Ihre Rollen, zuletzt beispielsweise fĂŒr einen Auftritt im Film âGeschlechterkampf: Das Ende des Patriarchatsâ von Sobo Swobodnik und Margarita Breitkreuz, schreibt sich Michaela Dudley am liebsten selbst auf den Leib. Wie sie auch Lieder fĂŒr die eigenen Auftritte komponiert und textet, Filme ins Amerikanische ĂŒbersetzt oder Kolumnen und Kommentare schreibt, die im aktuellen Diskurs ungewohnt scharf und deutlich aus intersektionaler Richtung gegen Antisemitismus Stellung beziehen. âEingefleischt vegane Domina zieht vom Lederâ lautet ihr Kabarettprogramm, als selbsterklĂ€rte âDiva in Diversityâ sowie âFrau ohne Menstruationshintergrundâ tritt Dudley in die Ăffentlichkeit. Man könnte festhalten, dass sie in alle Richtungen austeilt und dabei gerade auch das eigene Umfeld nie schont â liebevoll, aber mit dem gebotenen Ernst.
Ăber die Schönheit kleiner Clubs, das Kabarett als Königsdisziplin, die Lustigkeit der deutschen Sprache, gefĂ€hrlichen Zeitgeist und wie soziale Medien die eigene Arbeit radikal verĂ€ndert haben, erzĂ€hlt Michaela Dudley an dieser Stelle.
Michaela, erinnerst du dich an deinen allerersten BĂŒhnenauftritt als Kabarettistin?
Michaela: Oh ja, das Erlebnis ist allerdings fĂŒnfzig Jahre her! Es war in den USA, ich war dreizehn. Als Kind war ich auserwĂ€hlt worden, sonntags wĂ€hrend der heiligen Messe vorzulesen. Denn ich war die Nummer eins des Jahrgangs auf der katholischen Schule. Oje, ich war solch ein schmĂ€chtiges Ding mit Aschenbecherbrille. SchmĂ€chtig, aber erstaunlich schelmisch. Es half mir gegen das Mobbing.
Eines Sonntags, als ich die Kanzel betrat, tobte drauĂen ein heftiger Sturm. Durch die Buntglasfenster konnte man sogar den Blitz sehen. Plötzlich gingen die Lichter aus. Der Priester gönnte sich bei der Gelegenheit einen Zug aus der Pulle und gab mit einer Geste zu erkennen, ich solle gerne weitermachen. Doch der Kerzenschein reichte nicht aus. Einer der Messdiener reichte mir deshalb eine Taschenlampe, und diese glĂŒhte wie eine scharlachfarbene Lampe. Zu allem Ăberfluss stieĂ ich versehentlich gegen die Bibel. Als ich das Buch der BĂŒcher wieder aufhob, war das Lesezeichenband nun versetzt. Die Lektion, die ich vorlesen sollte, war Johannes 3,16 aus dem Neuen Testament: âDenn Gott liebte die Welt so sehr âŠâ
Ich konnte die Stelle aber nicht mehr finden, so wĂ€hlte ich notgedrungen irgendeine andere Lektion. Wie zufĂ€llig Korinther 6,13. Es war von den Ziffern her ĂŒbrigens geradezu elliptisch. Doch der Inhalt war vergleichsweise brisanter. Ich, noch in der PubertĂ€t steckend, las vor: âDer Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn ...â Dann schloss ich mit dem improvisierten Zusatz: âLesung aus dem Rotlicht-Viertel.â Eine Anspielung auf die Taschenlampe, aber auch auf die biblische Faszination mit dem Ă€ltesten Gewerbe der Welt. Ziemlich dreist fĂŒr dreizehn Jahre.
In der Kirche hat mich ja der Teufel geritten. Sogleich rechnete ich mit SchlĂ€gen. Meine Mutter, die an der Orgel hockte, kommentierte mit einem dĂŒsteren Moll-Akkord. Der Priester kriegte einen Hustenanfall, ich sehe noch seinen bebenden Bauch. Auf einmal aber brachen die Leute in verlegenes GelĂ€chter aus.
Heute stehst du, vermutlich eher nicht zum Gefallen der Kirchengemeinde, mit deinem Kabarettprogramm âEine eingefleischt vegane Domina zieht vom Lederâ regelmĂ€Ăig auf der BĂŒhne. Hattest du Vorbilder?
Michaela: EinflĂŒsse, ja. Joan Rivers, Don Rickles, Dick Gregory, Flip Wilson. JĂŒdinnen und Schwarze. Immer mit einer Mischung aus Selbstironie und Sozialsatire. Bissig und brachial, aber geistreich. Dazu kommt der groĂartige Mark Russell, der musikalische Satirist. Alle sind jetzt seligen Andenkens, aber sie haben mich inspiriert.
