die Straße.
Foto: Neven Allgeier

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