âPublikumsnah mit deutschsprachigen Filmen abseits der Schweighöfer-Mainstreams und irgendwie studentisch.â Es ist eine sympathische Beschreibung des ehrenamtlich gestemmten âFILMZ â Festivals des deutschen Kinosâ, die Stella Dresselhaus aus dem Organisationsteam ohne groĂ nachzudenken ĂŒber die Lippen kommt. Bereits zum 15. Mal wird im Rahmen des Mainzer Festivals der deutschsprachige Film auch aus Ăsterreich und der Schweiz in den Wettbewerbskategorien Spielfilm, Dokumentarfilm und Mittelanger Film und einem breiten Rahmenprogramm gefeiert.Â
Was als kleines studentisches Ding anfing, ist mittlerweile feste GröĂe in der Kulturlandschaft unseres Nachbarbundeslandes. Der wohl prominenteste Gast in diesem Jahr ist Dominik Graf. Der renommierte Regisseur stellt seinen aktuellen Dokumentarfilm âVerfluchte Liebe deutsche Filmâ, eine essayistische Reflexion ĂŒber das deutsche Kino, vor und hat zudem noch seine authentische Berliner-Kiez-Geschichte âHotte im Paradiesâ von 2002 im GepĂ€ck.
Abseits des Mainstreams
Dem 2001 gegrĂŒndeten Festival geht es um Filme hinter der rein ökonomisch orientierten Cineplex-Fassade. In den letzten Jahren waren zum Beispiel immer wieder Vertreterinnen und Vertreter aus dem Dunstkreis des sogenannten âGerman Mumblecoreâ zu Gast in Mainz. Dabei handelt es sich um eine Bewegung, die die Improvisation auf allen Ebenen zur obersten Maxime erklĂ€rt hat: Mit einem Minibudget, oft ganz ohne Drehbuch oder mit einigen wenigen Notizen haben Regisseure wie Axel Ranisch, Nico Sommer, Jakob Lass oder Isabell Ć uba tolle Filme gemacht, die mit einer ganz eigenen Ăsthetik und Energie ĂŒberzeugen.
Ranisch hat mit seiner schrullig-schrĂ€gen Coming of Age Tragikomödie âIch fĂŒhl mich Discoâ im Jahr 2013 das Mainzer Rad gewonnen. Auch der diesjĂ€hrigen Eröffnungsfilm, âDie Hannasâ von Julia C. Kaiser, ist im Stile des âMurmelkinosâ gedreht. Spannend ist auch die Kategorie Mittelanger Film: Hier laufen Produktionen, die âzu lang fĂŒr Kurzfilme und zu kurz fĂŒr Langfilmeâ sind, aber gerade dadurch das Experimentelle des Kurzfilms und die Geschichten des Langfilms in sich vereinen können, so Stella. Ăbrigens entscheiden beim FILMZ die Besucherinnen und Besucher darĂŒber, wer am Ende die SiegestrophĂ€e, das Mainzer Rad, in den HĂ€nden halten soll. âDie Entscheidung des Publikums ist fĂŒr uns das Herz von FILMZâ, erklĂ€rt Stella.
Wer ist wir: Diskurs ĂŒber den deutschen Film
FILMZ reflektiert und diskutiert in Symposien immer wieder Entwicklungen und Tendenzen im deutschen Film. In diesem Jahr widmet sich das Festival dem Thema âWer ist Wir? Deutscher Film von Migration bis Queerâ. âWir wollen ein Statement fĂŒr Toleranz und Offenheit setzenâ, so Stella. Anhand aktueller deutschsprachiger Filme werden Fragen zu Migration, Integration und Toleranz diskutiert. Im Rahmen des Symposiums wird unter anderem Daniel Abmas feinfĂŒhliger Dokumentarfilm âTransit Havannaâ gezeigt, der drei kubanischen Transsexuellen folgt, die auf ihre Geschlechtsumwandlung warten.
Zudem beschĂ€ftigt sich das Symposium an zwei Abenden in Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum Frankfurt mit der âNeuen Deutschen Sinnlichkeitâ als Bewegung. Darunter zusammengefasst sind Produktionen, die âsehr ungewöhnlich sind fĂŒr den deutschen Film, weil sie sehr poetisch und sinnlich sindâ, so Moderator Urs Spörri vom Deutschen Filmmuseum. Wie zum Beispiel âJonathanâ von Piotr J. Lewandowski, ein sensibles und zugleich sehr körperliches Familiendrama um ein spĂ€tes Coming out und Tod. âIch beobachte auf vielen deutschsprachigen Filmfestivals, dass immer mehr Filme dieser Bewegung angehören könntenâ, erklĂ€rt Spörri weiter. Allerdings haben diese Filme Probleme, ĂŒberhaupt gefördert zu werden, da es dafĂŒr oft an Mut fehlt: Nicht selten werden darin inhaltlich gewagte Themen behandelt, zudem sei die sinnliche Erfahrbarkeit fĂŒr die verschiedenen Filmfördergremien schwer abbildbar.
GONG-Show-Trash
Aus diesem Grund versucht das Symposium mit seinem filmtheoretischen Ansatz auch Charakteristika etwa zu Kamera- und Schauspielerarbeit, Schnitt und Lichtsetzung zu definieren, um die Strömung greifbarer zu machen. Dass die Filme auf die groĂe Leinwand gehören, steht fĂŒr Urs Spörri auĂer Frage: âDas sind alles Filme fĂŒrs Kino. Da gehtâs ums sich fallen lassen, um ein GefĂŒhl der IntimitĂ€t.â
Neben Stummfilmkonzert, FILMZ Party und Filmflohmarkt gibt es mit der GONG-Show einen kultigen Rahmenprogrammpunkt, der den Trash zelebriert: Jeder kann einen eigenen Film von maximal 10 Minuten LĂ€nge mitbringen. Alle Filme, die das Publikum nicht ausgongt, werden von einer Jury bewertet und können Preise gewinnen. âWir hoffen immer, dass die Filme möglichst trashig sindâ, erklĂ€rt Stella lachend.