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Die Revolution stirbt nicht an Bleivergiftung

20.01.2015

4 min Lesezeit

Pop Art in deutschen StÀdten, Teil 3: in Frankfurt wird die AnnÀherung von Kunst und Leben wie nirgendwo sonst vollzogen.

Die Amerikanisierung schlĂ€gt in der neuen BRD wie eine Konfetti-Bombe ein. Das lĂ€sst sich auch an Namen ablesen. Hat DĂŒsseldorf seine Kultkneipe „Creamcheese", kontert Frankfurt, wo die Amerikaner ein Hauptquartier und viele Kasernen unterhalten, mit „Popshop Pudding Explosion". Dort gibt es „Haschischpfeifen ohne Inhalt und sogenannte Psycho-Brillen, die vergrĂ¶ĂŸern oder das Licht facettenartig brechen", schreibt der Spiegel 1968 ĂŒber den Laden von Peter Roehr und Paul Maenz, und weiter: „‚Psychodelicatessen mit Hippie-Zubehör' umreißen die Jungunternehmer das Verkaufsprogramm des in Deutschland einzigartigen Etablissements - eines kahlen 60-Quadratmeter-Raumes mit Zementfußboden, in dem der schwere Duft glimmender Indischer RĂ€ucherstĂ€be wabert."

In Frankfurt eröffnen einige der grĂ¶ĂŸten Werbeagenturen aus den USA ihre Ableger. Peter Roehr, der bis zu seinem frĂŒhen Tod mit 23 Jahren hunderte von Arbeiten schafft, macht zunĂ€chst eine Lehre als Leuchtreklame- und Schilderhersteller. SpĂ€ter studiert er Kunst in Wiesbaden. Maenz arbeitet als Werbegrafiker bei Young & Rubicam in Frankfurt und New York. Von dort bringt er EindrĂŒcke der boomenden Pop Art und Minimal Art zurĂŒck nach Frankfurt. Als Maenz spĂ€ter Galerist wird, pflegt er gute Beziehungen zu New Yorker Kollegen, etwa zu Leo Castelli, der schon frĂŒh die Pop Art in den USA fördert.

Das serielle Arrangement wird zum Markenzeichen der Kunst aus Frankfurt

Auch der KĂŒnstler Thomas Bayrle ist zunĂ€chst in der Werbebranche als Grafiker tĂ€tig. Zeitweise unterhĂ€lt er in Frankfurt eine eigene Agentur. Wie bei Warhol, der als Illustrator in der Werbung arbeitete, bevor er zur Kunst kam, erwĂ€chst das kĂŒnstlerische Interesse Roehrs und Bayrles aus der BeschĂ€ftigung mit visuellen Werbebotschaften. Im Auftrag der Agentur McCann erhĂ€lt Bayrle eine Carte Blanche fĂŒr eine Aktion im Auftrag der hollĂ€ndischen Teppichmarke „Enkalon". Er ĂŒberzieht Lastwagen mit Teppichboden, bringt eine Sprechblase mit dem Markennamen an und lĂ€sst sie so in der Stadt umherfahren. Auf PlakatwĂ€nden prĂ€sentiert er Rastermuster mit Bildern von Menschen und Teppichstrukturen.

Das serielle Arrangement wird zum Markenzeichen der Kunst aus Frankfurt. Roehr etwa ordnet Bierdeckel und Werbeanzeigenschnipsel zu Mustern an. Außerdem schafft er Bild- und Tonmontagen, in denen er zum Beispiel Mitschnitte aus deutschen und amerikanischen RundfunkbeitrĂ€gen sowie Werbebotschaften verarbeitet. 1967 organisieren Roehr und Maenz in der Studio-Galerie der Frankfurter Goethe-UniversitĂ€t die Ausstellung „Serielle Formationen" mit Werken von KĂŒnstlern wie Carl Andre und Donald Judd. Bayrle lĂ€sst fĂŒr ein Frankfurter Modeatelier selbst RegenmĂ€ntel mit seriellen Motiven bedrucken. In Galerien in Essen, Köln und Mailand fĂŒhren Models die MĂ€ntel vor.

Im Visier: Springer, Auschwitz, Wirtschaftswunder

Wie in DĂŒsseldorf und Berlin entwickelt auch die Frankfurter Szene politische Sprengkraft. Es ist die Zeit der Studentenbewegung. 1968 werden Andreas Baader, Gudrun Ensslin und andere, die spĂ€ter die „Rote Armee Fraktion" grĂŒnden, Feuer in zwei Frankfurter KaufhĂ€usern legen. Den von der Studentenbewegung gehassten Springer-Verlag und seine Bild-Zeitung attackiert der KĂŒnstler Bazon Brock schon 1963 in der Galerie Loehr und 1965 auch bei RenĂ© Block in Berlin mit seiner Aktion „Bloomsday". Er richtet einen „Wohnraum eines BILD-Lesers" ein, durch den ein Stacheldraht verlĂ€uft, durch Tassen, Teller, Fernsehbild und Butter, um das Zimmer in zwei deutsche HĂ€lften zu teilen. Damit habe er dagegen protestiert, dass die Bild-Zeitung tĂ€glich auf die deutsche Trennung verwies, so Brock auf seiner Webseite.

Auf der Frankfurter Hauptwache verteilt er 5.000 Exemplare der im Look der Bildzeitung adaptierten „Bloomzeitung" mit eigenen Texten. 1966 inszeniert er in Frankfurt das „Theater der Position" und entwirft dafĂŒr ein in Werbung und Massenmedien inspiriertes BĂŒhnenbild. „Die BĂŒhne war reich gespickt mit sich rĂ€kelnden schönen MĂ€dchen und anderen GebrauchsgegenstĂ€nden wie Plastikkörben, BĂ€llen, GartenschlĂ€uchen und Waschmittelpaketen", schrieb die Zeit, und „eine Schar Baseballspieler (...) wird wĂ€hrend ihres martialischen Treibens berieselt von einem Regen zarter BHs (...), die eine sich hörbar duschende Dame ĂŒber ihr PlastikstĂ€llchen hinweg zĂ€rtlich auf die BĂŒhne wirft".

1963 beginnen in Frankfurt die Ausschwitzprozesse gegen Mitglieder der Lagermannschaft des Vernichtungslagers. Drei Jahre spĂ€ter fertigt Bayrle seine „NĂŒrnberger Orgie", ein kinetisches Objekt mit einem ausgestreckten Arm im roten Ärmel mit Hakenkreuz, der sich durch einen Elektromotor angetrieben immer wieder zum Hitlergruß streckt. Als 1968 in Berlin auf Rudi Dutschke geschossen wird, entwirft Bayrle ein Plakat, das fortan auf jeder Demo zu sehen ist: Ein Bild von Dutschke mit dem Slogan „Die Revolution stirbt nicht an Bleivergiftung!". Die AnnĂ€herung von Kunst und Leben, die die Pop Art ĂŒberall antreibt, wird in Frankfurt wie nirgendwo sonst vollzogen.