Der Tischventilator surrt auf Höchststufe. Zur weiteren AbkĂŒhlung bringt uns der Frankfurter Bildhauer Anselm Baumann eine Flasche mit Ingwer-Orangen-Wasser, das er aus einer kleinen Brauerei im Odenwald bezieht. Gerade eben hat er noch mit seinem GetrĂ€nkelieferanten telefoniert, um Nachschub zu organisieren. Bei Temperaturen von annĂ€hernd 40 Grad fast schon ein Notruf.
Wir sitzen im BĂŒrozimmer seines Ateliers im Fechenheimer Industriegebiet, das ĂŒber eine KĂŒche mit der Werkstatt verbunden ist. Durch die Fenster blickt man auf den eindrucksvollen Fuhrpark einer Firma, die sich auf Schwertransporte spezialisiert hat. âDie wirbeln die wuchtigsten Teile herum wie Zigarettenschachteln und haben mir schon oft geholfenâ, sagt Baumann. Sein dreieinhalb Tonnen schwerer Keramikofen zum Beispiel, der im Hof gleich gegenĂŒber der Laderampe steht, wurde von einer der Hubmaschinen an Ort und Stelle gerĂŒckt.
Der Ventilator surrt, wir trinken Ingwer-Orangen-Wasser
âDiese RĂ€ume hier in der Lagerhalle einer ehemaligen Spedition bekam ich vor fĂŒnf Jahren angeboten. Weil sie mir zu groĂ und zu teuer waren, trommelte ich drei weitere Leute zusammenâ, erzĂ€hlt Baumann. âDer Vermieter hat dann alles nach unseren WĂŒnschen umgebaut â und inzwischen Gefallen daran gefunden, an KĂŒnstler zu vermieten. Auch in einem NachbargebĂ€ude, das ihm gehört, befinden sich nun Ateliers.â
Die groĂe Hitze, die bei unserem Besuch in Frankfurt herrscht, ist Baumann ĂŒbrigens durchaus willkommen: âSie sorgt dafĂŒr, dass mein Gips schneller trocknetâ, freut er sich. Insgesamt 48 Gipsplatten bilden die HintergrundflĂ€che fĂŒr ein abstraktes Wandrelief, das Baumann bei einer Ausstellung zu Ehren des befreundeten KĂŒnstlers Michael Beutler bald im Oldenburger Kunstverein zeigt. Auf die derart verkleidete Wand hĂ€ngt er dann vergleichsweise kleinformatige Keramikreliefs, die teilweise Variationen desselben Musters wie die Gipsplatten aufweisen: eine Waffelstruktur, wie man sie von jener Sorte Wellpappe kennt, mit der Weinflaschen bruchsicher verpackt werden.
Baumann wurde 1958 in Freiburg geboren, wo er nach dem Abitur an der traditionsreichen MĂŒnsterbauhĂŒtte eine Ausbildung zum Steinbildhauer machte. âEs ging mir darum, einen Einstieg in den handwerklichen Umgang mit dem Material zu findenâ, sagt er. âManchmal steht es einem aber auch im Weg, wenn man zu viel kann. Ich habe immer nach etwas gesucht, das ich nicht kann. Ich will mich ĂŒberraschen und vom Material leiten lassen. Darum habe ich mich auch alle fĂŒnf bis sieben Jahre mit neuen Werkstoffen beschĂ€ftigt: Von Sperrholz ĂŒber Gips bis hin zu Beton, Keramik, Porzellan und Kunststoffâ, erzĂ€hlt Baumann.
Im Anschluss an seine Lehre schrieb er sich als Gaststudent an der Kunstakademie in Karlsruhe ein und bekam ein Stipendium an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Es folgten erste Ausstellungen AuĂerdem gewann Baumann mehrere Wettbewerbe zum Thema Kunst am Bau. âIch interessiere mich sehr fĂŒr Architektur. Einige meiner Installationen befinden sich in DurchgangsrĂ€umen â TreppenhĂ€user oder Foyers. Mir gefĂ€llt der Gedanke, dass man sich als Betrachter das Kunstwerk erlaufen muss. Das trifft auch auf meine Wandreliefs zu, die immer anders aussehen. Je nachdem, von welcher Seite man sich nĂ€hert.â
Ich habe immer nach etwas gesucht, das ich nicht kann. Ich will mich ĂŒberraschen und vom Material leiten lassen.
Nach Frankfurt kam Baumann ĂŒber Stationen in New York und Berlin, wo er zeitweise lebte. âIn Frankfurt hatte ich Freunde. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir Ende der Achtziger im Ruderdorf am Osthafen saĂen und vertrĂ€umt ĂŒber den Main schautenâ, erzĂ€hlt er. âIch sagte, wie schön ich es fĂ€nde, dort drĂŒben ein Atelier zu haben. Das Haus gegenĂŒber â inzwischen ist es lĂ€ngst abgerissen â gehörte der Firma Thyssen. Ein paar Tage spĂ€ter erfuhr ich zufĂ€llig, dass die Betriebskantine aufgelöst wurde und ich die RĂ€ume tatsĂ€chlich anmieten konnte.â 1989 zog Baumann nach Frankfurt. Kaum war er hier, kam im Radio die Meldung vom Mauerfall. Ironischerweise war der komplizierte Grenzverkehr, der ja nun wegfiel, einer der GrĂŒnde, weshalb er aus Berlin weg wollte.
Zartfarbige Ringe aus Expoxidharz sind sein Markenzeichen
Mitte der Neunziger begann Baumann mit einer Serie von zartfarbigen, leicht transparenten Ringen aus Epoxidharz, die von absurd wuchtigen Porzellanhaken an der Wand gehalten werden. Kombiniert zu immer neuen Formationen, sind sie inzwischen so etwas wie sein Markenzeichen geworden. Aus einer Rollschublade in seinem BĂŒro kramt Baumann den Prototypen hervor. âEr ist dem Handtuchhalter in meinem damaligen Badezimmer nachempfunden â und noch relativ kleinâ, erzĂ€hlt er. âIm Laufe der Zeit wurden die Haken immer gröĂer.â
Baumann fĂŒhrt uns einen Raum weiter â vom BĂŒro in die Werkstatt. Hier gibt es eine GipskĂŒche mit Spezialwaschbecken. AuĂerdem jede Menge Werkzeuge wie KreissĂ€ge, BandsĂ€ge und OberfrĂ€se. Auf einem Tisch stehen Vasen, die Baumann im Freundeskreis verkauft und seit kurzem auch auf Instagram prĂ€sentiert. Neben eigenen Werken produziert er unter dem Label Ostpool (der Name ist ein Relikt aus seiner Zeit im Osthafen) gelegentlich auch Modelle, Skulpturen und Installationen in Kooperation mit anderen KĂŒnstlern - Tobias Rehberger und Anne Imhof zum Beispiel.
Anselm Baumann hat schon mit Tobias Rehberger und Anne Imhof kooperiert
Unter der Decke hĂ€ngt eine Skulptur aus weiĂgestrichenem Holz, die zu Imhofs Performance âAngstâ gehörte. Mit Leder bezogen stellte sie eine Art Boxsack dar. RegelmĂ€Ăig gibt Baumann sein Know-how auch an Studenten der Offenbacher Hochschule fĂŒr Gestaltung weiter. âIch berate sie bei der Realisierung und Finanzierung ihrer Projekte und ihnen steht auch mein Atelier offenâ erzĂ€hlt er.
