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Ein fabrikneuer Staubsauger

03.08.2012

4 min Lesezeit

Autor*in:
Sabine Weier
Jeff Koons
Schon in seiner ersten Werkserie „The New“ erhob Koons das Banale in die sakralen SphĂ€ren der Kunst – damit wollte er sie fĂŒr alle zugĂ€nglich machen.

Im Liebieghaus steht ein Staubsauger. Fabrikneu und prĂ€sentiert wie im Schaufenster eines Kaufhauses. Sein zylindrischer Körper steht auf vier Rollen, den eierschalfarbenen Kunststoff schmĂŒckt eine blaue Banderole mit roten Linien, die SchriftzĂŒge „wet dry vac" und „shop vac" geben Auskunft ĂŒber die Funktion des GerĂ€ts. Dass es sich hier um ein Kunstwerk handelt, verrĂ€t neben der Platzierung in der Skulpturensammlung des Liebieghauses auch eine durchsichtige Acrylbox, die als Sockel fĂŒr das Readymade fungiert. FĂŒnf weiße Leuchtröhren liegen in der Box und strahlen den Staubsauger von unten an. Der „New Shop-Vac Wet/Dry" von 1980/81 gehört zu den ersten wegweisenden Arbeiten von Jeff Koons und ist Teil der Werkserie „The New", die gerade auch in der Fondation Beyerler in Basel zu sehen ist. „The New" markiert in gewisser Weise den Beginn einer kĂŒnstlerischen Entwicklung.

Koons verwendete diverse Staubsauger und Teppichshampoonierer fĂŒr die Serie und inszenierte sie in Plexiglasvitrinen ĂŒber- und nebeneinander in exakt gleichen Posen. So betonte er den seriellen Charakter der Massenware, aber auch ihr Ă€sthetisches Potenzial, etwa indem er Varianten des gleichen Modells in verschiedenen Designs und Farben arrangierte. Die Acrylsockel mit Neonleuchten, auf denen er sie platzierte, sind eine deutliche Referenz an die Minimal Art, ganz explizit zu Dan Flavin, der in den 1960er-Jahren mit seinen Rauminstallationen aus Leuchtröhren berĂŒhmt wurde. Eine davon ist dauerhaft im StĂ€del Museum installiert.

Das Neue in der Kunst

„The New" stellt weitere BezĂŒge zur jĂŒngeren Kunstgeschichte her: zur Appropriation Art zum Beispiel und zur Pop Art. Andy Warhol war der erste, der Massenprodukte wie die Brillo-Waschmittelboxen skulptural arrangierte. Und natĂŒrlich zu Marcel Duchamp, der in den 1910er-Jahren das Readymade, also einen als Kunstwerk inszenierten Alltagsgegenstand, erfand. Sein bekanntestes ist „Fountain" aus dem Jahr 1917, ein umgedrehtes und signiertes Urinal. Duchamp stellte mit diesem radikalen, subversiven Akt das konservative KunstverstĂ€ndnis in Frage und machte damit den Weg fĂŒr ein Jahrhundert frei, dass versuchte, die Kunst neu zu erfinden, sie medial, formal und intellektuell zu befreien und einem breiten Publikum zugĂ€nglich zu machen. Auch Jeff Koons Arbeiten aus „The New" ist in diesem Kontext zu betrachten.

Neben Staubsauger-Plastiken gehören zu Koons erster Werkserie auch Lithografien von vorgefundenen Werbeanzeigen, die mit dem Wort „New" um Aufmerksamkeit buhlen. Und ein Foto, das Koons als kleinen Jungen mit Malbuch und Stiften selbstbewusst in die Kamera lĂ€chelnd zeigt. Den Abzug des alten Fotos nutzt Koons wie ein Readymade, macht es zum in die Serie integrierten SelbstportrĂ€t. Die Grenzen dessen, wie ein SelbstportrĂ€t aussehen kann, sollte Koons spĂ€ter noch weiter strapazieren -- in der aufsehenerregenden Serie „Made in Heaven". Das mit dem Titel „The New Jeff Koons" ĂŒberschriebene Foto zeigt schon viel von dem, was Koons zu einem der bekanntesten KĂŒnstler der Gegenwart machen wird: der Wille, sich und seine Werke selbst perfekt zu inszenieren und unbeirrt neue Wege in der Kunst zu gehen.

Die Arbeiten verkörpern etwas Unbeflecktes

Inmitten der bunten, glĂ€nzenden, motivgewaltigen Skulpturen seiner anderen Serien wirkt der Staubsauger im Liebieghaus unerwartet befremdlich. Doch in dieser frĂŒhen Werkserie nahm der junge KĂŒnstler schon Themen vorweg, mit denen er sich auch in seinen spĂ€teren Serien auseinandersetzt, so unterschiedlich sie dann formalĂ€sthetisch auch ausfallen mögen. Wie der Serientitel ankĂŒndigt, sind die Staubsauger nagelneu, unberĂŒhrt, nie ĂŒber einen schmutzigen Teppich geglitten. Sie verkörpern etwas Unbeflecktes, wie spĂ€ter auch die Spielzeug-Delfine, Popeye und viele andere Werke.

Koons erhebt das Banale in die SphĂ€ren der Kunst, verfrachtet Staubsauger der Marke „Hoover", die fast jeder Amerikaner in seinem Wohnzimmer stehen hatte, in die heiligen Hallen der Kunst. Auch in den 1980er-Jahren, lange nach Duchamp, lag darin noch subversives Potential. Man kann die Sakralisierung des Staubsaugers sicherlich auch als ironischen Kommentar auf die Konsumgesellschaft verstehen. Vor allem aber steht „The New" fĂŒr Koons' programmatischen Ansatz, Kunst fĂŒr alle zugĂ€nglich zu machen.