Du warst mehrmals im ĂRR zu Gast, wo dich eine Viertelmillion Menschen sehen, gleichzeitig trittst aber auch in kleinen Clubs vor knapp 100 Anwesenden auf. Was gefĂ€llt dir besser?
Michaela: Beide Arten von Erfahrungen motivieren mich. Im Fernsehen erlangst du auf Anhieb eine enorme Tragweite. Aber in den kleinen Clubs kannst du die Leute tatsĂ€chlich sehen. Beim Atmen hören. Und riechen, wer Knoblauch ebenfalls liebt. Und spĂŒren. Mit denen in der ersten Reihe kannst du so richtig auf TuchfĂŒhlung gehen. Das hatte ich neulich beim Stand-up in Hamburg-Ottensen. Die IntimitĂ€t ist toll.
Wie hat sich die kabarettistische Arbeit seit deinen AnfĂ€ngen fĂŒr dich verĂ€ndert - deine eigene Performance, aber auch der Betrieb, das Publikum?
Michaela: Das Internet, vor allem die âsozialenâ Medien fĂŒhren dazu, dass die jĂŒngeren Leute knackige Sound-Bites erwarten. âLet's skip to the good partâ. Instant-Schenkelklopfer. Das ist leider wie Sex ohne Vorspiel. Denn das Kabarett ist das Story-Telling. Es hat eine gewisse Dramaturgie, die nicht immer darauf bedacht ist, in 15-Sekunden-Clips aufgeteilt zu werden. NatĂŒrlich habe ich One-Liners in meinem Repertoire, aber sie sind wie Salz und Pfeffer: GewĂŒrze zum Gericht.
In ganz anderer Hinsicht gibt es auch erfreuliche VerĂ€nderungen: So unterstĂŒtze ich begeistert das Engagement der wörtlich ausgezeichneten Kollegin Gesine Cukrowski, was die Sichtbarkeit von Frauen ĂŒber 50 und von GenderdiversitĂ€t in Film, Fernsehen und Theater betrifft.
Du bist Autorin, Juristin (Juris Dr., US), DiversitĂ€tsexpertin, Ăbersetzerin, Schauspielerin, sogar Ex-MilitĂ€rperson. Doch das Kabarett ist fĂŒr dich, wie du sagst, die âKönigsdisziplinâ. Weshalb?
Michaela: Als Queen liebe ich die Königsdisziplin. Kabarett ist Unterhaltung mit gesellschaftskritischer Relevanz. Es fordert sowohl den Intellekt als auch die Lachmuskeln des Publikums. Das Kabarett ist allerdings dafĂŒr da, um sowohl gegen das System als auch gegen den Schwarm zu Ă€tzen. Ja, nicht nur die Maschinerie, sondern auch die Meute. Denn kaum etwas ist so zukunftsgefĂ€hrdend wie der Zeitgeist.
Wie gefÀhrlich ist der aktuelle Zeitgeist?
Michaela: Sehr gefĂ€hrlich. Seit dem 7. Oktober 2023 flackert der lange vor sich brodelnde Antisemitismus bösartig auf. Unter dem Deckmantel der Israel-Kritik. Aber war heiĂt Deckmantel? Inzwischen tragen auch und gerade Linke den Judenhass wie eine Monstranz vor sich her. Die einst erhoffte linke Brandmauer gegen den Antisemitismus hat sich in Flammen aufgelöst. Zugleich ist es in der woken Community cool, jĂŒdischen Vergewaltigungsopfern die kalte Schulter zu zeigen. Wie war das mit der SolidaritĂ€t?
In deinen Zeitungskommentaren prangerst du, aus einem intersektionalen VerstĂ€ndnis heraus, die fehlende Empathie fĂŒr JĂŒdinnen und Juden an. Vor Kurzem warst du auch in der JĂŒdischen Gemeinde Frankfurt zu Gast.
Michaela: Ich tue, was ich kann. AufklĂ€ren, agieren, agitieren. Du, wir sind in der Heimat des Holocausts. Wehret den AnfĂ€ngen! Nie wieder ist jetzt! In meiner Jugend in den USA der 1960er-Jahre spielte ich mit den Kindern von Holocaust-Ăberlebenden zusammen. Es schweiĂt zusammen. Immerhin vermisse ich die Anteilnahme vieler in der Unterhaltungsindustrie, was das Leid jĂŒdischer Menschen betrifft.
Bezeichnenderweise haben gerade diese Erfahrung, das Aufwachsen mit jĂŒdischen Ăberlebenden, ja kaum in Deutschland geborene Menschen gemacht. So kommen wir zu einer weiteren biografischen Besonderheit, zumindest aus BRD-Sicht: Du bist in den USA aufgewachsen, aber dein Vater hat dir schon frĂŒh einige deutsche SĂ€tze beigebracht.
