09. Januar 2020

Auflegen als feministisch-politische Praxis? Mit Hip-Hop, R&B und Techno mischt GG Vybe die männlich dominierte Clubszene auf, und am 11. Januar auch die SCHIRN.

Von Markus Wölfelschneider (Text), Neven Allgeier (Foto)

Mit den winterkalten Händen in den Jackentaschen stehen wir auf dem Bockenheimer Campus vor dem Café KOZ – zunächst vor verschlossenen Türen. Auf der Fassade des Gebäudes prangt das Gesicht einer Frau, auf deren herausgestreckter Zunge „Fight Sexism“ geschrieben steht. Das Graffiti entstand im Rahmen eines Workshops, den die Frankfurterin DJ Nikki on Fleek organisiert hat.

Um ihr Sozialpädagogik-Studium zu finanzieren, arbeitete Nikki on Fleek im KOZ an der Bar. Seit 2014 organisiert sie hier Barabende mit dem Titel „Donuts and Diamonds“. Später folgten Partys, die sie zusammen mit dem Veranstaltungsteam „Vice Versa“ auf die Beine stellte. Seit 2017 gibt sie DJ-Workshops speziell für Frauen. 13 besonders engagierte Teilnehmerinnen im Alter zwischen 21 und 40 Jahren formierten sich anschließend zur DJ-Crew „GG-Vybe“. Die beiden Gs im Namen spielen auf das Logo des Designer-Labels Gucci an, das in der Hip-Hop-Szene der vergangenen Jahre enorm beliebt war.

Frauen sollen in der Club­szene sicht­ba­rer werden

Rund die Hälfte der Gruppe ist an diesem Samstagvormittag vor dem KOZ erschienen: die DJs Jaraya, Febi, Nikki on Fleek, Glitzer Hearing, Johanna und Libra. Weil sich ein mitgebrachter Schlüssel als der falsche entpuppt, ziehen wir kurzerhand in ein Restaurant in der Mertonstraße weiter und setzten uns rund um einen massiven Holztisch.

Nikki on Fleek, Foto: Neven Allgeier

„Bevor ich den ersten Workshop gegeben habe, hatte ich selbst gerade erst ein einziges Mal vor Publikum aufgelegt“, erzählt Nikki on Fleek. „Ich besaß einen Laptop und einen Controller, den ich mir für 35 Euro auf Ebay ersteigert hatte. So ein ganz billiges Ding. Ich wollte weg von diesem Kult ums Vinyl. Schallplatten sind schließlich teuer und eher unpraktisch. Ich finde, jeder sollte es sich leisten können, aufzulegen.“

Den Job des DJs ein Stück weit zu entmystifizieren, indem man Räume und Equipment für jeden verfügbar macht, der bereit ist, sich bestimmte Fähigkeiten anzueignen – all das verstehen „GG Vybe“ durchaus als politischen Akt. Ihr Anliegen: Frauen sollen in der Clubszene sichtbarer werden. Meist sind es männliche Clubbetreiber oder Booker, die darüber entscheiden, wer hinter den Turntables steht. „Manchmal recherchieren die Booker auch schlecht und arbeiten damit ohne bösen Willen dem Vorurteil entgegen, es gäbe nicht genügend weibliche DJs“, erklärt DJ Glitzer Hearing. „Natürlich könnte es in der Szene noch viel mehr Frauen geben. Aber oft sind sie bloß unsichtbar.“

Ich finde, jeder sollte es sich leisten können, aufzulegen.

Nikki on Fleek
GG Vybe, Foto: Neven Allgeier

„Viele Frauen wollen auflegen, aber trauen sich erst einmal nicht so richtig,“ erzählt Febi. Umso wichtiger sei es, sich gegenseitig zu bestärken. „Ich habe hier eine Gruppe gefunden, in der ich mich von Anfang an wohl fühlte und weiterentwickeln konnte“, bestätigt Libra. Die Mitglieder von „GG Vybe“ bezeichnen sich ganz selbstverständlich als Feministinnen – aber auf eine undogmatische, unkomplizierte Weise, die für unterschiedliche Ansichten offen ist. „Ich finde es cool, dass wir uns nicht so viel Gedanken um Ideologie oder Theorie machen, sondern eher durch unser Handeln Politik betreiben“, sagt Johanna – und Jaraya ergänzt: „Schließlich sind wir ja auch kein Lesekreis, sondern eine DJ-Crew.“

Längst haben sich die DJs (den Begriff „DJane“ lehnen die meisten aus der Gruppe ab) eine Menge technischer Skills angeeignet und legen nicht mehr nur auf dem Campus auf. Im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld, in der Exzess-Halle oder in der Offenbacher HfG-Kapelle konnte man bereits ihre DJ-Sets erleben. Vergangenes Jahr bekam „GG Vybe“ eine eigene Partyreihe im Yachtklub, einem Bootshaus auf dem Main. Einzeln oder gemeinsam werden die DJs inzwischen an Orten überall in Deutschland gebucht. „Wenn eine von uns auflegt, reisen die anderen oft zur Unterstützung mit“, erzählt Jaraya.

Schließlich sind wir ja auch kein Lesekreis, sondern eine DJ-Crew.

Jaraya
Jaraya, Foto: Neven Allgeier

Am 11. Januar sind zehn DJs der Crew zu Gast in der SCHIRN, wo mit der Partyreihe SATURDAY BEFORE CLOTHING die Ausstellungen Lee Krasner und Hannah Ryggen zu Ende gehen. Jeweils zwei von ihnen werden dann Pärchen bilden und ihre CDJ-Player (das sind digitale Media-Player mit dem Look and Feel eines Plattenspielers) in das Mischpult einstöpseln, um sich beim Auflegen abzuwechseln. Back to back nennt man das im DJ-Jargon. Gespielt werden Hip-Hop, R&B und die unterschiedlichsten Varianten von Techno und House.

Wir beenden unsere vormittägliche Café-Runde und schlendern zurück zum KOZ. Die Tür ist inzwischen geöffnet. In dem langgestreckten, lichtdurchfluteten Raum mit den hohen Fensterreihen stehen sich an den Breitseiten eine riesige Bar und ein DJ-Pult gegenüber. Hier beginnen wir eine Fotosession, die uns noch einmal raus in die Kälte und quer über den Campus führt – bevor wir uns in alle Himmelsrichtungen zerstreuen.

Johanna, Foto: Neven Allgeier