20. Juni 2018

Ein Spektakel des Grostesken: Die Filme von Pauline Curnier Jardin zeigen eine verstörende, dystopische Welt, aus der Angst, Albtraum und Aberglaube sprechen.

Von Daniel Urban

Mit dem recht altertümlichen Nimmgib-Spiel werden wohl die Wenigsten die langen Freizeitnachmittage der Kindheit herumgebracht haben. Es handelt es sich dabei um ein Glücksspiel, bei dem um einen zuvor gesetzten Pfand – Büroklammern, Kleingeld oder was man sonst gerade so zur Hand hatte – so lange gespielt wird, bis schlussendlich ein Mitspieler den kompletten Einsatz gewonnen hat. Das Spielprinzip ist simpel: Ein Spieler dreht den Nimmgib-Kreisel, dessen sechseckige Seiten Aufschriften wie „Gib Zwei“, „Nimm eins“, „Nimm alles“ oder auch „Alle Geben“ tragen. Je nachdem, wie der Kreisel fällt, wird der Einsatz aufgeteilt.

Das Spiel, zu Englisch Teetotum, diente als Namenspatron von Pauline Curnier Jardins Videoarbeit aus dem Jahr 2017. Auch hier scheint man Kindern beim Spielen zuzusehen, allein: merkwürdige Spiele sind es, die da gespielt werden! Ein Kind oder eine jüngere Frau – das geschminkte Gesicht erschwert die Alterseinschätzung – lehnt sich auf einem Zirkusgelände in einer an den Tin-Man erinnernden Verkleidung gegen einen weißen Gartenzaun, die Augen geschlossen, ein wenig so, als sei es beim Versteckspiel zum Zählen bis 100 verdonnert worden. Verstörend wirkt allein die Schnittwunde im Hals, aus der unaufhörlich zähes, rotes Blut herausschießt.

In Jardins verstörendem Universum verschmelzen Albtraum und Wirklichkeit

Währenddessen immer wieder Szenen von Kindern, die in der Manege eines Zirkuszeltes in stetigen Bewegungen Hula-Hoop-Reifen um den Hals schwingen, die auch hier alsbald Blutspuren hinterlassen. Die einzige eindeutig erwachsene Person, die Jardin zeigt, ist eine Frau mittleren Alters, die sich auf einem Liegestuhl auszuruhen versucht – jedoch vergeblich, denn ein störendes Insekt wird irgendwann so penetrant, dass sie es kurzerhand mit einer Peitsche zu vertreiben versucht. Das Spiel der Kinder nimmt indes immer verstörendere Formen an.

Pauline Curnier Jardin. Teetotum (Filmstill), 2017
Pauline Curnier Jardin, Teetotum (Filmstill), 2017

Nicht nur bildsprachlich versteht es die 1980 in Marseille geborene Pauline Curnier Jardin im knapp vierminütigen „Teetotum“ unangenehme, fast verstörende Gefühle zu evozieren: Die Mischung aus Vertrautem (sonniges Wetter, Kinderlärm, eine sanft vor sich hinpluckernde Synthesizer-Melodie) sowie aus Horror-(Trash)-Elementen (flackerndes Licht, Blut) mag einen formal an Kenneth Angers oder auch David Lynchs Filme erinnern, die ihrerseits düstere Elemente im Alltäglichen und Gewöhnlichen ausmachten und den Zuschauer damit konfrontieren. „Ich habe diese kosmologische Tendenz - Immer wieder versuche ich ein Universum zu erschaffen, ein Universum, dessen naive Ambition die Logik, die Menschliches und Nichtmenschliches, Rationalität und Emotionalität, das Sakrale und Profane, Maskuline und Feminine […] trennt, durcheinanderwirft und so aufzeigt, wie all dies miteinander interagiert und sich ineinander kombiniert“, erklärte Jardin unlängst im Rahmen eines Screenings ihrer Arbeiten in Berlin.

Ich habe diese kosmologische Tendenz - Immer wieder versuche ich ein Universum zu erschaffen, ein Universum, dessen naive Ambition die Logik […] durcheinanderwirft und so aufzeigt, wie all dies miteinander interagiert und sich ineinander kombiniert.

Pauline Curnier Jardin

TEETOTUM

Der DOUBLE FEATURE Trailer zu Pauline Curnier Jardins Film 

Die Einflüsse sind hierbei weit gestreut, wie die Künstlerin weiter erläutert: B-movies, Folkore, Tänze, katholische und heidnische Rituale sowie natürlich auch vorangegangene Experimentalfilmer.

