Reisende sind meistens auf der Suche nach dem Authentischen. Das ist heute so, und es war vor ĂŒber einem Jahrhundert schon so. Damals reiste der Grafiker und Maler Emil Orlik von Wien nach Japan und war enttĂ€uscht. Als er im FrĂŒhjahr 1900 in Yokohama an Land ging, fand er die Stadt vom âscheuĂlichen modernen Firnis ĂŒberzogenâ â wie er in einem Brief an seinen Freund Max Lehrs schrieb. Einen Monat spĂ€ter zog er in Tokio in ein Hotel, das ebensogut in der Toskana hĂ€tte stehen können, wĂ€ren da nicht die blĂŒhenden KirschbĂ€ume im Garten gewesen. Das Hotel Metropole stand im Stadtteil Tsukiji, der direkt neben der Bucht von Tokio liegt. Dort ist heute der gröĂte Fischmarkt der Welt. Damals war Tsukiji ein Viertel ganz nach dem Geschmack europĂ€ischer GeschĂ€ftsreisender: breite Boulevards und Hotels, die aussahen wie französische Schlösser oder italienische Villen. Das war aber nicht Orliks Ziel.
Emil Orlik, Japanisches MÀdchen unterm Weidenbaum, 1901, Image via orlikprints.com
Japan war in Europa schon lange ein Sehnsuchtsort. Oder zumindest der Ort, von dem modische Produkte importiert wurden. Zuerst Porzellan und Textilien. In den europĂ€ischen Salons machte wĂ€hrend der Ostasienmode im 18. Jahrhundert niemand einen Unterschied, ob das Porzellan nun aus Japan oder China stammte. Bald gab es ĂŒberall Objekte Ă la chinoise, hergestellt in Europa.
Bilder der vergÀnglichen Welt
Das Ă€nderte sich im 19. Jahrhundert. Japanische Druckgrafik wurde erstmals gesammelt und gehandelt. Die Avantgarde war auf der Suche nach neuen Formen, abseits der akademischen Ălmalerei, die zu dieser Zeit die Ausstellungen beherrschte. Maler und Grafiker glaubten nicht mehr an die alten europĂ€ischen Bildtraditionen. In diese Stimmung passte es bestens, dass sich die Wiener Secessionisten fĂŒr die Kunst auĂerhalb Europas interessierten, genauer: fĂŒr ostasiatische Kunst. Bei der britischen Arts and Crafts-Bewegung hatten sie sich die Idee einer umfassenden Lebensreform abgeschaut: Einheit von Kunst und Handwerk, Ăsthetisierung aller Lebensbereiche. Als Vorbild dienten die japanischen Meister.
Emil Orlik, Zwei Japaner - Rikscha-Zieher, 1900, Image via orlikprints.com
Wenn EuropĂ€er an Japanische Kunst dachten, verbanden sie damit zu jener Zeit vor allem den Ukiyoe-Holzschnitt. Ukiyoe, das heiĂt âBilder der vergĂ€nglichen Weltâ, und der bekannteste Meister dieser Gattung ist Katsushika Hokusai. Auf die EuropĂ€er wirkten diese Arbeiten sehr modern, die farbige Holzschnitttechnik gab es in Japan allerdings schon seit dem 18. Jahrhundert. Die Technik selbst erfordert nur wenige Werkzeuge, aber viel Ăbung. In Japan gab es, anders als in Europa, nicht nur einen KĂŒnstler, der Vorlage und Druck ausfĂŒhrte, sondern drei. Ein Maler â zum Beispiel Hokusai â kĂŒmmerte sich um die Vorlage, ein Holzschneider ĂŒbertrug diese Zeichnung in den Holzstock, am Ende fĂ€rbte ein Drucker die Platten ein. Orlik war fasziniert von dieser Aufteilung und bildete sie in drei Grafiken ab. FĂŒr die Zeitgenossen war die Ăhnlichkeit der flĂ€chigen, ornamentalen Ukiyoe-Holzschnitte und der Wiener Druckgrafik offensichtlich. Die Ukiyoe-KĂŒnstler kĂŒmmerten sich nicht um Perspektive oder korrekte Naturdarstellung. Stattdessen gehe es ihnen um die Schönheit der Linie und die Klarheit der Komposition, schrieb Adolf Fischer, Sammler ostasiatischer Kunst, im Katalog der VI. Secessionsausstellung. Die Wiener KĂŒnstler und die japanischen Meister trafen sich, zumindest auf dem Papier.
