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Zwischen Krieg und Tagespresse

16.05.2012

4 min Lesezeit

Edvard Munch
Zwischen Krieg und Tagespresse - ein Artikel im SCHIRN Magazin der Kunsthalle Frankfurt.

Das Klischee vom einsamen KĂŒnstler, der fernab von jeglichem Einfluss im stillen KĂ€mmerlein vor sich hin arbeitet, hĂ€lt sich hartnĂ€ckig. Auch Edvard Munch wurde und wird noch heute hĂ€ufig als kreativer Eigenbrötler assoziiert. Dabei beweist ein Blick auf sein Werk, wie intensiv sich der Norweger mit seiner Außenwelt auseinandersetzte – und wie sich aktuelle Ereignisse mitunter direkt in seiner Motivwahl widerspiegeln.

Ein tiefes Erschrecken ĂŒber die Katastrophe

Diese ganz persönliche Auseinandersetzung lĂ€sst sich etwa am Holzschnitt „Panik in Oslo“ ablesen. Er zeigt vor Feuer und Rauchwolken flĂŒchtende Menschen, die Gesichter angstverzerrt, der Schrecken um sie herum nur skizzenhaft angedeutet. Mit diesem Motiv verarbeitet Munch eine Katastrophe, die er im Jahr 1879 selbst miterlebte: Eine Zeit, in der Norwegens Hauptstadt immer wieder von verheerenden BrĂ€nden heimgesucht wurde. Dabei traf es nicht zufĂ€llig vor allem die Ă€rmsten der Armen, deren eng aneinander stehenden HĂ€user schon durch einen einzigen Brand in kĂŒrzester Zeit vernichtet werden konnten. Sein tiefes Erschrecken ĂŒber die Katastrophe schrieb Munch bereits mit 15 Jahren in seinem Tagebuch nieder, es dĂŒrfte ihm rund 38 Jahre spĂ€ter auch als ErinnerungsstĂŒtze fĂŒr das Werk gedient haben.

Hinrichtungen, Mord und Krieg

Nicht immer war der Maler dabei selbst vor Ort, wenn die tragischen Ereignisse ihren Lauf nahmen. Als wacher Beobachter seiner Zeit las Edvard Munch sowohl norwegische als auch internationale Zeitungen und nutzte sie als Inspirationsquelle fĂŒr sein kĂŒnstlerisches Schaffen. Dabei zeigte er ein besonderes Interesse fĂŒr die abgrĂŒndigen Geschichten, die sich hinter den Meldungen des Tages verbargen. HĂ€ufig waren es Themen wie Hinrichtungen (zum Beispiel die Lithografie „The Execution“), Mord und Krieg, die Munch in seinen Bildern aufgreift. Und auch im persönlichen Umfeld fand der Maler Motive fĂŒr sein Werk: Seinem Streit mit dem jĂŒngeren Malerkollegen Ludvig Karsten, der nach einem betrunkenen Abend in einer handfesten Auseinandersetzung endet, widmete Edvard Munch gleich mehrere Bilder („Die SchlĂ€gerei“, „UnerwĂŒnschte GĂ€ste“).

Ein weiterer Hinweis auf das Zusammenspiel von Außen – und Innenwelt des norwegischen Malers findet sich in Bildern wie dem großformatigen „Arbeiter im Schnee“. Ohne einen explizit politischen Kontext zu formulieren, bildet Edvard Munch hier doch gesellschaftliche RealitĂ€ten ab, die von der medialen Öffentlichkeit damals in erster Linie in einen negativen Kontext gesetzt wurde. Man fĂŒrchtete sich gemeinhin vor einem Erstarken der sogenannten Arbeiterklasse und vor dem Schrecken von Kommunismus und Sozialismus. Ein Thema, das auch Edvard Munch beschĂ€ftigte – neben politischen Aspekten schien ihn hier jedoch nicht zuletzt auch das Ă€sthetische Gehalt der Arbeiterbewegung zu faszinieren. Gleichzeitig lĂ€sst sich auch bei den Arbeiter-Motiven ein direkter, persönlicher Bezug herstellen: Als Vorbild fĂŒr die dargestellten Figuren dienten dem Maler Arbeiter, die sein Atelier umbauten.

Von der Postkarte auf die Leinwand

Inspiration fand Edvard Munch dabei nicht allein in seiner unmittelbaren Umgebung oder in Zeitungsmeldungen: HĂ€ufig dienten ihm zum Beispiel auch Postkarten als Vorlage fĂŒr seine Motive. In einigen Werken lassen sich diese Vorlagen bis ins Detail nachvollziehen: So zum Beispiel in der Lithografie „Wald in Wiesbaden“, die mit ihrem ausgeprĂ€gten Wechsel von Licht und Schatten und dem dichten BlĂ€tterdach nicht zufĂ€llig an eine Postkarte des Wiesbadener Hotel Kaiserhof denken lĂ€sst. Im Archiv des Osloer Munch-museet finden sich weitere Beispiele, die belegen, wie der norwegische Maler immer wieder Postkartenansichten aufgriff und mit seiner unverwechselbaren Handschrift zu einem eigenstĂ€ndigen Werk verarbeitete.

Diese Vorgehensweise ist dabei keineswegs mit bloßem Abmalen zu vergleichen. Ganz im Gegenteil gewinnt der Umwandlungsprozess vom fertigen Postkarten-Motiv hin zur eigenstĂ€ndigen Malerei bei Munch eine ganz besondere Dynamik. Einzelne visuelle Aspekte der ursprĂŒnglichen Vorlage werden verfremdet, andere stĂ€rker betont und auf die Spitze getrieben. Und auch die bloße Auswahl der Ansichtskarten lĂ€sst eine intensive Auseinandersetzung des KĂŒnstlers mit den Gegebenheiten seiner Zeit erkennen: Indem der Maler sich ĂŒberhaupt mit scheinbar banalen Vorlagen wie der zur Jahrhundertwende beliebten Ansichtspostkarte beschĂ€ftigt, positioniert er sich ganz klar als moderner KĂŒnstler, der den aktuellen technischen Entwicklungen mit großer Neugierde gegenĂŒber steht. WĂ€hrend viele andere Maler seiner Zeit das Aufkommen der Photographie, spĂ€ter auch des bewegten Bildes Ă€ußerst kritisch betrachteten, empfing Edvard Munch die neuen Medien mit offenen Armen. Die Verarbeitung klassischer Motive und populĂ€rer, teils kitschiger Landschaften zu einem eigenstĂ€ndigen, kĂŒnstlerischen Werk kann somit auch als ganz persönlicher Umgang mit der damals beginnenden Bilderflut gedeutet werden.