Michaela: Mein afroamerikanischer Vater war Jahrgang 1917. WĂ€hrend seiner Kindheit war Deutsch die primĂ€re Fremdsprache in der Schule. Danach, im Zweiten Weltkrieg, als er bei der US Air Force war, kam es gewissermaĂen zur Geltung. Immerhin lernte ich Deutsch von ihm, schon vor der Schule. Auch von deutschsprachigen Hörfunksendungen wie RIAS und SFB. SpĂ€ter in meiner Jugend sah ich gerne deutschsprachige Filme im Originalton, ob von Fritz Lang oder Rainer Werner Fassbinder. Â
Das Kabarett ist dafĂŒr da, um sowohl gegen das System als auch gegen den Schwarm zu Ă€tzen. Ja, nicht nur die Maschinerie, sondern auch die Meute. Denn kaum etwas ist so zukunftsgefĂ€hrdend wie der Zeitgeist.
Welche Rolle spielt die deutsche Sprache fĂŒr dich heute? Man sagt ihr nicht unbedingt nach, besonders humorvoll zu sein.
Michaela: Jein. Genau das ist das Witzige. Die deutsche Sprache gilt als prĂ€zise, aber ich finde ihre AmbiguitĂ€ten lustig. Es ergeben sich SĂ€tze wie âDas kannst du ruhig mal laut sagenâ oder âDu musst langsam mal schneller machenâ.
Haha, das sind sehr gute Beispiele, die ich auch hin und wieder verwende. Ein anderer sprachlicher Aspekt: Du bist bekannt dafĂŒr, keine Triggerwarnungen zu geben â beziehungsweise lautet deine einzige Warnung, ebensolche nicht zu geben. Warum?
Michaela: Als Schwarze, die gegen Antisemitismus, Rassismus, Misogynie und Queerfeindlichkeit kĂ€mpft, bekomme ich zum Beispiel keine Triggerwarnungen. FĂŒr mich ist die Triggerwarnung vielmehr die bereits abgefeuerte Kugel.
Triggerwarnungen beargwöhne ich, weil ich darin Tone-Policing wittere. Ja, ich sehe es als eine EinschrĂ€nkung der Meinungsfreiheit und des kĂŒnstlerischen Ausdrucks. Das Gebot der RĂŒcksichtnahme ist grundsĂ€tzlich gut. Aber eine Kultur ĂŒbertriebener Vorsicht fĂŒhrt dazu, schwierige Themen zu tabuisieren und den offenen Diskurs einzuschrĂ€nken. Der Ansatz ist ohnehin zutiefst oberflĂ€chlich. Als wĂŒrde man das N-Wort verbieten und den Rassismus somit fĂŒr beendet erklĂ€ren. Gerade als Schwarze stört es mich insbesondere, dass White Saviors mich bevormunden, angeblich, um mich zu beschĂŒtzen.
Qui bono? Wem nĂŒtzen die Warnhinweise? Meines Erachtens bescheren Triggerwarnungen nicht nur dem bösen Patriarchat, sondern auch der progressiven Community die Möglichkeit, sich aus der Mitverantwortung an der Ungerechtigkeit zu stehlen.
Blackaktivistin und Diversity Beraterin Michaela Dudley, © Michaela Dudley, image via br.de
Probleme verschwinden nicht, wenn sie oberflÀchlich getilgt sind. Aber ist das Gegenextrem nicht ebenso ein Freifahrtsschein, alle möglichen Ressentiments an anderen Menschen herauszulassen?
Michaela: Dann ist es aber keine Disziplin mehr. Dann ist es nicht mehr Kabarett, sondern Hetze. Und Hetze ist keine Meinung und somit auch nicht schĂŒtzenswert.Â
Apropos Disziplinen: Du arbeitest auch als Journalistin und Juristin, beides sehr sprachbasierte TĂ€tigkeiten, wie das Kabarett. Sind das fĂŒr dich zwei unterschiedliche Arbeits- und auch Betrachtungsweisen auf die Welt? Wo geht das zusammen, wo kommt es sich in die Quere?
Michaela: In beiden Disziplinen, Jura und Journalismus, sind Schlagfertigkeit und Sachlichkeit vonnöten. Und die zwei Eigenschaften sind auch im Kabarett unerlĂ€sslich. Ja, das Kabarett verlangt die Sachlichkeit. Es geht allerseits um das Analysieren. Ăberdies ist ein Sinn fĂŒr die Dramaturgie sehr wesentlich, ganz egal, ob auf der BĂŒhne, im Gerichtssaal oder in der Redaktion. Zwar ist der Spielraum jeweils anders, aber dramaturgische FĂ€higkeiten sind ĂŒberall wichtig, wo es darauf ankommt, strukturiert zu argumentieren und rhetorisch zu ĂŒberzeugen.
