Double Feature

Das Double Feature versteht sich als Plattform für verschiedene Strömungen und Ausdrucksformen der Film- und Videokunstproduktion. Seit mehr als acht Jahren lädt die SCHIRN nationale und internationale Film- und Videokünstlerinnen und -künstler ein, ein Werk aus ihrem eigenen Schaffen zu präsentieren, gefolgt von einem Film ihrer Wahl. In der SCHIRN wurden bereits Filme und Videoarbeiten von über 60 Künstlern und Künstlerinnen gezeigt. Die Videos und Gespräche mit den bisher beteiligten Künstlern sind über den YouTube-Kanal der SCHIRN unter dem Titel "Video Art" abrufbar. Auch das SCHIRN MAGAZIN liefert regelmäßig diskursive Beiträge mit redaktionellem Schwerpunkt Videokunst zur Double Feature-Reihe.

Yalda Afsah, SSRC, 2022 (Filmstill), © Yalda Afsah

Double Feature versteht sich als Plattform für ganz unterschiedliche Tendenzen und Ausdrucksformen der künstlerischen Filmproduktion

YALDA AFSAH

Yalda Afsah erforscht in ihren Videoarbeiten die komplexe Beziehung von Menschen und Tieren. In der SCHIRN präsentiert sie den Film SSRC (kurz für: "Secret Society Roller Club", 2022, 20 Min.), der sich dem speziellen sozialen Umfeld der Roller Pigeon Clubs im Süden von Los Angeles widmet, in welchem Tauben wegen ihrer mysteriösen Rückwärtsrollen im Flug zu Sportzwecken gezüchtet, trainiert und domestiziert werden. In ihren Videoarbeiten zeigt Afsah die Ambivalenz interspezifischer Beziehungen zwischen Fürsorge und Kontrolle, physischer Stärke und gebrochenem Willen, Instinkt und Manipulation auf. SSRC nimmt dabei insbesondere die verschwommene Grenze zwischen Pflege, Zuwendung und Identifikation mit Tieren auf der einen, und Disziplin, Unterwerfung und menschlicher Dominanz auf der anderen Seite in den Blick und versucht, diese Dichotomien zu hinterfragen und aufzulösen

Yalda Afsah, SSRC, 2022 (Filmstill), © Yalda Afsah

PENG ZUQIANG

Peng Zuqiang erkundet mit Filmen, Videos und Installationen die affektiven Aspekte von Geschichten, Körpern und Sprache. In der November-Ausgabe von Double Feature stellt der Künstler seinen Film "Sight Leak" (2022, 12 Min.) vor, in dem er Bezug nimmt auf Notizen von Roland Barthes, welche dieser während einer Chinareise 1973 machte: "Der Mond, die manchmal dunkle Straße, die Bäume, es ist warm [...], endlich ist eine gewisse Erotik möglich (die der warmen Nacht)." Die Notiz sollte Teil des zu Lebzeiten nie veröffentlichen Werkes Reisen in China werden, die eine Nebenhandlung des Begehrens in seiner Imagination des Landes skizziert. Peng antwortet mit seinem Werk auf Barthes‘ beunruhigende "Urteile über China" und bietet eine mögliche Subversion eines homoerotischen fremden Blicks

Peng Zuqiang, Sight Leak (2022), Filmstill, © Peng Zuqiang

ANJA KIRSCHNER

Anja Kirschner beschäftigt sich in ihrer Arbeit, ausgehend von umfangreichen Recherchen zu den technologischen und ästhetischen Potenzialen immersiver Medien, unter anderem mit dem Motiv der katastrophalen Zerstörung in post-apokalyptischen Computerspielwelten. In der SCHIRN präsentiert die Künstlerin den Film UNICA (2022, 35 Min.), in der die Spuren einer latenten Katastrophe in historischen, simulierten und inneren Welten freigelegt werden. UNICA ist nach der Schriftstellerin und Künstlerin Unica Zürn (1916–1970) benannt, deren illustrierter Text Das Haus der Krankheiten (1958) ihren Körper und ihre Institutionalisierung als eine Formation darstellt. In Anagrammen und phantastischen Körperdarstellungen provozierte Zürn einen Bruch mit normativen anatomischen, architektonischen und sprachlichen Gefügen, denen sie sich ausgesetzt sah. Kirschner überträgt Zürns generative Herangehensweise auf digitale Produktionsformen und historische Drehorte und verknüpft sie zu einer zutiefst aktuellen und ortsspezifischen Auseinandersetzung