Eine katholische Prozession wird zum heidnischen Spektakel

„Explosion ma Baby“ aus 2016, ein weiterer Film, den sie im Double Feature vorstellt, gleicht einem achtminütigen Trance-Zustand. Dass das grobkörnige Kamerabild nicht etwa Direct Film-Manipulationen, sondern tatsächlich belichtetes Filmmaterial einer Super 8-Filmkamera zeigt, wird erst nach einigen Augenblicken klar. Zu verwackelt ist das Bild, die Kamera bleibt zu nah am Gefilmten, vergönnt keine klärende Totale. Luftschlangen und Konfetti fliegen durch die Luft, Farbbomben zerplatzen und immer wieder sind nackte Kleinkinder zu sehen, die von Erwachsenen in die Luft gehoben werden, im Hintergrund Bilder von Euroscheinen, die an Reißleinen hängen.

Pauline Curnier Jardin, Explosion ma Baby (Filmstill), 2016

Man meint, Zeuge eines heidnischen Rituals zu werden, aber das Gegenteil trifft vielmehr zu: Jardin zeigt in „Explosion ma Baby“ die katholische Prozession zu Ehren Sankt Sebastians, der von Gläubigen als Märtyrer und Heiliger verehrt wird. Über fünf Jahre hinweg hatte die Künstlerin Aufnahmen des christlichen Festes angefertigt. Unterlegt werden die Aufnahmen, die nahezu ausschließlich aus Close-ups bestehen, mit einem Percussion-Soundtrack, der die gezeigten Bilder eher in der Sphäre einer exzessiven Goa-Party denn in die eines religiösen Festes anzusiedeln vermag. Die Arbeit brachte Jardin mehrere Auszeichnungen auf internationalen Film-Festivals ein.

Psychologisch komplexes Drama in der Verkleidung eines Horrorfilms

Im Anschluss des Screenings der eigenen Arbeiten wird Pauline Curnier Jardins Lieblingsfilm „Celia“ aus dem Jahre 1988 zu sehen sein. Regie führte die australische Filmemacherin Ann Turner, von der auch das Drehbuch stammt. Das psychologisch komplexe Drama entspinnt sich um die neunjährige Celia, die in den 1950er Jahren im Melbourner Vorstadtgebiet aufwächst. Inmitten der politisch aufgeheizten Stimmung um die Kommunisten-Hatz der Nachkriegs-Ära und während einer immer aggressiveren Hasen-Plage – die aus Europa importierten Tiere vernichteten ganze Pflanzenarten – ereignet sich ein persönliches Drama: Die geliebte Großmutter des Mädchens verstirbt. Im Unverständnis über das Verhalten der Erwachsenen, im Besonderen das ihres Vaters, kann Celia zunehmend schwerer zwischen Realität und Fantasie unterscheiden, was eine folgenschwere Kettenreaktion in Gang setzt.

Ann Turner, Celia (Filmstill), 1988

Unaufgeregt und überaus sensibel zeigt Turner so Wahrnehmungswelt und Alltagserleben des Mädchens, das sich auf die strapaziösen Anforderungen der gesellschaftlichen Realität einen ganz eigenen Reim macht und dementsprechend handelt. Da „Celia“ in Nordamerika als nicht kinotauglich eingestuft und so direkt auf Video veröffentlicht wurde, kam es seinerzeit zu einem Kuriosum: Das Werk, das sich als klassischer Autorenfilm so recht in kein Genre pressen lassen wollte, erhielt den Untertitel „Child of Terror“ und wurde fortan als Horror-Film promotet. Der Horror, den die Genre-Einordnung Turners Film aufzwang, ist aber hier der alltägliche Wahn und nicht etwa das gattungstypisch gruselige Spektakel.

Die Realität liegt im Auge des Betrachters

Wahn, der vom Individuum lediglich unterschiedlich kodiert aufgearbeitet und im Folgenden subjektiv er- wie auch gelebt wird. Die Realität als Konstrukt der eigenen Wahrnehmung – dieses Bild lässt sich wiederum sehr gut mit dem Teetotum, dem Nimmgib-Kreisel, beschreiben: Je nach Blickwinkel, ob obere oder untere Seite, eine vollkommen unterschiedliche Bedeutung, eine je eigene Wahrnehmung, ausgehend vom selben Gegenstand der Betrachtung.