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Woody Allen und die Surrealisten

26.05.2011

3 min Lesezeit

Woody Allen und die Surrealisten - ein Artikel im SCHIRN Magazin der Kunsthalle Frankfurt.

Seit Jahrzehnten bringt Woody Allen Jahr fĂŒr Jahr einen neuen Film ins Kino. Nachdem traditionellerweise seine Heimatstadt New York die heimliche Hauptrolle innehatte, sind in den letzten Filmen europĂ€ische Metropolen, wie Barcelona oder London, die SchauplĂ€tze seiner Filmhandlungen. Allens neuester Film „Midnight in Paris“ stellt die französische Hauptstadt in den Mittelpunkt. Anlass genug, auch Carla Bruni-Sarkozy, ehemaliges Model und nun Gattin des französischen StaatsprĂ€sidenten, eine kleine aber feine Rolle als Pariser FremdenfĂŒhrerin zu reservieren.

„Midnight in Paris“ erzĂ€hlt vom amerikanischen Paar Inez und Gil – dargestellt von Rachel McAdams und Owen Wilson, die kurz vor ihrer Hochzeit stehen und auf einem mehr oder weniger romantischen Paris-Trip sind. Nicht nur Inez‘ nörgelige Eltern sind ebenfalls vor Ort, sondern auch noch Inez‘ ehemaliger College-Schwarm Paul samt Begleitung. WĂ€hrend die Eltern GeschĂ€fte abschließen, unternehmen die Paare gemeinsame StreifzĂŒge durch Paris.

Besserwisser Paul (gespielt von Michael Sheen) wickelt als wandelndes Lexikon Inez um den Finger und geht Gil gewaltig auf die Nerven. Denn der Hollywood-Drehbuchschreiber trĂ€umt von einem BohĂšme-Leben als Schriftsteller in Paris, am liebsten in den 20er Jahren. Gil klinkt sich zunehmend aus den Sightseeing-AktivitĂ€ten aus und arbeitet im Hotelzimmer an seinem RomandebĂŒt. Als er eines Nachts einsam durch die verregneten Straßen von Paris spaziert, erhĂ€lt er auf surreale Art und Weise Zugang zum Goldenen Zeitalter, von dem er die ganze Zeit trĂ€umt. Er findet sich wieder auf Swing-Tanzabenden, lernt Scott F. Fitzgerald und seine trinkfreudige Gattin kennen und diskutiert mit Ernest Hemingway ĂŒber das Leben und die Liebe.

Viel mehr ĂŒber diese vergnĂŒgliche Zeitreise sollte man nicht verraten, außer vielleicht Gil’s surreale Begegnungen mit einigen der Protagonisten der „Surreale Dinge“-Ausstellung der SCHIRN Kunsthalle. In einem Pariser Salon bittet Salvador DalĂ­ – dargestellt von Adrien Brody – umringt von seinen Freunden Luis Buñuel und Man Ray, Gil an seinen Tisch. Die GlĂ€ser sind mit Wein gefĂŒllt und die Surrealisten lauschen amĂŒsiert Gils Geschichte von seinem Liebeskummer und der Zerrissenheit zwischen den Jahrhunderten. WĂ€hrend seine Verlobte Inez das Tanzbein mit Paul im Paris der Gegenwart schwingt, hat Gil im Paris der 20er-Jahre ein Auge auf die Muse von Picasso geworfen.

Luis Buñuel: A man in love with a woman from a different era. I see a photograph!
Man Ray: I see a film!
Gil: I see an insurmountable problem!
Salvador DalĂ­: I see a rhinoceros!

Der Dialog bildet die skurrile Begegnung von Gil mit bekannten Persönlichkeiten aus einem anderen Zeitalter wunderbar ab. Wieder einmal gelingt es Woody Allen eine surreale Geschichte – im wahrsten Sinne – zu erzĂ€hlen. Er lĂ€sst Gil in traumhaften Sequenzen das Goldene Zeitalter erleben, erst staunend, dann ganz in seinem Element. Allen liefert witzige Querverweise auf Kunstwerke des Zeitalters, beispielsweise indem er Gil – den Hollywood-Drehbuchschreiber – dem avantgardistischen Filmemacher Buñuel eine Idee fĂŒr einen surrealistischen Film vorschlagen lĂ€sst (Buñuels spĂ€teres Meisterwerk „Der WĂŒrgeengel“).

Woody Allens Zeitreise hat Tempo, wird gewohnt geistreich erzÀhlt und von einem hochkarÀtigen Ensemble prÀsentiert. Neben Marion Cotillard als sinnliche Muse der Maler ist beispielsweise auch Kathy Bates zu sehen. Doch in welcher Rolle, das sollte man am besten selbst herausfinden und sich ins Paris der 20er Jahre begeben.