Anja Kirschner, UNICA (2022), Filmstill, © Anja Kirschner
Igor Vidor, A Praga (2020), Filmstill, © Igor Vidor

IGOR VIDOR

Igor Vidor untersucht in seinen Arbeiten Mechanismen und Symbole von politischer Macht und systemischer Unterdrückung. In seinen Installationen und Videos kommentiert er die tief verwurzelte Gewalt und soziale Ungerechtigkeit im alltäglichen Leben der Menschen in Lateinamerika. Diese Verhältnisse scheinen sich durch die Politik in Brasilien zu wiederholen und entladen sich in perfiden Polizei-Praktiken paramilitärischer Gruppierungen. In seiner Videoarbeit “A PRAGA” (übers. Die Plage, 2020) prangert Vidor Deutschland und andere Länder des globalen Nordens an, durch die Produktion von Waffen und ihren lukrativen Handel, an der Verbreitung von Gewalt und Rassismus in Brasilien mitverantwortlich zu sein. Im Film verblendet er Aufnahmen von Polizeieinsätzen in Brasilien mit dokumentarischen Aufzeichnungen in der Kleinstadt Oberndorf am Neckar in Baden-Württemberg und untersucht die Verbindung zwischen der dort ansässigen Waffenindustrie und den seit Hundert Jahren währenden Export von Waffen an den lateinamerikanischen Kontinent.

Eva Giolo, A Tongue Called Mother (2019), Filmstill © Eva Giolo

EVA GIOLO

Die 1991 in Brüssel geborene Eva Giolo arbeitet mit den Medien Film, Video und Installation. Sie legt einen besonderen Schwerpunkt auf die weibliche Erfahrung und setzt experimentelle und dokumentarische Strategien ein, um Themen wie Intimität, Beständigkeit und Erinnerung sowie die Analyse von Sprache und Semiotik zu untersuchen. Giolo nutzt ihre Kamera, um die „banalen“ Momente des Alltags einzufangen und ihre verborgene Tiefe zu enthüllen. Sie ist Mitgründerin und künstlerische Leiterin von Elephy, einer Produktionsstätte für Film und Medienkunst in Brüssel. Beim Double Feature in der Schirn zeigt Giolo ihre Videoarbeit A Tongue Called Mother (2019, 18 Min.). In einer ruhigen filmischen Montage werden Bilder lesender Schülerinnen und Schüler mit Alltagsszenen von Frauen aus drei Generationen einer Familie verbunden. Es entsteht ein Geflecht der Wechselbeziehungen zwischen Sprache, Gestik und Zugehörigkeit

AZIZ HAZARA

Künstler Aziz Hazara, geboren 1992 in Afghanistan, arbeitet mit verschiedenen Medien wie Videoinstallation, Fotografie, Sound oder Skulptur. In seinen Werken setzt er sich mit Fragen der Erinnerung, der Identität und des Konflikts auseinander. Dabei untersucht Hazara die Spuren der sowjetischen und der US-amerikanischen Besatzung Afghanistans im Kontext von Machtverhältnis, Geopolitik und Überwachung. Beim Double Feature in der Schirn zeigt er seine neuste Videoarbeit Takbir (2022, 9:57 Min.): In den 1980er-Jahren nutzten die Einwohner Kabuls die Dunkelheit der Nacht, um gegen die anhaltende sowjetische Besatzung zu protestieren. Nach dem Ende der US-geführten NATO-Invasion 2021 gingen sie erneut auf ihre Dächer und riefen in der Dunkelheit den Takbir, den Ruf „Allah-u akbar“, als akustischen Akt des Trotzes, als kollektive Rückgewinnung des Raums. Mit Takbir spannt Hazara einen Bogen über die jüngere Geschichte Afghanistans, von ihrer Unabhängigkeit bis hin zur heute andauernden Gewalt durch religiösen Fundamentalismus. Gedreht in Kabul nach der Machtübernahme durch die Taliban, untersucht die Videoarbeit die Vorstellung, dass Dunkelheit auch eine Zuflucht bieten kann.

