Future of Yesterday. Ein Einblick in die sXe- und Hardcore-Kultur von heute
24.03.2026
6 min Lesezeit
In dem Film „Future of Yesterday“ (2026) geht es nicht um die Entstehung der Straight-Edge-Szene. Vielmehr betonen Bárbara Wagner und Benjamin de Burca, wie langlebig und zeitlos das Genre heute noch ist − mit seinem DIY-Ansatz, seiner antikapitalistischen Haltung und seinem leidenschaftlichen Streben nach Unabhängigkeit.
Lorem Ipsum
In gerade einmal 20 Minuten entwerfen Bárbara Wagner und Benjamin de Burca in ihrem Film „Future of Yesterday“ (2026) die Geschichte einer musikalischen Gegenkultur. Da ist Kürze angesagt. Im Fokus des Films stehen Abspielgeräte zum individuellen und kollektiven Hören von Musik – vom Grammophon bis zum Tonbandgerät – sowie Erfindungen, die die Live-Musik und damit eine Vielzahl von Kulturen möglich gemacht haben: leicht zugängliche Instrumente, PA-Systeme für die Bühne und Verstärker. Zunächst sehen wir ein Grammophon, das das Lied „Heute ist noch heute“ spielt: Mit seinen fatalistischen Versen „Die Welt geht unter, lasst uns anstoßen“ animiert es die Zuhörer*innen dazu, sich durch Rauschmittel der Wirklichkeit zu entziehen. Es folgt ein Schnitt zu einer Jukebox: Sie dudelt einen für die 1960er-Jahre typischen gut gelaunten Popsong – „Dear Mrs Applebee“ von David Garrick –, während ein Mechaniker einen Truck wäscht. Dann ein Szenenwechsel: Die Kamera schwenkt zu einer Garage, wo die Protagonisten des Films, die Mitglieder der Bands One und Blinded, ihre Gitarren stimmen und sich einspielen, während düstere Post-Punk-Klänge nahtlos in den Grunge-Sound des ikonoklastischen Instrumentaltracks „Batman’s Suicide“ übergehen. Schließlich verwandelt sich das Garagensetting in eine Probesession, mit der sich die Straight-Edge- oder sXe-Band Blinded auf ihren Auftritt vorbereitet.
sXe und Hardcore neu interpretiert
Thema des Films ist nicht die Entstehung der „Straight Edge“-Szene, die ihren Ursprung in der US-amerikanischen Punkbewegung der frühen 1980er-Jahre hat. Die Bezeichnung „Straight Edge“ geht übrigens zurück auf einen 45 Sekunden langen Song der Band Minor Threats, der vom Verzicht auf Drogen handelt. Vielmehr betont der Film die Fortdauer und Zeitlosigkeit des Genres mit seinem DIY-Ansatz und seiner antikapitalistischen Haltung. Als ich mit Anfang zwanzig in Brighton lebte, war ich Mitglied in einer Band, die irgendwo zwischen Minor Threat und den beiden hier vorgestellten Bands – Blinded und One – anzusiedeln wäre. Was sie miteinander verbindet, ist ein Bekenntnis zu unabhängigen Produktionsweisen und Locations sowie zum Schreiben von Songs, die Autoritäten hinterfragen und sich gegen Unterdrückung aussprechen. In den frühen 2000er-Jahren schrieben wir Songs über den Krieg gegen den Terror, über die Antiglobalisierungsbewegung und homophobe Gesetzgebung; einige von uns trugen Kleider oder Make-up – um ein Zeichen zu setzen für unser Eintreten zugunsten persönlicher Freiheit –, während wir vor Projektionen von Revolutionsfilmen auftraten. Der raue Hardcore-Punk, den wir spielten, war nicht immer heiter, und doch besaß er einen gewissen Optimismus. Er griff soziale Themen auf und forderte eine Welt, die frei sein sollte von Imperialismus und Vorurteilen – diese Anliegen sind trotz unserer Bemühungen aktueller denn je.
Blinded und One sind deutlich weitergekommen als wir damals und haben sich ein Publikum über analoge und digitale Plattformen aufgebaut. Sie bespielen Kassetten, verkaufen diese bei ihren Konzerten und treten nun auch in dem Film „Future of Yesterday“ auf: Sein Titel ist einem Demotape entlehnt, das Blinded auf einer tragbaren Stereoanlage abspielen, während die Band ihren Wagen für einen Gig belädt. Das gemeinschaftliche Spielen porträtieren Wagner und de Burca hier, wenn sie eine Szene einfangen, die eine neue Generation zeigt. Diese ist Frauen gegenüber offener, als es in der Vergangenheit der Fall war, und ebenso politisiert, denn angesichts zusammengestrichener Sozialleistungen, rapide gestiegener Mieten in den Städten und rarer Probenräume ist es für junge Leute schwieriger denn je, Musik zu machen. Der erste Song, den wir hören, zeichnet ein düsteres Bild vom urbanen Leben des 21. Jahrhunderts: „Late-night workers getting off their shift / The bitter taste of coffee is their only gift“. Aus den reibenden Gitarrensounds und kreischenden Vocals spricht ein tiefgreifendes Gefühl der Entfremdung. Dennoch haben Blinded einen Raum geschaffen, in dem sie und ihre Fans alledem entfliehen können. Denn selbst wenn sie über Probleme im sozialen Miteinander singen, darüber, sich durch die Blicke anderer eingesperrt zu fühlen, verwandelt die Crowd doch die Wahrnehmung, „in einem überfüllten Raum allein zu sein“, in etwas Befreiendes. Männer und Frauen kommen im Moshpit zusammen, springen fröhlich in- und aufeinander, während ein queeres Paar sich im ungeschützten Raum einen genderlosen Kuss gibt – auch heute noch bestehen die Band wie schon zu meiner Zeit überwiegend aus heterosexuellen weißen Männern, doch schaffen sie einen Raum für Veränderung und bilden unverkennbar Allies im Kampf gegen Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Rassismus.
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Ein Ort, an den man dazugehört
Blinded sind auch der Skater-Kultur verbunden – wir sehen sie auf ihren Boards, anschließend beim Spielen in einer mit Graffiti bekritzelten Tiefgarage. Diese wirkt wie ein Ort, an dem Skater und Skaterinnen Freestyle fahren und Bands in Guerilla-Gigs auftreten. Wir sehen eine Probesession, die damit endet, dass die Band durch grell leuchtende Autoscheinwerfer aus dem Rhythmus gebracht wird. Der Song von ihrer EP-Kassette „Dodging Bullets“ (2025) handelt vom Kampf um Selbstbestimmung und gegen Selbsthass. Damit leistet er wertvolle Arbeit: Er gibt Gefühlen eine Stimme, von denen Menschen oft meinen, dass sie diese nicht ausdrücken können oder sollen. „I have the right to exist“, lautet der Refrain – ein Großteil dieser Kultur dreht sich um Leute, die Räume schaffen, an denen sie das Gefühl haben, nicht beurteilt zu werden, noch bevor sie überhaupt den Mund aufmachen, Räume, in denen alle eine klare Vorstellung miteinander teilen, wie ihre Welt aussieht, ohne dass ihr Blick dabei durch den Nebel von Alkohol oder Drogen getrübt würde, und zudem eine Vorstellung, wie sie diese Welt verändern möchten. Es ist eine Kultur, die sich weiterentwickeln und wachsen wird, die ihren lyrischen Fokus mit der Zeit verlagern, sich jedoch ihr leidenschaftliches Streben nach Unabhängigkeit bewahren wird – ganz gleich, wie viele Herausforderungen sich damit verbinden.