Emil Orlik, Der Maler, der Holzschneider und der Drucker, Image via bertha-lum.org
In Japan angekommen, schickte Orlik Postkarten und Briefe, die meisten an seinen Freund Max Lehr. Dem Grafikkenner und Kunsthistoriker lieĂ er kleine Zeichnungen und Probedrucke zukommen. Aus der Korrespondenz erfĂ€hrt man, dass Orlik fort wollte aus Tokio. Er studierte Japanisch, lieĂ die Hauptstadt hinter sich, wanderte ins Landesinnere. Je weiter er sich entfernte, desto mehr glaubte er sich von den europĂ€ischen Vorurteilen zu lösen. Schon im FrĂŒhjahr hatte er einen Ausflug in die alte Tempelstadt Nikko unternommen, nördlich der Hauptstadt. Dorthin zog es ihn auch spĂ€ter, als er der Sommerhitze in Tokio entkommen wollte. Orlik lernte hier die Ukiyoe-Kunst. Mit Erfolg konnte er seinem Freund Lehrs die ersten Drucke schicken.
Das echte Japan
Er sei ĂŒberzeugt, nun das spezifisch Japanische der Kunstwerke verstehen zu können, schrieb er Mitte September aus Nikko. FĂŒnf Wochen war der Wiener allein und zu FuĂ in Japan unterwegs. In Gegenden, wo, wie er behauptete, seit acht Jahren kein EuropĂ€er gewesen sei. Ein GĂ€rtner der alten TempelgĂ€rten posierte fĂŒr Orlik. Zehnfach multipliziert wurde die Figur des GĂ€rtners zum Modell seines Holzschnitts âJapanische Pilger auf dem Weg zum Fujiyamaâ. Das Thema hat Hokusai ein Jahrhundert zuvor schon in seiner Serie ĂŒber den Berg Fuji bearbeitet, aber Orlik Ă€nderte die Komposition und druckte seine eigene Version. Der Reisende mietete sich in Kyoto ein Hotelzimmer und im Winter stapelten sich dort die Druckplatten.
Emil Orlik, Japanische Pilger auf dem Weg nach Fujiyama, 1901, Image via artinwords.de
Katsushika Hokusai, Mount Fuji Viewed during a Fine Wind on a Clear Morning (Gaifû kaisei), from the series Thirty-Six Views of Mount Fuji (Fugaku sanjûrokkei), ca. 1930, Image via ids.lib.harvard.edu
In Japan war der Wiener ĂŒbrigens selbst ein Exot. Kunstzeitschriften berichteten ĂŒber ihn und seine Reiseskizzen. Nachdem sein Freund Adolf Fischer ihn einem KĂŒnstlerverein in Tokio vorgestellt hatte, konnte er dort sogar an einer Ausstellung teilnehmen. Ende Februar 1901 brach Olik wieder Richtung Wien auf. Er war einer der wenigen europĂ€ischen KĂŒnstler, die zu jener Zeit eine Reise nach Japan unternommen haben. Der Kritiker Ludwig Hevesi befand, Orliks BlĂ€tter seien noch interessanter geworden, seit er in einer japanischen Druckerei die letzten Kniffe erlernt habe. BloĂ hat Orlik nicht das authentische Japan gefunden. Aber das gibt es wahrscheinlich ohnehin nur in der europĂ€ischen Vorstellung.