Aziz Hazara, Takbir, 2022,Courtesy of the artist, Experimenter, and Fondazione In Between Art Film, Photo: Andrea Rossetti
Philipp Gufler, Lana Kaiser, 2020, Filmstill © Philipp Gufler

PHILIPP GUFLER

Philipp Gufler hinterfragt in seinen multimedialen Arbeiten die Machtstrukturen von Heteronormativität. Immer wieder greift der Künstler dabei auf selbst-organisierte Archive zurück und rückt Persönlichkeiten der jüngsten Vergangenheit in das Zentrum seines Schaffens. Oft schlüpft er auch selbst in die Rolle dieser Personen und kreiert dadurch eine neue Narration. Im Double Feature stellt Gufler seine Videoarbeit "Lana Kaiser" (2020, 13 Min.) vor. Sie widmet sich dem als Daniel Küblböck populär gewordenen Medienstar der 00er-Jahre. Lana Kaiser, so der selbst gewählte Name Küblböcks, war als queere Person für ihre Fans eine essentielle Identifikationsfigur. Lana Kaiser verschwand 2018 auf einer Schiffsreise nach Nordamerika. Philipp Guflers Kurzfilm kann als Hommage verstanden werden, eröffnet aber zugleich einen komplexen Diskurs über den kontroversen Umgang der deutschen Medienlandschaft mit der Darstellung von Queerness als „Otherness“

Jovana Reisinger, Unterwegs im Namen der Kaiserin (Filmstill), © Jovana Reisinger

JOVANA REISINGER

Die Autorin, Regisseurin und Künstlerin Jovana Reisinger hebt in ihren Arbeiten festgefahrene Verhaltensweisen, marktgesteuerte Entscheidungen und Identifikationen hervor, die durch Stereotype gebildet werden. Konsum, Geschlechterrollen und Schönheitsstandards in einer Leistungsgesellschaft nimmt die Künstlerin mit ihrer spezifischen Filmsprache sowohl kritisch als auch humorvoll in den Blick. In der SCHIRN präsentiert Reisinger ihren jüngsten Film "Unterwegs im Namen der Kaiserin. Prequel" (2022, 17 Min.), in dem sie drei hippe junge Menschen in die Berge schickt. Romy, Karlheinz und Magda-Gustav, benannt nach Schauspielerinnen und Schauspielern der bekannten Sissi-Triologie, begeben sich unter dem Motto „Forever young –egal wie!“ auf die Suche nach dem legendären Jungbrunnen, in dem bereits Kaiserin Sissi und König Ludwig II. gebadet haben sollen. Reisinger führt mit der Videoarbeit nicht nur die mit dem Heimatfilm verbundenen Klischees vor, sondern widmet sich auch dem Lebensgefühl einer Generation zwischen Jugendwahn, schicker Outdoor-Kleidungund Instagram

James Gregory Atkinson, Detroit Archive, 2019 (Film Still) © James Gregory Atkinson

JAMES GREGORY ATKINSON

James Gregory Atkinson reagiert mit seinen multimedialen Arbeiten auf die extreme Unvollständigkeit offizieller Archive in Bezug auf Schwarze Menschen, ihren Erzählungen und Kulturen. Dafür greift er auf die Geschichte von queeren und Schwarzen Menschen zurück und bringt diese in einen Dialog mit gegenwärtigen Verhältnissen. In der SCHIRN zeigt der Künstler zwei Videoarbeiten, die sich auf Detroit beziehen. Setting von "The Day I Stopped Kissing my Father" (2019, 3:54Min.) ist die Detroit Public Library und ihre große Halle, deren Wandbilder die amerikanische Geschichteunter Ausschluss Schwarzer Menschen zeigt. Atkinson lässt einen jungen schwarzen Hahn als Symbol für Sexualität, Begehren und Angst durch die Halle laufen. Seine Jugendlichkeit spielt auf Erkenntnisse über normative Vorstellungen von Männlichkeit und Patriarchat an. Mit dem fortlaufenden Projekt "Detroit Archive" (2019-heute) geht Atkinson der Idee des Körpers als Archiv nach. Mitglieder der Detroiter Ballroom-Szene stellen ihm Videos zur Verfügung, mit denen er ein Archiv für die Community aufbaut. Ihre Performances sind Form nonverbaler Kommunikation und gestischer Selbstdarstellung, deren Sichtbarkeit durch die Sammlung dokumentiert wird.

Bani Abidi, The Distance From Here, 2009 (Filmstill), © Bani Abidi

BANI ABIDI

Bani Abidi ist bekannt für ihre unverwechselbare Filmästhetik, die von subtilem Humor und den dunklen Absurditäten des Alltags geprägt ist. Ihr Film "The Distance from Here" (2009) handelt von der Beantragung einer Reiseerlaubnis, dem bürokratischen Prozedere und dem nervösen Warten auf das Visum. Abidi inszeniert dafür eine anonyme Menschenmenge ähnlich einem absurden Theater an einem nicht definierten Ort. Scheinbar nur einer Formalie folgend erlangt das Warten für das Individuum eine existentielle Dimension, die über den Fortgang des Lebens entscheidet.